Der sizilianische Ort Niscemi am Abgrund – warum die Katastrophe kein Zufall ist
Etwa 99,9 Prozent der Erdbevölkerung dürfte der Ortsname Niscemi bis vor wenigen Tagen nichts gesagt haben – jetzt sorgt die Kleinstadt mit ihren 25'000 Einwohnern auf dem ganzen Globus mit spektakulären Luftaufnahmen für Aufsehen.
Zu sehen ist eine Stadt, die buchstäblich am Abgrund steht: Auf einer Länge von über vier Kilometern ist im südwestlichen Teil des Ortes der Boden weggesackt; die fast senkrecht abfallende Wand, die sich gebildet hat, ist bis zu vierzig Meter hoch. Darüber sind Häuser zu sehen, die direkt an der Abbruchkante stehen; bei einigen von ihnen sind auch schon einzelne Gebäudeteile in den Abgrund gestürzt.
So sieht es in Niscemi aus:
Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni hat den Erdrutsch von Niscemi zur Chefsache gemacht und ist gestern mit dem Hubschrauber über die Stadt geflogen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Anschliessend traf sie sich mit den Gemeindebehörden, dem sizilianischen Regionalpräsidenten Renato Schifani und dem nationalen Zivilschutzchef Fabio Ciciliano. Letzterer erklärte, dass die Lage weiterhin «kritisch» sei.
Auf einer Distanz von 150 Metern bis zur Abbruchkante wurden sämtliche Häuser evakuiert; das Gebiet wurde zur «roten Zone» erklärt, die von niemandem betreten werden darf. Insgesamt 1500 Bewohner mussten bisher ihre Häuser verlassen.
Aus der Vergangenheit nichts gelernt
Äussere Ursache für die Notlage in Niscemi ist laut Geologen und Meteorologen das Sturmtief «Harry», das in den letzten Tagen in ganz Süditalien vor allem an den Küsten zum Teil enorme Schäden verursacht hatte und von starkem, anhaltenden Regen begleitet war. Bei Niscemi, das etwa 30 Kilometer vom Meer entfernt auf einem Hochplateau steht, hat sich das Erdreich offenbar wie ein Schwamm mit Wasser vollgesogen; in der Folge hat der Boden dann am äussersten südwestlichen Zipfel der Stadt nachgegeben und ist abgesackt. Weil es in dem Gebiet nach wie vor regnet, ist die Gefahr von weiteren Abbrüchen nicht gebannt.
Aber es wäre zu einfach, der Naturgewalt «Harry» die Schuld zu geben. Denn dass der Untergrund von Niscemi instabil ist, wissen die Behörden und auch die Bewohner seit Menschengedenken. Der erste grosse Erdrutsch, von dem es schriftliche Zeugnisse gibt, ereignete sich im März 1790, der letzte im Oktober 1997.
«Was heute in Niscemi passiert, ist ein angekündigtes Unglück. Dass dieses Terrain am Rutschen ist, wussten hier auch die Kinder», erklärte der Minister für Zivilschutz der Regierung Meloni, Nello Musumeci, gegenüber dem «Corriere della Sera». Man hätte hier gar nie bauen dürfen, sagt der Minister. «Leider hat uns die Vergangenheit nichts gelehrt.»
Nach dem Erdrutsch von 1997 hatten die Regierung in Rom, die Regionalbehörden und die Gemeinde Sicherungsmassnahmen in Aussicht gestellt. Unter anderem sollte das gefährdete Gebiet mit einem Drainage-System versehen werden, das bei künftigem Starkregen das Regenwasser in den Fluss Benefizio ableiten sollte, um ein grossflächiges Versickern zu verhindern. Konkret unternommen wurde aber so gut wie nichts
Auch unter Minister Musumeci, der von 2017 bis 2022 Regionalpräsident Siziliens gewesen war, geschah nichts. Musumeci, ein Parteifreund von Meloni, sagt nun gegenüber dem «Corriere della Sera», das wäre Sache der Gemeinde gewesen. Die Gemeinde entgegnet, die Region wäre dafür zuständig gewesen.
Das Schwarzpeterspiel bezüglich unterlassener Vorsichts- und Sicherungsmassnahmen kommt in Italien nach Naturkatastrophen jeweils so sicher wie das Amen in der Kirche. Auch dass in Gebieten gebaut wird, wo man dies besser unterlassen sollte, hat eine ungute Tradition. So leben in der roten Zone über dem Supervulkan in den Phlegräischen Feldern westlich von Neapel eine halbe Million Menschen, einige Dutzend Kilometer weiter östlich unter dem Vesuv sind es sogar 700'000.
Fragt man die dortigen Einwohner, ob sie sich nicht fürchten, hört man mitunter den Satz: «Ach wissen Sie, der Signore (der Herrgott) hat doch ohnehin längst entschieden, wann meine Stunde schlagen wird.» Und ausserdem: «Wo sollen wir denn hingehen?»
Dieses in Italien weit verbreitete katholische Gottvertrauen – man könnte es auch Fatalismus nennen – ist auch dem Zivilschutzminister Musumeci nicht fremd. Zum Erdrutsch in Niscemi erklärte der gebürtige Sizilianer: «Es scheint, wir haben uns wieder einmal dem Schicksal anvertraut.» (aargauerzeitung.ch)
