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epa04907375 Volunteers distribute food, water and hygiene products to refugees at the Western Station in Vienna, Austria, 01 September 2015. More than 3,500 refugees reached the railway station the previous day. Hungarian police on 01 September 2015 closed the main train station in Budapest from where scores of migrants were hoping to travel to Western Europe. Hundreds boarded trains to Austria and Germany. Austrian police at the Vienna station and German police in Rosenheim, on the border with Austria, apparently made no effort to block or register any refugees.  EPA/ROLAND SCHLAGER  ATTENTION EDITORS: FACES PIXELATED BY SOURCE DUE TO NATIONAL LAW

Essen, Trinken, Zahnpasta, Duschgel: Die Flüchtlinge werden von Freiwilligen mit dem Nötigsten ausgestattet, bevor sie weiter nach Deutschland reisen. Bild: EPA/APA

Ein Student hilft am Bahnhof Wien den Flüchtlingen und schreibt darüber. Sein Bericht geht unter die Haut

Ungarn liess Anfang Woche Tausende Flüchtlinge nach Westen reisen. Gebannt erwartete man deren Ankunft in Wien. Statt mit Hetze und Polizeieinsätzen wurden sie von Hunderten engagierter Helfer empfangen. Ein Augenzeugenbericht aus dem Wiener Westbahnhof.

jakob bouchal, Wien



Nachdem die ungarische Polizei am Montag den grossteils syrischen Flüchtlingen, die bereits seit Tagen in Budapest am Bahnhof campierten, überraschend die Weiterreise gestattete, sind im Laufe des Abends einige völlig überfüllte Züge mit übermüdeten, hungrigen und durstigen Menschen in Wien angekommen. Fast alle von ihnen sind jedoch nur auf der Durchreise, «Which train to Germany?» werde ich ständig gefragt.

«In kürzester Zeit ist im Merkur die gesamte Obstabteilung leergekauft, auch die Regale mit den Wasserflaschen, wir kaufen, so viel wir zahlen und tragen können.»

Vor Ort sind am frühen Abend bereits Dutzende Menschen, grossteils in meinem Alter, die die ankommenden Flüchtlinge mit Obst, Wasser und Brot versorgen. Dankbar greifen die Menschen aus den Zügen, die allesamt sehr müde aussehen, schnell nach ein, zwei Bananen und einer Flasche Wasser, bevor sie in den bereits wartenden Zug nach Salzburg drängen, von wo aus es weiter nach Deutschland gehen soll. 

In kürzester Zeit ist im Merkur am Westbahnhof die gesamte Obstabteilung leergekauft, auch die Regale mit den Wasserflaschen, wir kaufen, so viel wir zahlen und tragen können, auch Mannerschnitten für die Kinder, Windeln und Babynahrung für die Kleinsten. Später lässt der Filialleiter einen ganzen Wagen mit Getränken aus dem Lager zu den Gleisen bringen. 

epa04907374 Volunteers distribute food, water and hygiene products to refugees at the Western Station in Vienna, Austria, 01 September 2015. More than 3,500 refugees reached the railway station the previous day. Hungarian police on 01 September 2015 closed the main train station in Budapest from where scores of migrants were hoping to travel to Western Europe. Hundreds boarded trains to Austria and Germany. Austrian police at the Vienna station and German police in Rosenheim, on the border with Austria, apparently made no effort to block or register any refugees.  EPA/ROLAND SCHLAGER ATTENTION EDITORS: FACES PIXELATED BY SOURCE DUE TO NATIONAL LAW

Helfer verteilen Lebensmittel und Hygieneartikel am Westbahnhof in Wien. Bild: EPA/APA

Suche nach den Kindern

Plötzlich Aufruhr am Bahnsteig, eine Menschentraube, mitten drin ein verzweifelter junger Mann, der einen weinenden kleinen Jungen hochhält, der seine Eltern verloren hat. Panisch ruft er den Namen des Jungen, «Aziz, Aziz», der Kleine wird auf den Schultern am Bahnsteig herumgetragen, sein Name wird von Dutzenden Menschen laut gerufen und weitergesagt, jeder hilft, schliesslich können unter Tränen die Eltern gefunden werden, es gibt Applaus.

Minuten später steht eine Frau weinend neben mir am Bahnsteig. Ich frage sie was los ist, ein junger Mann übersetzt bereitwillig: ihr 10-jähriger Sohn ist beim Aussteigen verschwunden. Wieder helfen alle zusammen, die Flüchtlinge rufen den Namen des Kindes am Bahnsteig, in den wartenden Zügen. Nach wenigen Minuten wird er von einem Mann gefunden und zur Mutter gebracht. 

