Retro, Rentner oder Rookie: So klappt der James-Bond-Reboot. Gern geschehen!
Es ist bereits gut ein Jahr her, seit Amazon die Rechte an der James-Bond-Franchise erworben hat, und bis heute wissen wir noch sehr wenig über den bevorstehenden 26. Film der Reihe. Keine Ahnung, wie die Handlung aussehen wird, und wir warten immer noch auf eine Ankündigung, welcher Schauspieler 007 spielen wird.
Was wir wissen, ist, dass eine dahingehende Ankündigung irgendwann noch in diesem Jahr erwartet wird, dass «Dune»-Regisseur Denis Villeneuve Regie führen wird ... und dass die kreativen Köpfe hinter den Kulissen offenbar völlig ratlos sein sollen, wie zum Geier sie das Ganze umsetzen sollen.
Was wir auch wissen, ist, dass die Uhr tickt: Im Jahr 2035 werden Ian Flemings ursprüngliche Bond-Romane in die Public Domain übergehen, was bedeutet, dass jeder seine eigenen Interpretationen der Figur gestalten kann. Was wiederum bedeutet, dass Amazon und MGM, die die kreative Kontrolle über die offizielle Franchise haben, sich verdammt noch mal sputen müssen, denn sie werden wahrscheinlich nur noch ein paar offizielle Bond-Filme abdrehen können, bevor 007 ein ... freier Agent wird.
Kein Stress, also – oder?
Naja, laut diversen Berichten aus Branchenkreisen sollen die Drehbuchautoren, die für den nächsten Film engagiert wurden, in einer Sackgasse stecken, weil ...
... nun ja: Bond is dead, remember? Der letzte Bond-Film, «No Time To Die», endete gehörig spektakulär, indem Daniel Craig in einem Feuersturm von Raketen auf einer verlassenen Insel unterging. Ein heldenhaftes Opfer und ein passender Abschied von der Craig-Ära – «unserem» Bond für das 21. Jahrhundert.
Okay, stellen wir eines klar: Sicher, vielleicht steht das Kreativteam vor einer Ideen-Krise, wie zum Geier es den nächsten 007 realisieren soll. Aber Craigs Tod im letzten Film ist garantiert nicht das Problem.
James Bond ist vielleicht die Kunstfigur, die sich am leichtesten neu erfinden lässt. Dies wird gerne vergessen, da die fünf Craig-Filme eine einzige zusammenhängende Story erzählten – eine Anomalie in der Geschichte der Franchise, deren langjähriger Erfolg darauf beruhte, dass jeder neue Bond-Film als Standalone-Einzelwerk funktionierte. In Wahrheit ist 007 ein Archetyp genau wie Sherlock Holmes, Batman oder Dr. Who. Dafür geschaffen, immer wieder neu interpretiert zu werden. Das Publikum hat dies längst verinnerlicht und erwartet niemals, dass der nächste Film dort anknüpft, wo der letzte aufgehört hat. Also findet einfach einen gutaussehenden, witzigen Briten, gebt ihm einen Smoking und eine Walther PPK, setzt ihn in ein Casino, spielt die James-Bond-Titelmelodie ... hey, das ist schon die halbe Miete!
Wir haben an dieser Stelle bereits mal darüber spekuliert, wie es mit Bond weitergehen könnte – Szenarien mit Spinoffs und Expanded Universe à la Marvel, Serialisation und dergleichen. Für den nächsten grossen Bond-Kinofilm, aber, ist klar: Ja, es wird ein Reboot geben – in irgendeiner Form.
Aber welche Form von Reboot? Amazon-Chef und lebensechter Bond-Bösewicht Jeff «Blofeld» Bezos besitzt nun eine milliardenschwere Franchise und muss irgendwie einen Weg finden, gleichzeitig die Geschichte der Marke zu würdigen, die Fans zufriedenzustellen und dabei auch noch das grosse Geld zu verdienen. Und die Uhr tickt.
Nun, Jeff, Denis, Damen und Herren der Drehbuchautorenschaft – hier sind drei Ansätze, die funktionieren könnten:
«Period Bond»
Hardcore-Fans von Bond-Schöpfer Ian Fleming sehnen sich seit jeher nach einer Geschichte, welche die Figur zu ihren Wurzeln zurückführt. Timothy Dalton versuchte Bond in diesem Vibe zu spielen, ebenso Daniel Craig. Aber was wäre, wenn man diesen Ansatz konsequent umsetzen und 007 in die 1950er-Jahre während des Kalten Krieges zurückversetzen würde – in die Zeit, in der die ursprünglichen James-Bond-Romane spielten?
Wenn der nächste Film mit «London, 1955» beginnt, muss man niemandem erklären, was mit dem Typen passiert ist, der 2021 auf einer Insel in die Luft gejagt wurde. Man lässt Bond nicht wiederauferstehen. Man startet ihn als historische Figur neu.
