Darum könnte Orban eine Mehrheit erhalten, selbst wenn sein Gegner mehr Stimmen holt
Der Fall ist nur vermeintlich klar: Wer in einer Demokratie die meisten Stimmen erhält, bekommt am Ende die meisten Sitze im Parlament – so zumindest die Theorie. In der Praxis funktioniert das in vielen Ländern anders, wie man etwa bei der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2016 sehen konnte. Trump erhielt insgesamt weniger Stimmen als Hillary Clinton, wurde aber dennoch Präsident.
In Ungarn ist am Sonntag ein ähnliches Szenario möglich. Die Ausgangslage ist allerdings zugespitzter als in den USA, weil das komplizierte ungarische Wahlsystem, das Viktor Orbán 2014 eingeführt hat, Verzerrungen des Wählerwillens speziell begünstigt. So ist es möglich, dass eine Partei mit deutlich weniger als der Hälfte der Stimmen am Ende eine komfortable Mehrheit der Parlamentssitze erringt.
Das Wahlrecht ist für normale Wähler kaum durchschaubar
Ein Grund dafür ist das sogenannte Gerrymandering. Orbáns Regierung hat die Grenzen der Einerwahlkreise so zugeschnitten, dass Fidesz-Hochburgen – meist kleinere, ländliche Kreise – überproportional viele Direktmandate einbringen. Oppositionelle Hochburgen, vor allem in Budapest und grösseren Städten, wurden hingegen entweder in wenige grosse Wahlkreise konzentriert oder auf mehrere Kreise verteilt.
Hinzu kommt die äusserst komplizierte Struktur des ungarischen Wahlsystems. Nur 106 der insgesamt 199 Parlamentssitze werden direkt in den Wahlkreisen an die Person mit den meisten Stimmen vergeben. Die übrigen 93 Mandate werden über die nationale Parteiliste vergeben, zu der die Wahlkreis-Stimmen von manchen Wählern noch zusätzlich hinzu gerechnet werden. Das macht es sogar für Politikwissenschaftler schwierig, eine Einschätzung zum Wahlausgang abzugeben.
Wenig überraschend wird es deshalb einige Zeit dauern, bis am Sonntagabend erste Hochrechnungen veröffentlicht werden – voraussichtlich gegen 23:00 Uhr. Schon jetzt ist aber klar, dass Oppositionsführer Péter Magyar voraussichtlich mit einem deutlichen Vorsprung gewinnen muss, wenn er die strukturellen Nachteile des Wahlsystems aufholen und die grösste Fraktion im Parlament stellen will.
Selbst die Umfragen widersprechen sich stark
Der aussenpolitische Thinktank «Atlantic Council» schätzt, dass Magyar konkret einen Vorsprung von mindestens sechs Prozentpunkten braucht, um eine parlamentarische Mehrheit zu erreichen. Princeton-Professorin Kim Lane Scheppele geht gegenüber dem linksliberalen Onlinemagazin «Vox» davon aus, dass «mindestens 10 bis 15 Prozent Vorsprung» nötig sind.
Schwierig einzuschätzen sind in diesem Zusammenhang auch die Vorhersagen der Umfrageinstitute aus Ungarn. Unabhängige und oppositionsnahe Demoskopen sehen die Tisza-Partei deutlich vorn, während regierungsnahe Umfragemacher Orbáns Fidesz einen Sieg voraussagen. Ob die rechtsextreme Partei «Mi Hazánk» die 5-Prozent-Hürde schafft, ist ebenfalls noch offen.
Am Samstag gab es bezüglich der Umfragen allerdings eine überraschende Entwicklung. Das renommierte amerikanische Umfrageinstitut AtlasIntel, das vor zwei Jahren die Wahl Donald Trumps korrekt vorausgesagt hatte, veröffentlichte erstmals eine Umfrage zu den ungarischen Wahlen. Die Prognose: Auch AtlasIntel glaubt an einen Sieg von Oppositionsführer Péter Magyar.
Entscheidender als alle Zahlenspiele wird letztlich jedoch, wie die offiziellen Wahlresultate ausfallen. Ein amtliches Endergebnis wird im Verlauf des Montags erwartet. (aargauerzeitung.ch)
