International
Drohnen

Iryna Terekh setzt Putins Armee stark zu

Diese Frau setzt Putins Armee stark zu

Im unübersichtlichen Rüstungsmarkt gilt das ukrainische Unternehmen Fire Point als Aussenseiter. Dennoch hat es in kurzer Zeit unbestreitbare Erfolge erzielt. Ein Treffen mit seiner Chefin.
27.07.2026, 21:1627.07.2026, 21:16
Olga NEDBAEVA, london / afp
Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Sie reist zu den grossen internationalen Rüstungsmessen, verhandelt mit Industrievertretern und nimmt an Gesprächen über die Wiederbewaffnung Europas teil. Die 34-jährige Iryna Terekh, ausgebildete Architektin, leitet Fire Point. Das Unternehmen gehört inzwischen zu den wichtigsten Akteuren der ukrainischen Fähigkeiten für weitreichende Angriffe gegen Russland.

Iryna Terekh trifft uns abseits der Hallen der Luftfahrtmesse, die diese Woche im britischen Farnborough stattfindet, in einem Büro im vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair.

Vor einem Monat hatte Fire Point einen Auftritt an der Eurosatory in Frankreich, wo sie in einer Endlosschleife Bilder einer brennenden Raffinerie nahe Moskau zeigte. Diese wurde von einer ihrer eigenen Drohnen getroffen. Für den Auftritt gab es viel Beachtung. Das Unternehmen verzichtete daraufhin auf einen Stand in Grossbritannien.

Einen Monat nach einem viel beachteten Auftritt an der Eurosatory in Frankreich, wo Fire Point in einer Endlosschleife Bilder einer brennenden Raffinerie nahe Moskau zeigte, die von einer seiner Drohnen getroffen worden war, verzichtete das Unternehmen auf einen Stand in Grossbritannien. «Der nächste Auftritt darf nicht weniger gut sein», sagt Iryna Terekh. Sie wolle bei der nächsten Präsentation noch besser abschneiden.

Iryna Terekh dirige Fire Point, une perle de l'armement ukrainien
Iryna Terekh, CEO von Fire Point, einem ukrainischen Unternehmen, das auf Drohnen und Raketen spezialisiert ist.Image: montage watson

Ohne sichtbares Make-up wirkt sie zugleich zurückhaltend und charismatisch. Sie spricht auf Ukrainisch und Englisch mit der Sicherheit einer Frau, die solche Auftritte inzwischen gewohnt ist: Seit Monaten verteidigt sie Fire Point gegen Kontroversen und Korruptionsvorwürfe, die den rasanten Aufstieg des Unternehmens begleitet haben.

Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, vom Staat bevorzugt behandelt worden zu sein. Zudem sorgten seine öffentlichen Aufträge für Kontroversen. Fire Point entgegnet, die ukrainischen Behörden hätten 2022, 2023 und 2024 verzweifelt nach Herstellern gesucht, die Waffen liefern konnten. Das Unternehmen akzeptiere Kontrollen, Audits und Transparenz.

Iryna Terekh, die zurückhaltende Chefin von Fire Point

Die Mittdreissigerin wuchs in Charkiw im Osten der Ukraine auf. Von ihrem Kinderheim im Quartier Saltiwka aus, das heute zu den am stärksten von russischen Bombardierungen betroffenen Gebieten gehört, konnte sie Belgorod auf der anderen Seite der russischen Grenze sehen.

Sie lebt seit Langem in Kiew und hat «Kinder», über die sie «aus Sicherheitsgründen» nichts weiter sagt. Als Architektin hat sie nie gearbeitet. Stattdessen leitete sie mehrere Unternehmen in der Baubranche. Sie habe daran Gefallen gefunden, zu sehen, wie Ideen Gestalt annehmen.

Als Russland 2022 in die Ukraine einmarschierte, schlug ihr Freund Denys Schtilerman ihr vor, ihm beim Aufbau seines Unternehmens zu helfen. Ihrer Darstellung zufolge wurden die ersten Ideen für die spätere Drohne FP-1 Ende 2022 auf einer Serviette in ihrem Lieblingsrestaurant skizziert. Der Prototyp wurde im Frühling 2023 in einer Garage zusammengebaut. Danach seien innerhalb von drei Wochen sieben Geräte hergestellt worden, erzählt sie. «Wir schliefen drei Stunden und wechselten uns ab.» Auf Kritik an einer «Garagen-Ingenieurskunst» oder an mangelnder Professionalität entgegnet Iryna Terekh, sie sei darauf «sehr stolz».