Und nein, das wäre kein ewiggestriger Nostalgie-Trip, sondern in der Tat ziemlich fresh, da noch niemand Flemings Welt mit einem modernen Budget richtig umgesetzt gesehen hat. Ein Big-Budget-Bond in der Ära des Kalten Krieges ermöglicht es auch, in einem eher wenig erforschten politischen Sandkasten zu spielen.
Und da es sich um ein zeitgeschichtliches Setting handelt, könnten Gadgets und Technologien eingesetzt werden, die oldschool und analog und tatsächlich ausgeklügelt sind, anstatt nur «Hey, wir haben das Betriebssystem des Satelliten gehackt und die Drohnen angesteuert». Wäre es nicht cool, wieder Spionagefilme zu sehen, in denen der Hauptdarsteller nicht einfach alle Probleme mit seinem Smartphone lösen kann? Nebenbei würde man sich dadurch auch sofort von den Mission Impossibles und John Wixes dieser Welt abheben, indem diese Retro-Streifen eine völlig andere Textur bieten: verrauchte Klubs, klassische Old-School-Spionage des MI6 im Kalten Krieg.
Entscheidend bei diesem Konzept ist, dass man es konsequent umsetzt. Man müsste einen Bond casten, der um die Mitte dreissig ist, ein Offizier, der bereits ein paar Kriege hinter sich hat. Kein moderner Gym-Bro, sondern einen Kriegsveteranen mit Trauma.
Korrekt umgesetzt wäre das eine Rückkehr back to the roots und eine frische Neuinterpretation in einem. Dieser «Period Bond» könnte eine eigene Miniserie über zwei-drei Filme sein. Und danach erfindet man die Figur wieder neu.
Nun wissen wir alle, weshalb es bisher noch keinen Bond-Film gegeben hat, der in der Vergangenheit spielt (bekanntlich wollte Tarantino genau das): Die 007-Franchise ist zu sehr auf Merchandising-Einnahmen angewiesen. Von Auto-Deals bis hin zu Luxusuhren – Product Placement ist seit jeher ein fester Bestandteil der Filme. Mit einem Film, der in der Vergangenheit spielt, müsste man auf das meiste davon verzichten.
Hmm ... na ja, Luxusuhren liessen sich problemlos in einen Retro-Film integrieren, etwa. Und wenn man nicht bestimmte Einzelprodukte zeigen müsste, wäre es für etliche Traditionsmarken ein ziemlicher Flex, die Leute daran zu erinnern, dass es sie schon seit den 1950er-Jahren gibt. Und überhaupt: Das Ganze wird doch jetzt von Amazon finanziert, nicht? Von einem der allergrössten Multis der Welt? Man sollte doch nicht mehr darauf angewiesen sein, auf Biegen und Brechen Marken-Deals reinschustern zu müssen! Gerade bei Bond haben wir negative Erfahrungen gemacht, wenn man es zu weit treibt.
Okay – so viel zu Retro-Bond. Was aber auch funktionieren würde, wäre ...
«Legacy Bond»
Filmwissenschaftler und YouTuber Austin McConnell portiert einen Ansatz, der es in sich hat: Wenn man nun partout auf Kontinuität und Tradition setzen will, dann sollte man gleich einen früheren Bond zurückholen. Machen wir doch eine eigenständige, in sich geschlossene Bond-Story mit einem der erfolgreichsten Bond-Darsteller aller Zeiten! Tadaaa:
Verwirrt? Dranbleiben! Es mag kontraintuitiv sein, aber es geht auf. Pierce Brosnan, also, der meisterhaft die Toughness Sean Connerys mit dem Schalk Roger Moores verbinden konnte und mit seinem Einstand anno 1995 mit «Goldeneye» gleich noch einen der allerbesten Bond-Filme aller Zeiten ablieferte. Und ebendieser Pierce, der ja aktuell in altersgerechten Rollen genussvoll aufzugehen scheint. Er ist immer noch Bond.
Brosnans Bond ist völlig losgelöst vom Craig-Handlungsbogen, also gibt es dahingehend kein Problem. Ausserdem wäre da noch der zusätzliche Bonus, einem der allerbesten 007-Darsteller endlich einen würdigen Abgang zu schenken (etwas, das ihm durch den üblen «Die Another Day» bisher verwehrt geblieben ist).
Überlegt mal: Wir holen Brosnan für einen letzten Auftritt zurück und lassen ihn einen älteren, nachdenklicheren Bond spielen. Das gäbe einen Aufhänger, den keine andere Spionageserie hat: Wie geht ein Mann, dessen gesamte Identität sich um Queen and Country gedreht hatte, mit einer neuen Welt um, die seine mittlerweile veralteten Methoden hinter sich gelassen hat? Gewiss, «Skyfall» und andere vergangene Filme haben das Thema stellenweise angeschnitten, aber was wäre, wenn man dies zur Hauptprämisse machen würde? Wo steht Bond gerade in seinem Leben? Was sind die psychologischen und emotionalen Auswirkungen, wenn man so lange als Killer-Agent tätig war? Wie reflektiert er darüber, was aus England in den letzten 30 Jahren geworden ist?