«Mittlerweile sind hunderte Menschen am Bahnhof, die winkend mit Willkommensrufen auf Deutsch, Englisch und Arabisch die ankommenden Flüchtlinge begrüssen.»

Mittlerweile werden die Helferinnen und Helfer mehr und mehr, im Minutentakt trudeln Privatpersonen mit Einkaufswagen voller Essen und Wasser ein, auch die Suppenküche der Caritas ist eingetroffen, zwischen Gleis vier und fünf hat eine Gruppe junger Menschen angefangen, die bereits gewaltigen Mengen an Wasserflaschen und Nahrungsmitteln in kleine Pakete abzupacken. Alle helfen zusammen, was fehlt, wird aus eigener Tasche gekauft.

«Österreich ist ein gutes Land» – die Flüchtlinge sind heilfroh, nach der beschwerlichen Reise über den Balkan in Österreich angekommen zu sein.  Bild: Hans Punz/AP/KEYSTONE

Die ÖBB bedanken sich auf den Monitoren, die sonst über Abfahrtszeiten informieren, bei den Helfern, und geben an, was dringend gebraucht wird: Hygieneartikel für die Menschen, die in den bereitgestellten Quartieren übernachten werden, um am nächsten Tag nach Deutschland weiterzureisen. Viele Menschen, die Arabisch oder Farsi sprechen, sind mittlerweile zum Bahnhof gekommen und übersetzen, wo es notwendig ist, oder sagen einfach nur den Neuankömmlingen, dass sie hier in Sicherheit sind. 

«Der Vater lächelt müde, hält seinen Sohn fest an der Hand, sagt im Vorbeigehen leise ‹Thank you, thank you, thank you›, und wir kämpfen beide mit den Tränen.»

epa04907408 Migrants and paramedics of the Red Cross at the main railway station in Salzburg, Austria, 01 September 2015. Between 1500 to 2000 refugees have spent the night, or at least a few hours, at the railway station in Salzburg, before proceeding on their journey to Germany. Hungarian police on 01 September 2015 closed the main train station in Budapest from where scores of migrants were hoping to travel to Western Europe. Hundreds boarded trains to Austria and Germany. Austrian police at the Vienna station and German police in Rosenheim, on the border with Austria, apparently made no effort to block or register any refugees.  EPA/FMT-PICTURES/PM

Helfer des Roten Kreuzes betreuen die Ankommenden in einer Halle am Westbahnhof. Bild: EPA/APA

Nur raus aus Rumänien und Serbien

Gegen Mitternacht rollt ein weiterer Railjet aus Budapest unter Applaus ein, es ist der vorletzte Zug für heute, mittlerweile sind Hunderte Menschen am Bahnhof, die winkend mit Willkommensrufen auf Deutsch, Englisch und Arabisch die ankommenden Flüchtlinge begrüssen. Ein Mann sagt mir weinend in gebrochenem Englisch, dass er kaum glauben kann, wie herzlich er hier empfangen wird.

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Sonderinformation der Österreichischen Bundesbahn: Lebensmittel sind genug vorhanden, benötigt werden noch Hygieneartikel.  Bild: jakob bouchal/facebook

Die Flüchtlinge erzählen von schlechter Behandlung in Rumänien und Serbien, viele wissen gar nicht genau, wo sie hier momentan sind, diejenigen, die es wissen, sagen, Österreich ist ein gutes Land.

Ein kleiner Junge zeigt mir strahlend eine Flasche Cola, die er ergattert hat, sein Vater hat eine grosse Flasche Wasser, einige Nektarinen und ein halbes Fladenbrot bekommen, eine Zigarette wird ihm angeboten. Sonst haben die beiden gar nichts, kein Gepäck, keine Koffer, nur was sie am Körper tragen. Der Vater lächelt müde, hält seinen Sohn fest an der Hand, sagt im Vorbeigehen leise «Thank you, thank you, thank you», und wir kämpfen beide mit den Tränen.

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Jakob Bouchal

Jakob Bouchal.
bild: christineebenthal/diepresse

Der Autor: Jakob Bouchal studiert tagsüber in Wien Rechtswissenschaften und ist in der Nacht als DJ in den Clubs unterwegs. Die Flüchtlingskrise hat ihn dazu bewegt, sich persönlich für die hilfsbedürftigen Menschen zu engagieren. Zwei Tage lang war er am Wiener Westbahnhof, um die ankommenden Flüchtlinge zu unterstützen. Dieser Text wurde am Mittwoch auf seiner Facebook-Seite gepostet und uns zur Verfügung gestellt.

