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Babel

Lucas van Valckenborch, Turmbau zu Babel (1594). Bild: Wikicommons

Kommentar

Roger Köppel: Wollt Ihr die totale Sprachverwirrung?

Die «Weltwoche» vergleicht den möglichen Präsidenten der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, mit Hitler und Mussolini.

In ihrer jüngsten Ausgabe stellt die «Weltwoche» den ehemaligen Premierminister von Luxemburg, Jean-Claude Juncker, auf dem Titelbild in eine Reihe mit Napoleon, Mussolini und Hitler. Juncker war der Spitzenkandidat der siegreichen konservativen Fraktion bei der Wahl zum Europaparlament und hat daher gute Chancen, der nächste Präsident der EU-Kommission zu werden. Mit dem Titelbild suggeriert die «Weltwoche» daher nicht weniger, als dass die EU bald faschistisch regiert werden könnte.

Der Faschismus verfolgte dasselbe Ziel wie heute die EU: Eine Vereinigung Europas gegen den Willen der Europäer. 

Thierry Baudet

Gestützt wird die These «EU gleich Faschismus» im Inneren des Blattes mit einem Essay eines jungen holländischen Publizisten namens Thierry Baudet. Mit ein paar Zitaten von Mussolini und Goebbels kommt er zur erstaunlichen Aussage, wonach der Faschismus das gleiche Ziel verfolgt habe wie heute die EU: Eine Vereinigung Europas gegen den Willen der Europäer. 



Marine le Pen als heilsame Retourkutsche

Erneut sei eine abgehobene politische Elite am Ruder, gegen die das gemeine Volk zu Recht rebelliere, lautet Baudets Grundtenor. Zum gleichen Schluss kommt auch Chefredaktor Roger Köppel in seinem Editorial. Die Erfolge der Rechtspopulisten bei den Wahlen zum Europaparlament seien nicht etwa Vorboten eines neuen Nationalismus. «Was wir jetzt zum Glück erleben, ist eine heilsame Retourkutsche der Demokratie», stellt Köppel fest. 

Köppels groteske Geschichtsklitterung ist keine einmalige Entgleisung. Derzeit ist eine totale Sprachverwirrung im politischen Vokabular wieder normal geworden. Am frivolsten treibt es dabei der russische Präsident Wladimir Putin. Er hat Russland in den letzten Jahren auf einen harten nationalistischen Kurs getrimmt, hat dabei systematisch die Opposition ausgeschaltet, hetzt gegen Schwule, höhnt über westliche Dekadenz, beschwört traditionelle Werte Russlands und lügt schamlos. 

Kurz: Putin spielt das klassische Repertoir des Faschismus durch und rechtfertigt dies im Namen des Anti-Faschismus. Er müsse die Russen vor den Faschisten retten, beteuert Putin tolldreist. 

Obama mit Hitlerschnauz

In den USA wird Präsident Barack Obama ausgerechnet im rechtsextremen TV-Sender «Foxnews» regelmässig mit Hitler verglichen. Tea-Party-Mitglieder schwenken bei ihren Demonstrationen Plakate, die ihn mit einem Hitlerschnauz zeigen. 

epa01858087 Thousands of people join a march and demonstration to protest health care reform proposed by US President Barack Obama in Washington DC, USA, 12 September 2009. Organized by a conservative group called the Tea Party Patriots, the demonstration began at Freedom Plaza and ended at the US Capitol Hill.  The sign in the center of the picture depicts US President Barack Obama with a mustache famously worn by German dictator Adolf Hitler.  EPA/MICHAEL REYNOLDS

USA 2009: Tausende Menschen demonstrieren gegen Obamas Gesundheitsreform.  Bild: EPA

Seine Gesundheitsreform – die in etwa das verwirklicht hat, was bei uns längst normal ist – wird als totalitär, sein erfolgloser Kampf für ein schärferes Waffengesetz als faschistisch bezeichnet. 

Der Begriff «Faschismus» ist bedeutungslos und damit beliebig verwendbar geworden. 

«Wenn ich ein Wort verwende», belehrt Humpty Dumpty Alice im Wunderland, «dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.» 