Es bräuchte einen klaren, emotional bewegenden Geschichtsstrang. Bond ist seit Jahren offiziell im Ruhestand. Etwas aus seiner Vergangenheit taucht auf. Ein Bösewicht, den er für erledigt hielt, kehrt mit voller Wucht zurück. MI6 braucht ihn wieder – gerade weil die Akte derart alt und geheim ist, dass niemand sie versteht. Bond ist älter und langsamer, also verprügelt er niemanden mehr. Doch er überlistet sie mit Strategie und Intellekt.
Man muss nicht jedes Detail der alten Handlungsstränge einbringen, aber hey, ein paar der alten Gadgets vielleicht doch? Vielleicht könnte man ihn – nur so zum Spass am Ende des Films – in jenem lächerlichen unsichtbaren Aston Martin wegfahren lassen.
«Rookie Bond»
Schon gewusst? Amazon hat bereits eine Young Bond Origin Story für das neue Videogame «007 First Light» von IO Interactive genehmigt. Darin verdient sich ein 26-jähriger Bond seinen 00-Status in einer Reihe von actiongeladenen Missionen.
Perfekt! Macht das doch einfach – aber als Film! Nein, kein hirntoter Actionfilm, keine 1:1-Videospiel-Adaption, sondern ein waschechter Bond-Film mit derselben Prämisse: Ein frisch gebackener Rookie-Bond am Anfang seiner Karriere in seinen Mittzwanzigern.
Geschäftlich macht das total Sinn: Sowohl der Film als auch das Spiel würden einen ähnlichen Grundton anschlagen: Stylishe, charakterbasierte Geheimmissionen. Cross-Promotion wird einfach. Und zudem erreicht man ein jüngeres Publikum. IO hat offen erklärt, dass sie sich für eine Origin Story entschieden, um Bond für ein Publikumsegment, das normalerweise nicht Bond-Filme schaue, zugänglicher zu machen. Ein Film, der zu Beginn von Bonds Karriere ansetzt, könnte einer ganzen neuen Generation «ihren» 007 bieten, ohne dass sie sich durch 25 vorherige Filme kämpfen müssen.
Dieser Ansatz ist nicht unähnlich dem 2006er-Reboot mit Daniel Craig – bloss könnte man hier mit einem komplett neuen Cast aufs Ganze gehen – und zusätzlich die Verflechtung mit dem Videogame als Ausgangspunkt nutzen, um einen brandneuen und unterhaltsamen 007 zu schaffen. Richtig umgesetzt, könnte so der offizielle Bond auch lange nach Ablauf der Rechte an der Figur für die breite Öffentlichkeit relevant bleiben.
Notabene: Alle drei oben genannten Vorschläge müssten nichts Wesentliches an der Figur James Bond verändern. Bond besitzt wie kaum eine Ikone der Populärkultur genau jene Attribute und Qualitäten, die in der Welt des Marketingkapitalismus das kostbarste Gut darstellen: Authentizität. Glaubwürdigkeit, Markenerkennbarkeit – bei 007 ist dies bereits im Paket mit dabei. Und diese Identity ist bei Bond derart stark, dass sie bereits mehr als 60 Jahre lang Neubesetzungen, fragwürdige Product Placements und manchmal mangelhafte Regiearbeit locker wegstecken konnte. Bond bleibt Bond – auch in einer Retro-Version. Auch in einer Altherrenrolle. Auch als 26-jähriger Rookie.
Es wird langsam spät in der Partie, also müssen die Produzenten sich für eine Marschrichtung entscheiden und sich daran halten. Die drei obigen Szenarien-Vorschläge definieren übrigens auch die Besetzungsfrage genauer: Retro-Bond müsste ein Schauspieler um die Mitte dreissig sein, «Legacy Bond» so circa ab sechzig und Rookie-Bond Mitte zwanzig. Also los, jetzt! Denn ab 2035 könnte die Welt möglicherweise von einer Vielzahl verschiedener Bonds heimgesucht werden. Und wenn einer davon den Nerv des Publikums trifft, könnte er sich zu einem Riesenerfolg entwickeln und Amazon, mit seiner Milliarden-Investition, wie einen klobigen Kommerz-Dinosaurier aussehen lassen.
Deshalb – ich habe es schon einmal gesagt: Ihr habt da etwas ungemein Wertvolles erstanden, Amazon. Und dies ist eure erste und letzte Gelegenheit, Grossartiges zu schaffen. Verkackt es einfach nicht, okay?
