Trump wettert gegen Kriegsveteranen und löst weltweite Empörung aus
Von Donald Trump ist man sich ja inzwischen so einiges gewohnt. Viele meinen auch, man solle nicht gleich auf jede seiner Provokationen einsteigen. Aber was er seinem Leib-Sender Fox News gegenüber geäussert hat, ist eine seiner bisher schlimmsten – und zweifellos auch dümmsten – Aussagen.
Der US-Präsident erklärte in seinem üblichen Plauderton, mehrere Bündnispartner «sagen zwar», sie hätten im Krieg gegen den Terror Soldaten nach Afghanistan entsandt. Diese hätten sich jedoch stets «ein wenig im Hintergrund gehalten, etwas abseits der Frontlinien». Zudem äusserte er Zweifel daran, ob die Nato den USA im Ernstfall beistehen würde.
Die Reaktionen auf das am WEF in Davos aufgenommene Gespräch liessen nicht lange auf sich warten. In Grossbritannien sprach Premierminister Keir Starmer von «beleidigenden und offen gesagt erschreckenden» Aussagen und forderte eine Entschuldigung.
Oppositionspolitiker schlossen sich an: Die konservative Parteichefin Kemi Badenoch nannte Trumps Worte eine «Schande», Liberal-Demokrat Ed Davey einen «riesigen Affront gegenüber unseren mutigen Soldaten». Und das von einem Drückeberger, der «fünfmal den Militärdienst umgangen» habe. «Wie kann er es wagen, deren Opfer infrage zu stellen», empört sich Davey.
Besonders heftig fiel die Kritik von Angehörigen gefallener Soldaten aus. Janette Binnie aus Aberdeenshire, deren Sohn Sean 2009 als 22-jähriger Sergeant in der Provinz Helmand getötet wurde, bezeichnete Trumps Aussagen als «seelenzerstörend». Gegenüber BBC Scotland sagte sie: «Wie kann man das sagen? Mein Sohn war an der Front. Wir waren alle da und haben denselben Krieg gekämpft.» Trumps Worte würden «alles schmälern, was unsere Kinder geleistet haben».
Hoch angesehen in Grossbritannien
Auch Lucy Aldridge, deren Sohn William mit nur 18 Jahren bei einem Bombenanschlag starb, reagierte empört. Trumps Aussagen «kratzen alte Wunden auf, die nie verheilt sind», sie sei «zutiefst beleidigt und angewidert».
Prinz Harry, der selbst in Afghanistan gedient hatte, mahnte in einer persönlichen Stellungnahme, die «Opfer» der britischen Streitkräfte und Nato-Verbündeten müssten «wahrheitsgetreu und mit Respekt» gewürdigt werden.
In Grossbritannien, wo Stellenwert und Ansehen der eigenen Berufsarmee besonders hoch sind, ebben die Wogen der Empörung auch am Wochenende kaum ab. Viele Betroffene haben in den sozialen Medien die Verlustzahlen pro Land aufgeführt, um die Absurdität von Trumps Aussage zu unterstreichen. Alleine aus dem Vereinigten Königreich fielen 457 Soldatinnen und Soldaten während der jahrzehntelangen Kämpfe.
Erbitterter Widerspruch kam aber auch aus anderen Nato-Staaten. Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen nannte Trumps Äusserungen «nicht hinnehmbar». Gemessen an der Bevölkerungszahl habe Dänemark besonders hohe Verluste erlitten: 44 dänische Soldaten kamen in Afghanistan ums Leben, 37 davon in direkten Kampfeinsätzen, wie Frederiksen laut der Nachrichtenagentur Ritzau betonte.
Trump hatte seine Aussagen in einem Interview mit Fox News gemacht. Dort sagte er, er sei «nicht sicher», ob die Nato den USA helfen würde, «wenn wir sie jemals brauchen». Die USA hätten die Nato nie um etwas gebeten und nie etwas von ihr bekommen.
Weisses Haus reagiert ausweichend
Historisch betrachtet sind diese Aussagen besonders brisant: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 riefen die USA erstmals und bislang einmalig Artikel 5 des Nato-Vertrags aus. Der Bündnisfall führte dazu, dass zahlreiche Verbündete – darunter Grossbritannien, Deutschland, Dänemark und andere – an der Seite der USA in Afghanistan kämpften.
Das Weisse Haus reagierte ausweichend. In einer Stellungnahme auf Anfrage des Nachrichtenmagazins «Newsweek» hiess es, Präsident Trump habe recht, wenn er darauf hinweise, dass «Amerikas Beiträge zur Nato jene anderer Länder bei weitem übersteigen». Auf die konkreten Vorwürfe gegenüber den Alliierten ging die Erklärung jedoch nicht ein.
Die Debatte zeigt, wie tief Trumps Worte bei Verbündeten und Betroffenen sitzen – und wie sehr sie alte Wunden eines langen und verlustreichen Krieges wieder aufreissen. Wahr daran ist auch, dass in den westlichen Reaktionen die Leiden und Opfer der afghanischen Bevölkerung völlig beiseitegelassen werden. Trotzdem: Einen schlimmeren und für ihn selbstzerstörerischen Kampfplatz, als die Ehre gefallener Verbündeter und deren Andenken öffentlich herabzuwürdigen, hätte sich der 78-Jährige kaum aussuchen können. (aargauerzeitung.ch)