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Humpty Dumpty erklärt Alice seine Vorstellung von Semantik.  Bild: Tumblr/alicismo

Nach dieser Devise wird heute das Wort Faschismus verwendet. Historisch gesehen war Faschismus die Bezeichnung für eine bestimmte, autoritäre Staatsform. Heute bezeichnen sich die Faschisten als Anti-Faschisten und beschimpfen gleichzeitig ihre Gegner als Faschisten. Der Begriff ist bedeutungslos und damit beliebig verwendbar geworden. 

Wenn Krieg zu Frieden wird

Wir erleben etwas, das George Orwell in seinem legendären Roman «1984» als Newspeak bezeichnet. Er versteht darunter das Phänomen, das politische Begriffe je nach Situation auch mit der gegenteiligen Aussage verwendet werden. Im Newspeak der politischen Propaganda kann so Krieg zu Frieden und Frieden zu Krieg werden.

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Aus Orwells Roman «1984». Bild: Ummagumma

Newspeak hat die Politik vor dem Ersten Weltkrieg geprägt. Im nationalistisch und militaristisch aufgeheizten Klima war keine Aussage zu absurd, um nicht in der Politpropaganda verwendet zu werden. 

Rationale Diskussionen – die Grundvoraussetzung für jede funktionierende Demokratie – waren unmöglich geworden. Politik war gleichbedeutend geworden mit Verunglimpfung. Jede noch so absurde Behauptung war legitim, wenn sie der Schwächung des Gegners diente.

Aus Hugo Balls Manifest zum 1. Dada-Abend in Zürich 1916

«Ein Vers ist die Gelegenheit, möglichst ohne Worte und ohne die Sprache auszukommen. Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben. Das Wort will ich haben, wo es aufhört und wo es anfängt.»

Hugo Ball

Die Künstler reagierten damals auf die totale Sprachverwirrung mit Dadaismus und Surrealismus, der Sinn wurde im Unsinn gesucht.

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Hugo Ball beim Vortrag von Lautgedichten. Bild: Tumblr/berfois

Gegen Newspeak ist kein Kraut gewachsen

In der Philosophie wurde versucht, der Vernunft wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Ludwig Wittgenstein unternahm in seinen logisch-philosophischen Abhandlungen den ehrgeizigen Versuch, eine rein logische Sprache zu konstruieren, um so den politischen Newspeak zu entlarven. Er scheiterte grandios. 

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Ludwig Wittgenstein. Bild: wikicommons

Bis heute ist es ein Kampf gegen Windmühlen geblieben. Wie Köppel und die «Weltwoche» erneut beweisen: Gegen Newspeak ist kein Kraut gewachsen.  