Flüchtlinge haben Gesichter

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Schlumpfinchen 05.09.2015 09:49
    Highlight Highlight Ich hatte die ganze Zeit Gänsehaut beim Lesen und kämpfte mit den Tränen.
    Endlich gibt jemand diesen Menschen wieder Hoffnung. Was im Balkan passiert ist einfach verachtenswert.
    Danke liebe Österreicher, ich werde mir ein Vorbild an euch nehmen, wenn ein Zug in Zürich eintrifft.
  • NewYorker 04.09.2015 10:54
    Highlight Highlight Danke Watson und vor allem: Danke an alle Helfer!!!
    • Mia_san_mia 06.09.2015 14:05
      Highlight Highlight Was hat Watson gemacht das man sich bedanken muss?
    • STERNiiX 06.09.2015 17:56
      Highlight Highlight Sie machen darauf aufmerksam was andere Menschen zu ähnlichen Aktionen bewegen kann.
  • Marius Portmann 03.09.2015 17:18
    Highlight Highlight Starker, berührender Artikel und ebenso stark die Hilfe der Österreicher
  • TomTurbo 03.09.2015 13:35
    Highlight Highlight Wenn Europa im Chaos versinkt wird man solche Bilder bereuen-
    • bisibi 03.09.2015 13:38
      Highlight Highlight mein gott tomchen.... echt jetzt?
    • FreemyMind 03.09.2015 13:44
      Highlight Highlight Da wird mir schlecht bei solchen Aussagen. Wie kann man nur so denken? Schau mal wie es bei diesen Flüchtlingen Zuhause aussieht! Wir müssen endlich einsehen, dass es nur eine Welt gibt!
    • Caprice 03.09.2015 14:04
      Highlight Highlight Genau TomTurbo, darum einfach verrecken lassen vor unseren Grenzen....

      Ein schöner Bericht, der Hoffnung macht. Viel wichtiger ist aber in der Tat, wie es langfristig weiter geht. Aber Schritt für Schritt, erst muss das Sterben vor unseren Toren und in den Heimatländern der Geflüchteten aufhören! Europa ist stark genug, wir schaffen das schon irgendwie!
    Weitere Antworten anzeigen
  • frankyfourfingers 03.09.2015 13:29
    Highlight Highlight was für ein guter Mensch! sollte es in Zürich so weit kommen, bin ich bereit!!!
    • Mia_san_mia 06.09.2015 14:10
      Highlight Highlight Jaja übertreiben muss man nicht, bisschen Wasser und Früchte verteilen istreichlich unspektakulär
  • Eisenhorn 03.09.2015 13:20
    Highlight Highlight Ich versuche diese Züge positiv zu sehn, bis jetzt waren die Flütchtlinge auf Lampedusa und co. immer gaaanz weit weg und wie man weiss "Aus den Augen aus dem Sinn". Wenn diese Leute aber in Wien am Bahnhof aussteigen ist dies eine andere Sache. Und es ist rührend zu sehen wie sich die Leute verhalten in Wien. Hut ab vor all diesen Freiwilligen!
  • little_miss_trouble 03.09.2015 13:09
    Highlight Highlight Mir laufen grad die Tränen.. Schöner, persönlicher Bericht!
  • FreemyMind 03.09.2015 13:00
    Highlight Highlight In der Tat mit Tränen gekämpft! Danke für den Artikel
  • Duweisches 03.09.2015 12:40
    Highlight Highlight Schön zu sehen das es noch "menschliche" Menschen gibt, mit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft...
    Eine tolle Story, bringt wohl jeden wirklich zum Nachdenken dessen Kopf nicht mit braunem Müll gefüllt ist... 👍
    • Mia_san_mia 06.09.2015 14:36
      Highlight Highlight Du hast schon recht, aber solcge guten Menschen sollten denen helfen dies wirklich nötig haben und es auch verdienen... Am Bahnhof Wien ein paar potenziellen Terroristen Wasser zu verteilen ist nicht so der Hammer.
    • reddaisy 06.09.2015 17:26
      Highlight Highlight @Thomas
      Echt jetzt? Wer hat es denn deiner Meinung "wirklich nötig", wenn nicht Kriegsflüchtlinge?
    • Mia_san_mia 06.09.2015 19:07
      Highlight Highlight Ok Frauen mit Kindern kann man noch helfen aber dem Rest darf man nicht vertrauen... Die würde ich im gleichen Zug wieder zurückschicken.
    Weitere Antworten anzeigen

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