Gesellschaft & Politik
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Demonstrators hold posters reading

Kundgebung für den von IS-Anhängern in Algerien ermordeten Franzosen. Bild: AFP

«Winner-Image»

Al-Kaida-Überläufer machen den IS zur Dschihadisten-Supermacht 

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat der Al Kaida zahlreiche Bundesgenossen abgeworben. Damit wächst die Gefahr, dass noch mehr westliche Geiseln genommen und umgebracht werden.



Nun auch die Philippinen: Muslimische Extremisten halten auf der fernöstlichen Inselgruppe zwei deutsche Segler fest. In einem Bekennerschreiben fordern sie nicht nur ein Lösegeld in Millionenhöhe, sondern auch ein Ende der deutschen Unterstützung für den Kampf der USA gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Andernfalls drohen sie mit der Enthauptung ihrer Geiseln.

Neu ist die Gruppe nicht, es handelt sich im Gegenteil um alte Bekannte: Die Terrororganisation Abu Sayyaf kämpft auf den Philippinen seit Jahren für einen Gottesstaat. Wiederholt entführte sie westliche Staatsbürger. 2009 befand sich ein Schweizer IKRK-Mitarbeiter drei Monate in der Gewalt von Abu Sayyaf. Nachdem die Gruppe lange mit dem Terrornetzwerk Al Kaida verbündet war, wechselte sie kürzlich das Lager und bekundete dem IS ihre Loyalität.

Das «Winner-Image» des IS

Die «Fahnenflucht» illustriert einen Trend in der muslimischen Welt. Die «Erfolge» des Islamischen Staats im Irak und in Syrien wirken nicht nur auf Muslime aus dem Westen elektrisierend. Auch in den islamischen Ländern bekennen sich immer mehr Gruppierungen zum IS, seit langem bestehende wie Abu Sayyaf ebenso wie bislang unbekannte, etwa die «Soldaten des Kalifats», die in Algerien einen 55-jährigen Franzosen entführt und laut einem am Mittwoch veröffentlichten Video getötet haben.

Al Qaeda leader Ayman al Zawahri announces the formation of an Indian branch of his militant group at an unknown location in this still image taken from an undated handout video provided by SITE on September 4, 2014. Zawahri on Wednesday announced the formation of an Indian branch of his militant group he said would spread Islamic rule and

Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri hat Verbündete an den IS verloren. Bild: REUTERS TV/REUTERS

«Verlierer» dieser Entwicklung ist das Terrornetzwerk Al Kaida, das lange die Oberhoheit über den internationalen Dschihad für sich beanspruchte. Nun aber laufen Al-Kaida-Anführer Aiman al-Sawahiri die Bundesgenossen davon, angezogen vom «Winner-Image» des Islamischen Staats. Dieser hiess ursprünglich Al Kaida im Irak und war ein Ableger von Osama bin Ladens Netzwerk, doch unter dem «Kalifen» Abu Bakr al-Baghdadi kam es zum Bruch. Streitpunkt war nicht zuletzt die unsagbare Brutalität des IS, von der sich Al-Kaida-Chef Sawahiri distanziert hat.

Bringen sich Dschihadisten gegenseitig um?

Das US-Magazin «Foreign Policy» beschreibt ausführlich die Abspaltungen und «Überläufer» unter den Dschihadisten in der islamischen Welt, von Tunesien über den Sinai und Somalia bis Fernost. Der Islamische Staat sei «zur zweiten dschihadistischen Supermacht der Welt» geworden, und «möglicherweise zur dominierenden». Selbst von den pakistanischen Taliban, die eng mit Al Kaida verbunden sind, hat sich eine Gruppe unter dem Eindruck des IS-Vormarsches abgespalten, berichtete die «New York Times».

Der «Wettstreit» zwischen Al Kaida und IS um die Vorherrschaft könnte «die globale Dschihadisten-Bewegung ernsthaft schwächen», mutmasst «Foreign Policy». Die verschiedenen Gruppen könnten sich gegenseitig umbringen, statt die gemeinsamen Feinde anzugreifen. Im syrischen Bürgerkrieg ist dieses Szenario bereits Wirklichkeit geworden, dort haben sich der IS und die mit Al Kaida verbündete Al-Nusra-Front Gefechte geliefert.

Mit den Luftangriffen auf den IS im Irak und in Syrien allerdings wächst die Gefahr, dass sich die Rivalen zusammenraufen. Die verschiedenen Gruppierungen könnten weitere westliche Geiseln nehmen, wie in Algerien und auf den Philippinen bereits geschehen. Der Kampf gegen den Terrorismus wird damit noch schwieriger und unübersichtlicher.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

Weltweit gab es seit 1970 über 156'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Manchester 2017.

Zusammenfassung: In den 70er- bis 90er-Jahren töteten meist europäische Terrorzellen jährlich 100 bis 400 Menschen in Europa. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Attentate in Westeuropa und in der Schweiz stark ab. Von 2001 bis 2015 entfielen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Hauptsächlich aufgrund der Attentate in Paris und Nizza stieg die Opferzahl zuletzt wieder auf rund 150 Menschen pro Jahr, sprich auf das Niveau der 80er-Jahre. Weltweit nimmt der Terrorismus seit 2005 zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel