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Dieser Mann ist eine Frau, nämlich Cate Blanchett als schottischer Obdachloser in «Manifesto». Hier auf dem Berliner Teufelsberg. Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Interview

Das wichtigste Kunstwerk 2017 besteht aus 13 Mal Cate Blanchett

Es heisst «Manifesto», ist ein Film und besteht aus vielen Cate Blanchetts und vielen Manifesten. Der Künstler dahinter ist Julian Rosefeldt und er erzählt uns alles über die Zusammenarbeit mit dem Superstar und seine Absichten.



Beginnen wir von vorn: Eines Abends lernen Sie Cate Blanchett kennen ...
Ein gemeinsamer Freund brachte sie in Berlin zu einer Ausstellung von mir mit und stellte uns vor. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und beschlossen, spontan gemeinsam ein Projekt zu realisieren. Später besuchte ich sie und ihre Familie in Sydney, und als sie dann in Berlin «Monuments Men» drehte, präsentierte ich ihr meine Idee zu «Manifesto». Ich glaube, sie hatte eher mit etwas Nonverbalem gerechnet.  

epa05151160 German artist Julian Rosefeldt poses in his 'Manifesto' exhibition, an installation consisting of 13 simultaneously presented films, at the National Gallery in Berlin, Germany, 09 February 2016. Australian actress Cate Blanchett reads various manifestos and plays various roles, as pictured in the background. The exhibition runs from 10 February to 10 July.  EPA/JENS KALAENE

Julian Rosefeldt. Bild: EPA/DPA

Stattdessen kamen Sie mit Ausschnitten aus 50 Texten, die Cate Blanchett in 13 verschiedenen Rollen spricht. Als Film dauern diese Monologe 90 Minuten, als Videoinstallation 130 Minuten. Miteinander gearbeitet haben Sie aber nur elf Tage lang. Darf ich ganz banal fragen: Wie hat Cate Blanchett das gemacht?
Wir haben mit allen möglichen Tricks gearbeitet: Sie hatte einen Knopf im Ohr und hörte damit die Texte, die sie selbst am Vorabend eingesprochen hatte. Wir hatten grosse Texttafeln im Hintergrund. Wir steuerten per App den Text auf einem iPhone, das sie vor sich auf einem Teller liegen hatte. Manche Rollen waren so angelegt, dass sie die Texte ohne Umwege ablesen konnte, etwa bei einer Begräbnisrede oder wenn sie als Vorstandsdame ihre Begrüssung von Kärtchen abliest.

«Nothing is original. So you can steal from everywhere, okay?» Ob es klug ist, den Kindern dies beizubringen? Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Aber all die Akzente, die dazu gehören, konnte sie ja nirgendwo ablesen, oder doch?
Weil wir so wenig Zeit hatten, übte Cate ihre Akzente oft auch beim Mittagessen und sass dann als grantiger, bärtiger Obdachloser am Tisch und machte auf Schottisch Kommentare über das Essen. Eine Mittagspause ist ja – professionell gesehen – nichts anderes als kostbare Probezeit, die gibt man ja nicht einfach weg und wird wieder zur Privatperson.

Es fällt mir sowieso schwer, die Begriffe «Cate Blanchett» und «Privatperson» zusammen zu bringen. War es nicht enorm schwierig, sie überhaupt für ein derartiges Projekt zu verpflichten?
Cate hatte im Jahr, als wir drehten, den Oscar für «Blue Jasmine» gewonnen, und das hat unser Projekt natürlich gefährdet. Mit so einem Oscar kommt eine wahnsinnige Dynamik in die ganze Filmmaschinerie, Projekte, die auf der Wartebank sassen, werden beschleunigt und nach vorne gebracht, andere werden losgetreten, und plötzlich sah es so aus, als könnte unsere Zusammenarbeit gar nicht mehr stattfinden.  

Die Puppenspielerin spricht in den surrealen Stimmen von André Breton und Lucio Fontana. Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Und was war die Rettung?
Netterweise entschied sich ihre ganze Familie, Weihnachten in Berlin zu verbringen. Wir drehten ja direkt vor Weihnachten, und ihr Mann und die Kinder sind auch Teil unseres Projekts geworden und spielen in einer Sequenz ihre Filmfamilie.

