Wahl in Sachsen-Anhalt: Warum die AfD so stark geworden ist
«Deutschland im Herbst»: So lautet der Titel eines Dokumentarfilms von 1978, der sich mit der schwersten Krise der Bundesrepublik beschäftigte. Im Herbst 1977 hatte der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) das Land in Atem gehalten, mit der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine «Landshut».
Letztere nahm ein gutes Ende, während Schleyer von der RAF ermordet wurde, auch weil sich die SPD/FDP-Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt unnachgiebig gezeigt hatte. Am Ende ging das demokratische Deutschland gestärkt aus diesem Härtetest hervor und Schmidt wurde zum Ideal eines führungsstarken Politikers.
Fast 50 Jahre danach, im Frühherbst 2026, steht das wiedervereinigte Deutschland vor einer neuen Zerreissprobe. Nur dass die Bedrohung «von innen» kommt. Bei der Wahl im Bundesland Sachsen-Anhalt mit rund zwei Millionen Einwohnern könnte die Alternative für Deutschland (AfD) am Sonntag die absolute Mehrheit im Landtag erobern.
«Gesichert rechtsextrem»
Es wäre eine Zäsur, auch mit Blick auf die deutsche Geschichte. Eine Partei, die vom Verfassungsschutz gerade in Sachsen-Anhalt als «gesichert rechtsextrem» eingestuft wird, könnte an die Macht kommen. Wie ist das möglich? Eine Antwort liefert der Zustand Deutschlands generell und besonders des Ostens, des Gebiets der einstigen DDR.
Das Land
Der Autor dieser Zeilen war gerade während zehn Tagen in Deutschland unterwegs und stellte fest, dass es um die Bundesrepublik nicht so schlecht steht, wie es manchmal scheint. Die Wachstumsschwäche ist real, doch vielen Menschen geht es nach wie vor gut. Allerdings tendieren die Deutschen dazu, das Glas als halb leer zu betrachten.
Meine Reise beschränkte sich auf Bayern und Baden-Württemberg, die wirtschaftlich stärksten Bundesländer. Sie sind auch Hochburgen der Autoindustrie, die in der Krise steckt, weil China sich vom lukrativen Absatzmarkt zum harten Konkurrenten entwickelt hat. Die Bedrohung ist dermassen akut, dass der «Spiegel» ihr den Titel der jüngsten Ausgabe gewidmet hat.
Die Probleme dieser Paradebranche schlagen vielen Deutschen aufs Gemüt. Hinzu kommt eine Bundesregierung von CDU/CSU und SPD, die wichtige Reformen aufgegleist hat, jedoch keine Aufbruchstimmung verströmt. Das liegt auch am Führungspersonal mit Bundeskanzler Friedrich Merz sowie den SPD-Co-Chefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil.
In beiden Lagern war der Unmut zuletzt so gross, dass gemäss deutschen Medien über einen Wechsel an der Spitze diskutiert wurde. Dazu dürfte es kaum kommen, zumal die Regierung erst seit 15 Monaten im Amt ist. Fraglos hat sie Luft nach oben, doch ein zentrales Problem lässt sich nicht einfach so lösen: der Graben zwischen Ost und West.
Der Osten
Der Blick auf die politische Landkarte nach der Bundestagswahl 2025 ergab ein klares und erschütterndes Bild: In den fünf östlichen Flächenländern – ohne die Hauptstadt Berlin – hatte die AfD fast sämtliche Direktmandate erobert, auf dem Gebiet der früheren West-BRD hingegen kein einziges. Die AfD ist zur Ostpartei schlechthin geworden.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Deutschland hat sich in 40 Jahren der Teilung in eine freiheitliche BRD-Marktwirtschaft und eine sozialistisch-totalitäre DDR-Mangelwirtschaft dermassen auseinandergelebt, dass sie fast 40 Jahre danach nicht vollständig überwunden ist, trotz der riesigen Summen, die vom Westen in den Osten geflossen sind.
