Schweiz
Gesellschaft & Politik

Bundesrat warnt vor «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative

Bundesrat warnt vor «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative – das sind seine Argumente

Der Bundesrat hat gemeinsam mit Kantonen und Sozialpartnern vor der Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» gewarnt. Die Vorlage gefährde den Wohlstand, die Sicherheit und die humanitäre Tradition der Schweiz.
16.03.2026, 09:3216.03.2026, 11:14

Die Volksinitiative fordert, dass die ständige Schweizer Wohnbevölkerung ab dem Jahr 2050 nicht oder allenfalls nur wegen des Geburtenüberschusses über die Marke von zehn Millionen Menschen steigt. Am 14. Juni befindet die Bevölkerung darüber. Der Bundesrat und das Parlament lehnen die Initiative ab.

Justizminister Beat Jans warnte am Montag in Bern vor einer damit verbundenen Kündigung des Freizügigkeitsabkommens mit der EU. In ohnehin unsicheren Zeiten schaffe die Vorlage noch mehr Unsicherheit, sagte er vor den Medien. «Wir dürfen die Brücken nach Europa nicht abbrechen.»

Bundesrat Beat Jans spricht zur Kleinen Kammer an der Fruehjahrssession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 4. Maerz 2026 im Staenderat in Bern. (KEYSTONE/Andreas Becker)
Bundesrat Beat Jans warnte am Montag vor der «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative.Bild: keystone

Ein Ende der Personenfreizügigkeit würde den bilateralen Weg gefährden und den Personalmangel verschärfen. Um das in der Initiative geforderte Ziel zu erreichen, würde es Jans zufolge nämlich nicht reichen «einfach die Grenzen für Flüchtlinge dicht zu machen».

Auch die Teilnahme an den Schengen- und Dublin-Abkommen wäre bedroht. Jans sprach von einer «Asylinsel mitten in Europa». Die Schweiz müsste mit mehr Asylgesuchen und damit verbundenen Kosten in dreistelliger Millionenhöhe rechnen. Zudem verlöre die Polizei den Zugriff auf Fahndungsdatenbanken, was die innere Sicherheit gefährde.

Kantone und Sozialpartner dagegen

Auch die Kantone und Sozialpartner äusserten ihre Besorgnis. Eine starre Bevölkerungsobergrenze widerspreche dem föderalen Grundgedanken der Schweiz, sagte Markus Dieth, Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen. «Sie schränkt die Handlungsfähigkeit der Kantone stark ein.» Die Kantone seien eigenständige Wirtschaftsräume, die Vielfalt benötigten.

Weiter blende die Initiative aus, dass die Bevölkerung immer älter werde und damit auch der Bedarf an Pflege und Betreuung steige. Fabio Regazzi, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, wies darauf hin, dass es für Unternehmen, Spitäler, Pflegeheime und andere öffentliche Einrichtungen schwieriger würde, Personal aus der EU und der EFTA zu rekrutieren.

Diese Arbeitskräfte seien «Teil unseres wirtschaftlichen Erfolgs», so Regazzi. Der zusätzliche administrative Aufwand würde deren rasche Einstellung erschweren, wenn der Arbeitsmarkt diese benötigt. Ohne Zuwanderung würden auf dem Arbeitsmarkt jährlich 20'000 bis 30'000 Arbeitskräfte fehlen.

Der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Pierre-Yves Maillard, warnte zudem vor den Folgen für die Sozialversicherungen. Eine sinkende Einwanderung habe offensichtliche Auswirkungen auf die Altersrenten.

«Herausforderungen, die wir bewältigen können»

Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», auch «Nachhaltigkeitsinitiative» genannt, kommt aus der Feder der SVP. Für sie ist die Zuwanderung heute zu hoch. Sie führe zu Wohnungsnot, höheren Mieten, Zubetonierung der Landschaft, Stau und überfüllten Zügen, steigender Kriminalität, einem Gesundheitswesen am Anschlag und sinkender Bildungsqualität.

Beat Jans erwiderte darauf, dass der Bundesrat den Herausforderungen des Bevölkerungswachstums bereits mit unterschiedlichen Massnahmen begegne. «Das sind Herausforderungen, die wir bewältigen können», sagte er.

Zudem verwies er auf das neue Vertragspaket mit der EU, das nun in der Verantwortung des Parlaments liegt, und die darin enthaltene Schutzklausel. Diese erlaube es, die Zuwanderung bei schwerwiegenden sozialen oder wirtschaftlichen Problemen einzuschränken, ohne den bilateralen Weg aufs Spiel zu setzen. (dab/sda)

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Die beliebtesten Kommentare
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Meiniger
16.03.2026 09:45registriert April 2016
Aber für einen guten Gegenvorschlag war sich das Parlament zu gut?
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Knäckebrot
16.03.2026 09:54registriert Juni 2017
Das Problem ist, dass die Gegenargumente zwar nachvollziehbar sind und die genannten Probleme in sich bergen, allerdings wird nicht darauf eingegangen, dass es in Wirklichkeit zu einer Teufelsspirale führt (Migration wird benötigt, allerdings wird überproportional viel Personal wiederum für ausländische Personen benötigt, was dann wieder mehr Migration erfordert. Und zwar überproportional, so dass es das Problem nach hinten schiebt).

Die genannten Gegenargumente beziehen sich auf Probleme, die bei Annahme der Initiative entstehen, aber sie ignorieren die Probleme, die zur Initiative führen.
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CISG
16.03.2026 10:00registriert Oktober 2023
Noch nie im Leben wählte ich SVP. Zudem habe ich bisher allen Öffnungsschritten zur EU zugestimmt. Damals behauptete der BR/Parlament es würden höchstens 8000 pro Jahr einwandern. Jetzt sind es durchschnittlich jedes Jahr 10 x mehr. Wer ehrlich ist und die Augen öffnet spürt die Auswirkungen jeden Tag. Doch für viele ist diese Zuwanderung ein allzu süsses Gift. Wie eine Droge. Jeder weiss eigentlich, dass es so auf Dauer nicht weitergehen kann. Ich werde dieses Mal die Notbremse ziehen. Ob mir eine Mehrheit folgen wird? Keine Ahnung. Die Natur, Umwelt, ältere Arbeitnehmer, Mieter usw. danken.
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