Sekten wie Scientology sind nicht weg – sie sind nur leiser geworden
Es gab eine Zeit, da waren Sekten in den Medien allgegenwärtig. Es verging kaum ein Tag, ohne dass radikale religiöse, esoterische und weltanschauliche Gruppen für Schlagzeilen sorgten. Schliesslich gab es in der Schweiz mehrere hundert problematische Gruppierungen. Kleine, mit einem Dutzend Anhängern und grosse, mit Zehntausenden Mitgliedern.
Nachlassendes Interesse
Und heute? Das Rauschen im Blätterwald ist weitgehend verstummt. Deshalb werde ich oft gefragt, ob es überhaupt noch Sekten gibt. Die kurze Antwort: Natürlich. Es sind auch nicht weniger geworden. Und nicht harmloser. Aber vorsichtiger, um ungestörter unter dem Radar der Öffentlichkeit fliegen zu können.
Das Nachlassen des Interessens hat mit Resignation zu tun. Man hat realisiert, dass Sekten resistent sind. Die Hoffnung, man könne sie verbieten oder zurückbinden, hat sich zerschlagen. Weite Teile der Bevölkerung fanden sich damit ab, dass Sekten ein Teil der Gesellschaft sind. Es verhält sich ähnlich wie mit einer anderen Sucht, den Drogen. Deshalb schlägt das Thema in der Öffentlichkeit keine grossen Wellen mehr.
Ein klassisches Beispiel im Sektenbereich ist Scientology. Die Psychosekte sorgte früher im Wochentakt für unrühmliche Schlagzeilen. Aussteiger berichteten über unmenschliche Praktiken, Psychoterror, überteuerte Kurse, Verschuldung und krude Heilsversprechen, die zu einem ewigen Leben führen sollen.
Kindheit in der Sekte
Und heute? Alles Schnee von gestern? Von wegen, wie ein Bericht des «Beobachters» zeigt. Danach geht es auch heute noch bei Scientology zu und her wie im hölzernen Himmel.
Es ist die Geschichte von Thierry Chiquet, der als Kind Opfer der Sekte wurde. Um genau zu sein: Opfer seiner Mutter, einer glühenden Anhängerin von Scientology. Sie schuftete als Mitarbeiterin für Scientology und hatte keine Zeit, sich seriös um ihre beiden Buben zu kümmern.
In der Schule fiel auf, dass Thierry und sein Bruder schlecht ernährt waren. Die Behörden regten eine Fremdplatzierung an, doch ihre geschiedene Mutter wehrte sich erfolgreich dagegen. Sie brachte ihre Söhne in der ZIEL-Schule unter, die nach den umstrittenen Methoden des Sektengründers Ron Hubbard arbeitete und von Scientologinnen geleitet wurde.
2003, Thierry war 13 Jahre alt, wurde seine Mutter zur gefürchteten Eliteeinheit Sea Organization (Sea Org) nach Los Angeles abkommandiert, die auch für den scientologischen Geheimdienst zuständig ist. Dort wurde sie von ihren Söhnen getrennt, wie diese dem «Beobachter» erzählten. Der Kontakt blieb spärlich, die beiden Knaben lungerten oft herum. Schulunterricht gab es nicht.
Nach ein paar Monaten versetzte die Sekte ihre Mutter nach Dänemark. Dort sollten Thierry und sein Bruder eine Ausbildung erhalten, um selbst Mitglied der Sea-Org zu werden.
Sie wurden in kahlen Zimmern mit Kajütenbetten für sechs bis neun Personen untergebracht. Für 20 Personen gab es ein Badezimmer. Unter diesen unwürdigen Umständen lebten sie fünf Jahre lang. Sie hatten täglich vier Stunden Schulunterricht und mussten für das Zentrum arbeiten.
Dafür bekamen sie wöchentlich maximal 30 Franken. Sie wurden von einer milliardenschweren Sekte ausgebeutet, die für eine Kursstunde auf der höheren Ebene mehrere hundert Franken verlangt. Ihre Mutter hat wie alle Sea-Org-Mitglieder nicht viel mehr verdient, aber sie kannte die Bedingungen und unterwarf sich freiwillig dem unmenschlichen Regime.
Der Ausstieg
Thierry begann, zu rebellieren. Er schlich sich nachts aus dem Zentrum und trieb sich auf der Gasse herum. Einen solchen «Ungehorsam» duldet die Sekte nicht. Der Sicherheitschef schmiss ihn raus. Thierry war damals 17 Jahre alt, wie er und sein Bruder beteuern. Scientology behauptet hingegen, er sei volljährig gewesen. Ob die Mutter über den Rauswurf ihres Sohnes informiert worden war, ist nicht bekannt.
Thierry schlug sich acht Monate lang auf der Gasse durchs Leben. Danach rappelte er sich auf und ging zurück in die Schweiz. Heute ist er als Selbstständiger beruflich erfolgreich unterwegs. Sein Bruder schaffte den Ausstieg aus der Sekte ebenfalls. Die beiden haben seit vier Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Sie glaubt offenbar immer noch, dass sie im Dienst von Scientology die Welt vor dem Untergang retten muss und als hochtrainierte Scientologin «Ursache über Raum, Zeit, Materie und Leben» werden kann. Also ein Genie, das niemals sterben wird, weil es angeblich immer wieder als hochtrainierte Scientologin auf die Welt kommt.
Geschmacklose Vergleiche
Mir ist in diesen Tagen eine alte Scientology-Broschüre in die Hände gekommen, die viel über den kruden Geist der Sekte aussagt. Darin zieht Scientology den Vergleich mit der Judenverfolgung im Dritten Reich. Die Kirche – so nennt sie sich offiziell – werde in der Neuzeit auf ähnliche Weise verfolgt wie damals die Juden, heisst es im Scientology-Pamphlet. Es zeigt Zeichnungen und Überschriften über Juden in der Nazi-Zeitschrift «Stürmer» und vergleicht diese mit Titeln von Artikeln in den heutigen Medien.
Ein geschmackloser Vergleich, geniesst doch die Sekte alle Errungenschaften einer Demokratie. Sie kann nach Belieben Kritiker einklagen und profitiert bei uns als Pseudokirche Steuerfreiheit.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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