(Gestaltung: Anna Rothenfluh) 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Kurtport 09.06.2014 07:49
    Highlight Highlight Auch der zweite Teil Ihres 'Kommentars' ist von Wikipedia abgekupfert - aber ohne Quellenangabe! Was soll das?
  • ranna 08.06.2014 22:58
    Highlight Highlight Was für ein nullwertiger Kommentar.
    Und wer suggeriert was?
    Ja, Köppel hat Obama den Schnauz gemahlen.
    Ist das sie Message von Watson? Schade! Dumm!
    • Kurtport 09.06.2014 07:33
      Highlight Highlight Da meinen Sie wohl Ihren eigenen Kommentar.....
  • smilebox 06.06.2014 20:28
    Highlight Highlight Die Kommentare auf watson, gerade auch bei eher komplexen Artikeln wie diesem, super. Sie werten den Artikel sogar auf. Bislang scheint sich hier eine intellektuellere Leserschaft zu tummeln als anderswo. Gut so.
  • Chamudi 06.06.2014 17:09
    Highlight Highlight Köppel hat natürlich einmal mehr recht. Was Juncker, Barroso, Schulz und Van Rompuy wollten und noch immer wollen, sind die vereinigten Staaten von Europa. ich will damit nichts zu tun haben. Diese Gleichmacherei, das Verallgemeinern von Staatsschulden, das alles will ich nicht. Jeder soll für sich selber schauen. Da bin ich halt ein Nationalist und obwohl ich über 2o Jahre im Ausland gearbeitet habe, mag ich Multikulti nicht und von Solidarität halte ich auch nichts. Wieso? Weil es immer die Schweizer sind, die am Schluss die Rechnung zahlen.
    • Herold1077 07.06.2014 14:17
      Highlight Highlight Und warum bezahlen die Schweizer häufig? Weil es uns wesentlich besser geht als unseren Nachbarländern. Und warum geht es uns so viel besser? Unter anderem(!) auch weil wir von ihnen profitieren. Der Export in die EU-Länder ist für die Schweiz von ernormer Bedeutung, in der Schweiz angesiedelte Banken verwalten das Geld der ausländischen Reichen und Superreichen, zudem bezahlen diese und ausländische Unternehmen ihre Steuern mittels legalen und teilweise auch illegalen Methoden bei uns. Ich kann ihre Aussage, das jeder für sich schauen kann, deshalb nicht nachvollziehen. Natürlich sind die von mir aufgezählten Gründe nur ein Teil der Erklärung, das bin ich mir bewusst. Aber die Schweiz braucht meiner Meinung nach den Handel und das Ausland, da der Binnenmarkt viel zu klein wäre für eine schlagkräftige Wirtschaft. Fast ein wenig schockiert bin ich von Ihrer Aussage, dass Sie von Solidarität nichts halten. Was haben Sie dafür getan, hier geboren zu sein? Was haben Sie dafür getan, dass es unserer Wirtschaft so gut geht? Stellen Sie sich vor, Sie wären Staatsangehöriger eine s Drittweltlandes: Würden Sie die Verteilung des Wohlstandes nicht als ungerecht empfinden?
    • Christian Denzler 25.06.2014 10:42
      Highlight Highlight Ohne das Ausland (sprich die anderen) währe die Schweiz ein Bauernstaat ohne nennenswerte Resourcen. Wir sollten also langsam begreifen, dass es uns ohne die anderen nicht gäbe. Unser Reichtum verdanken wir hauptsächlich Ausländern oder Secondos. Reichen aber auch denen, die Tag für Tag unsere Wirtschaft aufrecht erhalten.

      Wir können eine Schweiz den Schweizern fordern. Wir können verlangen, dass jeder sich selber schaut. Wenn wir bereit sind uns wieder als Bauern durchzuschlagen und in der Welt keine Rolle mehr zu spielen. Denn ohne das Ausland, bzw. dem Handel damit, sind wir ein Drittweltland. Das wollen leider all die Blocher-Verblendeten nicht wahrhaben. Im Übrigen wurde Blocher ebenfalls durchs Ausland (allen voran die EU) reich und Menschen die Wasser predigen und Wein saufen sollte man nicht glauben.
  • klugundweise 06.06.2014 13:13
    Highlight Highlight Ein Feldherr sucht Freiwillige für seine Kampftruppe zur Verteidigung einer Heimat. Einer rückwärts gerichteten Heimat von gestern und vorgestern. Nicht für eine Vision oder Utopie von morgen, nicht für ein konstruktives Miteinander mit den Nachbarn, nicht für ein geregeltes Geben und Nehmen. Aber für eine Schweiz basierend auf Mythen und Märchen, ausgerichtet auf fremde Sündenböcke.
    Und dieser Feldherr hält sich einen Hofnarren, dem er eine Zeitung als Sprachrohr zur Verfügung stellt.
    • user93 06.06.2014 15:22
      Highlight Highlight Klug und weise!!
  • schille 06.06.2014 10:13
    Highlight Highlight Wieso ist die Mehrheit der Bevölkerung in Europa gegen die EU? Etwa 80% haben für Pro-EU-Parteien gestimmt!
    Die ganzen Rechtspopulisten hatten zwar Zulauf, allerdings sind sie immer noch deutlich in der Minderheit!
    Und ganz ehrlich, eine Alternative zum europäischen Einigungskurs sehe ich in der aktuellen weltpolitischen Lage beim besten Willen nicht!
  • Zeit_Genosse 06.06.2014 08:20
    Highlight Highlight "Divide et impera" könnte man etwas ketzerisch auch für den Föderalismus in der Schweiz verwenden, um für noch mehr Sprachverwirrung zu sorgen. Führen über die Unheitlichung der Kantone, die einzeln zu schwach sind, sich ggü. dem Bund aufzulehnen oder sich abzuspalten (bewusste Diversität). Doch die Aufteilung der Macht kommt nicht nur vom zentralen Bund (top down), sondern von den Kantonen (bottom up) selbst, die eine Diversität anstreben, um ihre eigene Machtbasis und -struktur zu unterhalten (auch für gleichartige Probleme). Also ein Einigung, dass man die Macht zum gegenseitigen Nutzen (zentral/dezentral) aufteilt und damit gut fährt. Ein "Divide et impera Confoederatio Helvetica". Auf die noch junge EU übertragen heisst das, dass eine föderalistische EU im Stile der Schweiz doch nicht so schlecht sein müsste. Das Problem ist der Weg dorthin und da hat die Schweiz als Willensnation mehrere hundert Jahre ggü. der EU Vorsprung. Welche Sprache und Begriffe wir bemühen, um uns bewusst nicht verstehen zu wollen, ist eine sprachkriegerische Taktik des Politisierens, eine Ablenkung des anderen Geistes mit dem Ziel der Destabilisierung des Gedankengutes. Newspeak 2.0 ist die pornoisierung der politischen Sprache, um Begriffe bis zur unkenntlichkeit ab- und umzuschleifen. Links wird zu rechts um es davon als links abzugrenzen. Oder umgekehrt. Wie auch immer...
  • huntziker 06.06.2014 05:42
    Highlight Highlight hier tun alle so, als wolle die eu niemand. eine große mehrheit der bürger in den mitgliedsstaaten steht zur eu! in der schweiz wollen das viele nicht wahr haben. denen sei empfohlen, mal eine reise zu tun und sich ein eigenes bild der eu zu machen, statt zu hause zu hocken und vorurteile zu klopfen...
  • GammaPsh 06.06.2014 01:01
    Highlight Highlight ISBN: 9780691122946
  • MediaEye 06.06.2014 00:54
    Highlight Highlight erstens war Napoleon kein Faschist, sondern der erste wirkliche Europäer, hat er doch diesem Kontinent sehr viel gebracht.

