Wie Jon Ossoff Trump zur Weissglut bringt
Die Wahlkampfrede, die Jon Ossoff, ein demokratischer Senator aus dem Bundesstaat Georgia am vergangenen Sonntag gehalten hat, wirft hohe Wellen. Führen wir uns also nochmals vor Augen, was Ossoff genau gesagt hat:
Im Weissen Haus fielen die Reaktionen auf diese Rede heftig aus. Trump verglich Ossoff auf eine Frage an einer Pressekonferenz mit Pee-wee Herman, einer lächerlichen Comic-Figur aus den Achtzigerjahren. Das war noch vergleichsweise milde. Steven Cheung, sein Kommunikationsdirektor, griff zu Ausdrücken, die an dieser Stelle nicht wiederholt werden können, und beschimpfte Ossoff als «den grössten Loser in der Politik». «Anstatt die hart arbeitenden Menschen, die diesem Land dienen, zu beleidigen, sollte Jon in sich gehen und sich fragen, weshalb er eine so miserable Person ist, die sein Land hasst», fügte Cheung hinzu.
Ossoff hat am vergangenen Wochenende Trump nicht zum ersten Mal auf die Palme gebracht. Er war es, der den Begriff «Epstein-Klasse» wenn nicht geprägt, so doch popularisiert hat. Immer wieder stellt er die Korruption des Trump-Clans an den Pranger. Dabei geht er ein grosses Risiko ein, denn Georgia ist ein Swing State. Ossoffs erste Wahl ist auch dank glücklicher Umstände erfolgt, und bei den Wahlen 2024 hat Trump in diesem Bundesstaat gewonnen. All dies würde an sich dafür sprechen, die Wiederwahl vorsichtig anzugehen und Angriffe auf den Präsidenten allenfalls dosiert vorzunehmen.
Ossoff macht genau das Gegenteil und greift frontal an. Er tut dies jedoch nicht überdreht, wie beispielsweise Gavin Newsom in Kalifornien. Auch in den sozialen Medien hält sich Ossoff zurück. Er spricht langsam und mit Pausen. Seine Reden schreibt er grösstenteils selbst. All dies hat ihm anfänglich den Ruf eingebracht, Barack Obama zu imitieren.
Inzwischen ist es ihm jedoch gelungen, dieses Vorurteil zu überwinden. So attestiert ihm beispielsweise David Graham im «Atlantic», dass er seine eigene Stimme gefunden habe. Ossoff ist kein demokratischer Sozialist; er wird aber dem progressiven Flügel der Demokraten zugezählt. Obwohl er Jude ist, spricht er sich gegen weitere Waffenlieferungen an Israel aus.
Kurz: Er spricht linke und moderate Demokraten an und könnte so 2028 der perfekte Präsidentschaftskandidat für die Partei sein. Als solcher wird er auch gehandelt. So schreibt Michelle Goldberg in der «New York Times»: «Wer im Labor einen idealen Kandidaten für 2028 kreieren wollte, der würde jemanden nach dem Vorbild von Ossoff schaffen. Er ist jung und sieht gut aus, kann eine perfekte Familie vorweisen, eine hübsche Frau, die als Gynäkologin arbeitet, und zwei kleine Töchter. Er kommt aus einem Südstaat und kann auch die Schwarzen begeistern. Er ist ein jüdischer Kritiker von Israel, der über das Potenzial verfügt, die Demokraten mit den Zionismus zu versöhnen.»
Ambitionen auf das Weisse Haus weist Ossoff indes weit von sich. Er kann gar nicht anders, denn damit würde er seine Chancen, seinen Sitz im Senat zu verteidigen, zerstören. Dieser Sitz ist jedoch möglicherweise entscheidend für die Mehrheit im Senat, und damit auch dafür, wie es mit der Demokratie in den USA weitergeht.
Zwar liegt Ossoff derzeit in den Umfragen deutlich vor seinem republikanischen Gegner Mike Collins, einem Trump-Loyalisten. Doch er weiss, dass die heisse Phase des Wahlkampfs erst noch bevorsteht, und dass die Republikaner sehr viel Geld aufwenden werden, um ihn zu besiegen.
Die Republikaner versuchen alles, ihre politischen Gegner als Marxisten und Islamisten, die ihr eigenes Land hassen, zu verunglimpfen. Mit Ossoff funktioniert diese Polemik schlecht. Er macht kein Hehl aus seinem Patriotismus und grenzt sich gleichzeitig gegen die Blut-und-Boden-Patrioten ab.
«Wir sind mit dem gleichen nationalen Geist verbunden, der die Zivilgesetze schuf, den Faschismus besiegte und die Mondlandung ermöglichte», erklärte er bei seiner Auftaktrede zu seinem Wahlkampf. «Kleine Geister wie Donald Trump, J.D. Vance und Stephen Miller werden dies nie verstehen. Unsere nationale Grösse fliesst nicht durch unser Blut oder unsere Gene. Sie fliesst durch unsere Ideen.»
Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels ist watson leider auf einem KI-Fake mit Bill Clinton aufgesessen. Wir haben die entsprechenden Textstellen entfernt und bitten um Entschuldigung.