Das klingt rührend!
Ich war auch sehr gerührt. Das ganze Projekt war sehr abenteuerlich, die elf Tage waren unvergesslich, ein Trip, weil wir aufgrund des extremen Zeitdrucks und der verschiedensten Welten, die wir jeden Tag erleben durften, in einem irren Glücksrausch waren.

… der Rausch ist auch ein wiederkehrendes Thema der Künstlermanifeste, die Manifesto zitiert. Viele davon sind aus der Zeit um 1920 oder aus den 60ern und fast alle von Männern verfasst. Sie sagen, von jungen Männern, obwohl sie gar nicht so jung sind ...
Auf welches Durschnittsalter sind Sie gekommen?

34,8 Jahre! Und die beiden Ältesten habe ich da jetzt gar nicht dazu gezählt.
Ich hab mir angewöhnt – vielleicht auch davongetragen vom juvenilen Elan der Texte – zu erzählen, die seien alle wahnsinnig jung gewesen. Obwohl das empirisch vielleicht gar nicht stimmt.  

Da Weihnachten schon nach Berlin verlegt worden war, spielten Cate Blanchetts Mann und Kinder der Einfachheit halber auch gleich noch in «Manifesto» mit. Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Aber vom Tonfall der Texte her natürlich schon. Jetzt lassen Sie diese Texte von einer Frau verkörpern, die beim Dreh Mitte 40 gewesen sein dürfte. Was haben Sie damit bezweckt? Eine Demontage?
Demontage hat diesen Beigeschmack, dass man die Texte zerstören will. Ganz im Gegenteil! Diese Texte sind uns ja vertraut, weil wir das bildnerische Werk der Künstler dazu assoziieren und weil die Kunstgeschichte sie wie Monumente behandelt. Auch für mich sind sie grosse Wortkunstwerke, aber ich wollte sie von der Kunst die dahinter steht, von dem kunsthistorischen Ballast und der Deutung befreien und sie auf ihren reinen Gehalt und ihre Poesie überprüfen. Zweitens wollte ich diese männliche Sprachgewalt einer Frau überantworten und schauen, was sie daraus macht. Cate spricht viele dieser testosteronschwangeren, maskulinistischen Wutausbrüche zum Teil sehr introvertiert, als innerer Zwiespalt.

Schwingt da ein feministischer Ansatz mit?
Es ist ja selten so, dass man als Künstler mit einem moralischen Grundanspruch oder einer Botschaft zu arbeiten anfängt. Wir Künstler sind extrem egoistisch. Wir wollen Bilder, die wir im Kopf haben, realisiert sehen. Das ist die uregoistische Motivation von Kunstmachen.  

Endlich sagt’s mal einer! Steigert eigentlich die Rezeption den Wert oder Wertigkeit eines Kunstwerks?
Wertigkeit klingt wertend. Ganz objektiv: Sie verändert das Kunstwerk. Ohne «mehr» oder «weniger».

Die Blanchett als russische Choreografin mit «Fluxus»-Zitaten und dem Ballett des Berliner Friedrichstadtpalastes. Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Die grösste Veränderung dürfte die Tagesaktualität herbeigeführt haben, oder?
Die Welt hat sich extrem verändert, sie ist heute eine andere als zur Zeit unseres Drehs im Winter 2015. Ich bin in Sundance wahnsinnig erschrocken, als bei einer Szene – eine Nachrichtensprecherin erklärt, dass alle Kunst Fake sei («All current art is fake») – das ganze Kino gegrölt hat. Als wir «Manifesto» konzipierten, gab es die ganz starke Frage, ob diese Texte eine Aktualität besitzen, ob die heute anwendbar sind in irgendeiner Form. Aber dass sie so visionär gedeutet werden können, dass sie so starke tagesaktuelle Bezüge haben werden, das war uns damals nicht klar. Das ist sehr erfreulich.    