Viele Ostdeutsche fühlen sich als Bundesbürger zweiter Klasse, denn nach wie vor besteht eine Wohlstandslücke, nicht zuletzt bei den Erbschaften. Das erzeugt Ressentiments. Hinzu kommt ihre fehlende Erfahrung mit Demokratie und Zuwanderung. Dies bildet einen idealen Nährboden für eine Partei wie die AfD, die an «Ostalgie» und Nationalstolz appelliert.
Die AfD
Spitzenkandidat Ulrich Siegmund unterstreicht dies mit Ausfahrten auf DDR-Mopeds der Marke Simson, zum Ärger von Dennis Baum, einem Nachfahren der vor den Nazis in die USA geflüchteten jüdischen Firmengründer. «Wir empfinden jede Verbindung mit der AfD als abstossend und als eine Beleidigung unseres Familiennamens», sagte er dem «Tagesspiegel».
Siegmund ist das freundliche Gesicht der AfD. Er setzt auf einen Gute-Laune-Wahlkampf, etwa wenn er das «Spiegel»-Cover signiert, auf dem er als «der gefährlichste Mann Deutschlands» bezeichnet wird. Dabei hat sich der 35-Jährige wie die gesamte Partei radikalisiert. In seinem Umfeld tummeln sich trübe Gestalten mit Neonazi-Vergangenheit.
Bei konkreten Themen gerät Siegmund schnell ins Schleudern, etwa letzte Woche in der Fernsehdebatte. Oder er flüchtet sich in Leerformeln, etwa bei der Frage, wie die AfD ihre finanziellen Wohltaten ohne neue Schulden und höhere Steuern finanzieren will. Dazu gehören ein «Baby-Begrüssungsgeld» bis 4000 Euro und kostenlose Kitas.
Der Wählerschaft scheint dies egal zu sein, denn die AfD bewirtschaftet Gefühle, und das wirkt stärker als Fakten. Hinzu kommt die Schwäche der Konkurrenz. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) ist erst seit Januar im Amt. Er hat es bislang nicht geschafft, aus dem Schatten seines populären Vorgängers und «Landesvaters» Reiner Haseloff zu treten.
Die Umfragen
Die AfD kommt seit Monaten auf 40 Prozent und mehr, so auch im ZDF-Politbarometer vom letzten Freitag. Ob es für die absolute Mehrheit und eine Alleinregierung reicht, hängt davon ab, wie viele Parteien in den Landtag in Magdeburg einziehen. Derzeit sieht es für die AfD eher ungünstig aus, denn die SPD dürfte es sicher und die Grünen wahrscheinlich schaffen.
Die Linke ist ohnehin drin, während die FDP und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das als einzige Partei konkret an der Brandmauer zur AfD rüttelt, an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern dürften. Allerdings waren die Umfragen bei der letzten Wahl vor fünf Jahren unzuverlässig. Sie sahen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AfD und CDU.
Am Ende siegte die Union deutlicher als erwartet. Dieses Mal wird der AfD der Spitzenplatz kaum noch zu nehmen sein. Sie hat angekündigt, nur alleine regieren zu wollen. Allerdings fänden dies laut dem ZDF-Politbarometer bloss 30 Prozent der Befragten in Sachsen-Anhalt gut und 54 Prozent schlecht. 50 Prozent bevorzugen eine CDU-geführte Regierung.
Einfach dürfte die Regierungsbildung nicht werden. Und zwei Wochen später finden in zwei weiteren Ost-Ländern Wahlen statt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Hier wird es für die AfD kaum reichen. Vielmehr deuten die Umfragen in beiden Fällen auf eine rot-rot-grüne Regierung hin.
Selbst wenn es die AfD in Sachsen-Anhalt schaffen sollte, ist Deutschland nicht «verloren». Aber es würden sich heikle Fragen stellen, etwa ob man eine von der prorussischen Partei geführte Regierung von Geheimdienstinformationen ausschliessen soll. Das demokratische Deutschland stand lange für politische Stabilität. In diesem Frühherbst ist davon wenig geblieben.
