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Die Grünen am Scheideweg

Herr Glättli, was machen Sie mit all den Rassisten in Ihrer Partei?

Der Zürcher Nationalrat und Fraktionschef der Grünen im Bundeshaus Balthasar Glättli. Bild: KEYSTONE

Die Befürworter der Ecopop-Initiative aus dem grünen Lager werden von der eigenen Partei als Rassisten abgestempelt. Derweil Nationalrat Balthasar Glättli ein Buch über diese «unheimlichen Ökologen» schreibt. Die Grünen stehen vor einer Zerreissprobe.



Herr Glättli, ein paar grüne Dissidenten unterstützen die Ecopop-Initiative aktiv. Sie fordern von der Parteispitze, konkrete Bevölkerungsziele zu definieren. Die Grünen sind in dieser Frage gespalten, wie die letzten Tage gezeigt haben.
Balthasar Glättli: Das sehe ich überhaupt nicht so. Im Vorfeld der Lancierung der Initiative hat der Vorstand einstimmig beschlossen, die Vorlage nicht zu unterstützen. Zudem lehnte unsere Delegiertenversammlung 2013 einen Antrag von Ecopop-Vorstand Andreas Thommen (Mitglied der Grünen, Anm. d. R.) klar ab, der verhindern wollte, dass sich die Grünen in einem Positionspapier zur Raumplanung grundsätzlich von der Ecopop-Vorlage distanzierten. 

«Die Wachstumskritik müssen wir ernst nehmen.»

Balthasar Glättli

Ein Teil der Basis wünscht sich aber, dass die Partei konkrete Bevölkerungsziele definiert. Die Parteispitze gibt sich unnachgiebig. Warum? 
Das ist nicht die relevante Grösse. Die Ecopop-Initianten machen einen kapitalen Denkfehler. Gemäss Ecopop tauchen Deutsche oder Franzosen erst dann in der ökologischen Bilanz auf, wenn sie in die Schweiz einwandern. Diese Menschen konsumieren und verschmutzen die Umwelt, auch wenn sie nicht in der Schweiz wohnen. Mit den Initianten teile ich das Anliegen, dass der Verbrauch von Ressourcen pro Kopf reduziert werden muss – davon steht in ihrer Initiative aber nichts. Die Einwanderung zu kontingentieren, wird dieses Problem sicher nicht lösen. 

Die Ecopop Initative «Stopp der Überbevoelkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» wurde im November 2012 eingereicht. Bild: KEYSTONE

Ihr Kollege Daniel Vischer warnte vor der Abstimmung über die Zuwanderung vor der noch «rassistischeren» Ecopop-Vorlage. Hat er recht, sind alle Befürworter der Vorlage Rassisten? 
Ich hätte diese Formulierung nicht so gewählt. Ich teile die Sorge der Initianten, dass mehr Wirtschaftswachstum nicht zwangsläufig zu mehr Wohlstand für alle führt. Ich nehme jene Ecopop-Befürworter, für die tatsächlich der Umweltschutz im Zentrum steht und nicht die Bevölkerungskontrolle, sehr ernst. Dass bei uns eine starke wertkonservative Strömung existiert, würde ich sofort unterschreiben. Dass es allerdings innerhalb dieser Strömung viele Unterstützer für eine Abschottungspolitik à la Ecopop gibt, ist falsch.

Aber grad die Rassismus-Keule schwingen?
Vischers Aussage zielt klar auf den zweiten Teil der Initiative ab, nämlich dass wir irgendwelchen Menschen sagen müssen: ‹Hey, ihr solltet euch –  im Gegensatz zu uns – nicht mehr vermehren›. Die Initianten müssten konsequenterweise eine Ein-Kind-Politik nach chinesischem Vorbild für Europa und die USA fordern. Jeder Mensch in einem industrialisierten Land belastet die Umwelt um ein Vielfaches gegenüber jemandem in einem Entwicklungsland. 

«Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Vorlage noch mehr Support aus dem grünen Lager erhält.»

Balthasar Glättli

Immerhin wurde ein Komitee «Grüne für Ecopop» gegründet. Darin sitzen neben Ecopop-Vorstand Andreas Thommen auch der junge Grüne David Gerke, der emeritierte Zürcher ETH-Professor Dieter Steiner oder der Tierarzt Werner Flückiger.
Ecopop ist überparteilich organisiert. Deren Strategie ist es, etwas Staub aufzuwirbeln. Zumal noch ein paar Grüne Werbung für die Vorlage machen, wobei es sich – wie gesagt – um eine Minderheit handelt. Der Verein gibt sich einen grünen Anstrich, um sich einerseits etwas von der SVP abzusetzen, obwohl er die Ablehnung der SVP-Masseneinwanderungsinitiative durch das Parlament noch scharf kritisiert hatte. 

Sie sprechen von einer Minderheit. Thommen ist da anderer Meinung. Man sei daran, noch weitere Supporter aus der Partei zu gewinnen, sagte er dem «Tages-Anzeiger». Die Grünen stehen vor einer Zerreissprobe. 
Niemals. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Vorlage noch mehr Sukkurs aus dem grünen Lager erhält. Dieser wird sich jedoch in erträglichen Grenzen halten. Grösseren Zulauf erwarte ich von nationalistischen Ökologen wie den Schweizer Demokraten. 

Der Ecopop-Sekretär Andreas Thommen fällt bei den Grünen aus dem Rahmen. Bild: KEYSTONE

Sie unterschätzen Ihre Basis. Die Abspaltung der GLP hat bereits gezeigt, dass die Grünen nicht fähig sind, verschiedene Strömungen innerhalb der Partei zu bündeln. Warum?
Das war ein historisches Ereignis mit ganz anderen Ursachen. Ganz am Anfang spalteten sich einige Grüne ab, danach wuchsen die Grünliberalen aber durch Beitritte von Personen, die vorher keine Partei gefunden hatten, die eine bürgerliche und zugleich ökologische Politik machte. Es wurde lediglich ein weiteres politisches Angebot kreiert. 

 «Ich sage nicht: Das sind alles Rassisten. »

Balthasar Glättli

Im Herbst erscheint ein Buch von Ihnen mit dem Titel «Die unheimlichen Ökologen». Es soll nicht einfach ein Argumentarium gegen die Ecopop-Initiative sein, sondern einen neugierigen Blick in die Vergangenheit der ökologischen Bewegung werfen. Was dürfen wir erwarten?
Ich hatte eigentlich im Sinn, die Geschichte zu beschreiben, wie die linke, ökologische Bewegung von rechts unterwandert wird. Das musste ich korrigieren. Es hat sich gezeigt, dass es innerhalb einer wachstumskritischen ökologischen Bewegung in den 60er Jahren linke aber auch klar rechtskonservative und nationalistische Strömungen gab. Das Buch versucht diese Unterschiede herauszuarbeiten. Und es kritisiert gleichzeitig klar die problematischen ideologischen Wurzeln der Überbevölkerungsdiskussion. 

Gehört das Komitee «Grüne für Ecopop» zu diesen «unheimlichen Ökologen»? 
Ich denke ein Teil gehört dazu. Ich sage nicht: Das sind alles Rassisten. Es handelt sich bei den Ecopop-Initianten eher um Personen, die verzweifelt sind. Verzweifelt darüber, dass die Wachstumkritik kein grösseres Echo ausgelöst hat. Paradoxerweise leben einige dieser Personen in grosszügigen Einfamilienhäusern und haben selbst viele Kinder. Nicht die glaubwürdigsten Vorbilder, wie ich finde. 

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