    Ausserdem, wer ist schon #Köppel; ein abgehalfterter Journalist, heute ein Sprahrohr des #Guru vom Herrliberg und seiner Sekte der Volchspartei.

    Und ja, Newspek ist ein um sich greifendes Übel, leider auch von der Presse immer mehr verbreitet, da alles bei sda abgeschrieben
  • Alnothur 05.06.2014 22:13
    Highlight Highlight Ich sehe noch einen anderen Ort, an dem "sprachliche Verwirrung" herrscht: In diesem Artikel. Und nicht nur sprachliche, auch gedankliche Verwirrung. Beliebig wird zum nächsten Gedankengang gesprungen, sobald Sie merken, dass Sie den letzten nicht mehr logisch fortführen können und sich für Ihre Ansicht rechtfertigen müssten.

    Des Weiteren: Dass die Wahl der "Rechtspopulisten" eine Retourkutsche ist, ist offensichtlich. Ob sie heilsam sein wird, wage ich angesichts der Politkultur der EU sehr stark zu bezweifeln. Man weiss dort oben ja viiel besser, was gut für Europa und die Bevölkerung ist, als es die Bevölkerung tut. Insofern haben wir es tatsächlich mit "Eine[r] Vereinigung Europas gegen den Willen der Europäer." zu tun.
  • Robin in da Hood 05.06.2014 20:42
    Highlight Highlight Danke für den pointierten Kommentar. Die These von Baudet, dass der deutsche Faschismus eine europäische Vereinigung wollte, stimmt sogar. Das forderten deutsche Grossmacht-Phantasien bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Nur: Das ganze sollte militärisch umgesetzt werden und unter deutscher Hegemonie stattfinden - vollständige Unterdrückung der restlichen europäischen "Völker".
    Der Vergleich mit der EU ist deshalb geradezu grotesk. Die EU versucht alle Länder in einem subsidiären System einzubeziehen und Krieg zu verhindern.

Linksautonome Schweizer marschierten an «Gilets-jaunes»-Protesten mit

Unter die «gilets jaunes» in Paris mischten sich am Samstag auch Mitglieder der linksradikalen «Revolutionären Jugend». Sie wollten Solidarität bekunden, «Erfahrungen in Strassenkämpfen» sammeln und «untersuchen, inwiefern sich Rechtsextreme an den Protesten beteiligen.»

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