Erfreulich für den Film! Nicht für die Menschheit!
Nur für den Film, nicht für die Menschheit selbstverständlich. Ich hätte nie damit gerechnet, dass der Film eine politische Karriere macht. Ich habe ihn kurz vor dem Referendum in der Türkei gezeigt, kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich und Amerika. Immer entbrannten Diskussionen über Erdogan, Le Pen, Trump und tagesaktuelle Fragen. Der Film wird unmittelbar als Manifest gegen den Populismus wahrgenommen, weil er ja auch wütende laute Ideen proklamiert, diese aber mit grosser Sensibilität, Poesie und Intelligenz vertritt. Also das genaue Gegenteil der Phrasendrescherei der Populisten. Das Publikum spürt, dass auch eine Gegenstimme möglich ist.

«Good evening ladies and gentlemen, all art is fake»: Die Nachrichtensprecherin Cate schaltet gleich zur Reporterin Cate. Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Sie sagten einmal, sie wünschen sich ein Ende der Niveaulosigkeit in den Medien, den öffentlichen Diskursen. Da scheinen Sie und Cate Blanchett ja jetzt direkt einen Beitrag zu leisten.
Die Frage ist natürlich immer, wen man damit erreicht. Ob man nur im Käfig des White Cubes der Kunstwelt die Ideen an ein Publikum vermittelt, welches gar nicht mehr überzeugt werden muss. Kino ist vielleicht ein demokratischerer Ort, der nicht eine so starke Bildungsarroganz ausstrahlt wie das Museum. Für viele Menschen ist die Hemmschwelle, ins Kino zu gehen, einfach viel geringer. Und vielleicht verirren sich ja ein paar Menschen in den Film, weil Cate Blanchett mitmacht.

Ein Film voller Wutgedichte

Es sind Wutgedichte. Brandreden. 50 kleine Generationendramen von Autoren, die ihre Zukunftsvisionen für weit wichtiger halten als jede Vergangenheit. «Das kommunistische Manifest» von Marx und Engels ist dabei, das dadaistische, futuristische, surrealistische, suprematistische und so weiter. Wahrscheinlich hat jede noch so kleine, aber sich vital fühlende Kunstströmung einmal eines hervorgebracht. «Dogma 95» ist der Titel des berühmtesten Manifests von Filmschaffenden.

Der Berliner Künstler Julian Rosefeldt hat die Texte nun auf ihre Wucht, ihre Wirkung, ihren Sound hin abgeklopft, hat sie auseinadergeschnitten und neu zusammenmontiert. Und sie in zwölf thematischen Blöcken Cate Blanchett zu sprechen gegeben.

Hier sind die Kärtchen zu sehen, von denen Cate Blanchett praktischerweise ablesen darf. Bild: @Julian Rosefeldt and VG Bild-Kunst

Einmal ist sie eine biedere Amerikanerin, die mit ihrer Familie betet. Im Hintergrund lauern Dutzende von ausgestopften Tieren. Der Inhalt ihres Gebets stammt von Claes Oldenburg. Oder sie doziert als Lehrerin vor einer Schulklasse die filmischen Manifeste von Jim Jarmusch, Lars von Trier, Werner Herzog, und macht den Kindern klar, dass sich Kunst von überall her zusammenklauen lasse. Vor dem brennenden Abfall in einer Kehrrichtverbrennung sagt sie: «Architecture must blaze!» Architektur muss lodern.

Der Effekt ist oft überraschend komisch, die abstrakte Wut der Texte bricht sich am griffigen Realismus der Szenen. Anderswo offenbart sich plötzlich die leise Seele mitten im Lauten.

«Manifesto» tourt als Videoinstallation (aus dem Jahr 2015 und auf viele Screens verteilt) und als Film (aus dem Jahr 2017 und auf 90 Minuten gestrafft) um die Welt.
Die Filmfassung ist ab 7. September bei uns im Kino zu sehen.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 07.09.2017 07:16
    Highlight Highlight Kunst für Künstler und Leute, die es werden wollen.
  • Murky 06.09.2017 12:10
    Highlight Highlight Spannendes Projekt! Und Cate Blanchett hat auch das Format so etwas richtig rüberzubringen. Danke für den Artikel, das wär sonst wohl an mit vorbeigegangen.
  • Sveitsi 06.09.2017 11:40
    Highlight Highlight Sieht nach einem interessanten Film aus!
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