Europäer halten USA mittlerweile für grössere Bedrohung als China
Die USA galten jahrzentelang als engster Bündnispartner Europas, dann folgten in der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump der Ukraine-Ausstieg, der Zollstreit und der Iran-Krieg. Eine neue Umfrage des US-Nachrichtenportals Politico zeigt nun auf, wie stark sich das europäische Vertrauen in die USA zuletzt verändert hat: In mehreren EU-Ländern sehen inzwischen mehr Menschen die Vereinigten Staaten als Bedrohung als China.
Befragt wurden rund 6700 Menschen in den sechs wichtigsten EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und Polen. 36 Prozent der Befragten betrachten die USA als Bedrohung für Europa. China wird dagegen nur von 29 Prozent als Risiko wahrgenommen. Wie stark die Skepsis gegenüber den USA ausgeprägt ist, variiert je nach Land aber deutlich.
Besonders kritisch ist die Stimmung in Spanien: Dort stuft eine Mehrheit der Befragten die USA als Bedrohung ein. Auch in Italien, Belgien und Frankreich überwiegt eine skeptische Haltung gegenüber Washington. In Deutschland fällt das Bild etwas moderater aus – aber auch hier sieht ein erheblicher Teil der Bevölkerung die USA nicht mehr uneingeschränkt als Partner.
Eine klare Ausnahme bildet Polen. Dort gilt die USA weiterhin als wichtiger Verbündeter, was sich mit der sicherheitspolitischen Nähe des Landes zu Washington erklären lässt.
Trotz des Vertrauensverlusts gegenüber den USA bleibt Russland klar die grösste Bedrohung für die EU-Staaten. Besonders ausgeprägt ist diese Wahrnehmung in Polen.
Auch China wird von vielen Europäern als strategischer Gegner gesehen – allerdings deutlich weniger stark als die USA oder Russland. Dabei zeigt sich ein relativ einheitliches Bild über die untersuchten Länder hinweg. China wird zwar als wirtschaftlicher und geopolitischer Konkurrent wahrgenommen, aber weniger als unmittelbares Sicherheitsrisiko für Europa.
Verteidigungsbereitschaft
Die Umfrage zeigt ausserdem einen grossen Widerspruch in Europa auf: Zwar sprechen sich viele Befragte im Falle eines Angriffs grundsätzlich für gegenseitige militärische Unterstützung innerhalb Europas aus. Doch wenn es um die eigene Beteiligung geht, sinkt die Zustimmung deutlich. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wäre bereit, selbst aktiv zu kämpfen.
Auffällig ist auch der Wille zur militärischen Unterstützung im Bündnisfall: Die Bereitschaft, ein angegriffenes NATO-Land zu verteidigen, ist ähnlich hoch wie bei einem EU-Staat. Das unterstreicht, wie wichtig die NATO für das Sicherheitsverständnis vieler Europäer bleibt – selbst in einer Phase wachsender Skepsis gegenüber den USA.
Wenn es um die Verteidigung des eigenen Landes geht, ist die Zustimmung grundsätzlich hoch. Viele Befragte sprechen sich dafür aus, das eigene Land im Ernstfall zu verteidigen – doch die persönliche Bereitschaft, selbst zu den Waffen zu greifen und aktiv zu kämpfen, ist jedoch eher gering.
Unterstützung für die Ukraine
Auch bei der Unterstützung für die Ukraine zeigt sich ein differenziertes Bild bei den sechs wichtigsten EU-Staaten. Grundsätzlich spricht sich in allen untersuchten Ländern eine Mehrheit dafür aus, dass die Ukraine weiterhin unterstützt wird – politisch, finanziell und militärisch.
Doch die Zustimmung ist nicht überall gleich stark ausgeprägt. Besonders hoch ist sie in Polen, wo die Nähe zum Krieg und die sicherheitspolitische Lage eine zentrale Rolle spielen. Auch in Deutschland und Frankreich ist die Unterstützung mehrheitlich vorhanden, wenn auch weniger deutlich.
In Ländern wie Italien oder Spanien fällt die Zustimmung zurückhaltender aus. Dort ist die Skepsis gegenüber militärischem Engagement grösser, und die Unterstützung konzentriert sich stärker auf diplomatische oder humanitäre Hilfe.