«Die ukrainische Armee stützt sich heute zu einem grossen Teil auf Freiwillige», betont sie. Die Produkte müssten deshalb «einfach, klar und reproduzierbar» sein. «Wenn du die klügste Person in einem Raum bist, musst du hinausgehen und eine andere finden, in der du dich wie eine Amateurin fühlst», sagt sie. Damit nimmt sie bewusst die Rolle der Aussenseiterin ein, während ihr Werdegang und ihre Kompetenzen in der Ukraine regelmässig infrage gestellt werden. Dann lacht sie laut:

«Ob das ernst zu nehmen ist oder nicht, müssen nicht wir beurteilen, sondern Wladimir Putin.»

Fire Point produziert Tausende Drohnen

Trotz der Kontroversen gilt Fire Point bei zahlreichen westlichen Fachleuten und Industrievertretern, mit denen wir gesprochen haben, als einer der wichtigsten Akteure hinter den ukrainischen Langstreckenangriffen gegen Russland. Die Firmenchefin will keine Angaben zum Umsatz machen. Sie sagt jedoch, die Produktion liege inzwischen bei mehreren Tausend Drohnen pro Monat. Auch die zuvor genannten Zahlen von 3000 Drohnen und 30 Flamingo-Raketen pro Monat seien weiter gestiegen.

Sie räumt ein, dass die Kontroversen um ihr Unternehmen konkrete Folgen hatten: Einige Projekte mit ausländischen Partnern hätten sich wegen zusätzlicher Compliance-Prüfungen um mehrere Monate verzögert. Diese Verfahren seien inzwischen abgeschlossen, sagt sie.

Ihr Ziel ist nun, zum Aufbau einer umfassenden Koalition zur Abwehr ballistischer Raketen beizutragen – «etwas, das es auf der Welt noch nicht gibt». Fire Point hofft dabei auf eine Schlüsselrolle. Zum Schluss erklärt sie:

«Wir haben alle gesehen, dass amerikanische Patriot-Systeme aufgrund eines politischen Entscheids aus der Ferne deaktiviert wurden. Wir wollen nicht in eine Lage geraten, in der ein solcher politischer Entscheid für den Himmel über Paris getroffen wird.»
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Innovativ und tödlich: Der Drohnenkrieg der Ukraine
1 / 18
Innovativ und tödlich: Der Drohnenkrieg der Ukraine

Die Ukraine wehrt sich erfolgreich gegen den Aggressor Russland, dabei spielen Drohnen eine zentrale Rolle. In dieser Bildstrecke geht es um Meilensteine und historische Wendepunkte...

quelle: keystone / alex babenko
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Militrätransporter A400M steht erstmals als Löschflugzeug im Einsatz
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
7 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Steibocktschingg
27.07.2026 21:46registriert Januar 2018
"Wir wollen nicht in eine Lage geraten, in der ein solcher politischer Entscheid für den Himmel über Paris getroffen wird."

Wichtige Worte, ich finde es toll wie sie das ausgerechnet in Frankreich sagte, dem Land, das gerade immer offensichtlicher auf Konfrontation mit den USA geht. Es wird Zeit, dass der Rest der Staaten Europas sich ihnen, Polen, den baltischen Staaten, Finnland und allen anderen, die wissen, wie gefährlich Russland und, immer mehr, auch die USA sind und was dagegen tun, anschliessen.

Die Schweiz sollte auch endlich mal ihren bequemen Arsch bewegen und mitmachen
240
Melden
Zum Kommentar
avatar
Outlook
27.07.2026 22:13registriert Februar 2022
Es ist eindrücklich, was die Ukrainer unter dem Druck des Angriffskriegs Russlands in diesen wenigen Jahren alles erreicht haben.
200
Melden
Zum Kommentar
7
Porsche-Kahlschlag in Deutschland: 5000 Stellen werden abgebaut
Der Sport- und Geländewagenbauer Porsche streicht bis 2035 weitere 5000 Stellen in der Region Stuttgart. Betroffen sind das Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen und das Entwicklungszentrum in Weissach.
Im Gegenzug wird die Standortsicherung um fünf Jahre bis Ende 2035 verlängert. Betriebsbedingte Kündigungen sind in dieser Zeit ausgeschlossen, wie das Unternehmen und der Gesamtbetriebsrat am Montag mitteilten.
Zur Story