International
Österreich

Grossglockner-Prozess: Mann liess Freundin an Berg zurück

Prozess um Grossglockner-Tod – Freund tut es «unendlich leid»

19.02.2026, 15:2319.02.2026, 15:40

Im Prozess um eine erfrorene Bergsteigerin auf dem Grossglockner in Österreich hat ihr angeklagter Partner die Verantwortung für den Tod von sich gewiesen.

Kals am Grossglockner THEMENBILD - Grossglockner Glockner, h
Das Paar war im Januar 2025 aufgebrochen um den Grossglockner zu besteigen.Bild: www.imago-images.de

Während die Staatsanwaltschaft und der Richter des Innsbrucker Landesgerichts auf mutmassliche Fehler des 37-Jährigen hinwiesen, stellte er selbst die Stunden vor dem Tod seiner Freundin auf dem höchsten Berg Österreichs anders dar.

An einem Wintermorgen im Januar 2025 war das Paar gemeinsam zu der Bergtour aufgebrochen. Nach Mitternacht starb die junge Frau in schlechtem Wetter alleine knapp unterhalb des 3'798 Meter hohen Gipfels. Ihr Freund habe sie «schutzlos, entkräftet, unterkühlt und desorientiert» zurückgelassen, sagte der Staatsanwalt.

«Geh jetzt, geh!»

«Geh jetzt, geh!» – Mit diesen Worten habe die Frau ihren Freund selbst gebeten, sie in der für beiden gefährlichen Situation alleine zu lassen und Hilfe zu holen, schilderte hingegen der Angeklagte. «Sie hat mir dadurch das Leben gerettet», meinte er. Er betonte, «dass es mir unendlich leid tut, was passiert ist, und wie es passiert ist.» Schuldig bekannte er sich aber nicht.

Der Mann ist wegen grob fahrlässiger Tötung angeklagt. Ihm drohen bis zu drei Jahre Haft. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft agierte er faktisch als Bergführer seiner weniger erfahrenen Freundin und beging dabei viele schwere Fehler.

Die Anklagebehörde meint, dass er die mangelnde Erfahrung seiner Freundin nicht berücksichtigt und nicht für die nötige Ausrüstung gesorgt habe.

Scenic view of snow-covered mountain and winding road Breathtaking view of the snow-covered Grossglockner High Alpine Road winding through majestic mountains, showcasing a stunning national landmark i ...
Am Grossglockner herrschten an dem Tag gefühlte minus 20 Grad.Bild: www.imago-images.de

Auch habe er nicht rechtzeitig am letzten möglichen Umkehr-Punkt auf der Route kehrt gemacht, obwohl ein starker Wind für eine Fühltemperatur von minus 20 Grad gesorgt habe.

«Tour immer gemeinsam geplant»

Als ein Polizeihubschrauber spätabends in der Dunkelheit zu dem Paar am Berg aufstieg, setzte der Mann keinen Notruf ab. Erst nach Mitternacht habe er die Alpinpolizei kontaktiert, aber nicht mehr auf Anrufe der Einsatzkräfte reagiert.

Der Angeklagte betonte hingegen, dass seine Freundin ebenfalls begeisterte Bergsteigerin und sehr sportlich gewesen sei. «Wir haben die Tour immer gemeinsam geplant und die Entscheidungen gemeinsam getroffen», sagte er – entgegen seinen früheren Aussagen, in denen er sich als der Verantwortliche der Gipfelbesteigung beschrieben hatte. Vor Gericht erklärte der Mann, dass er sich seine Bergsteiger-Kenntnisse selbst in der Praxis und mit Online-Videos beigebracht habe. Kurse habe er nie belegt. Die Eltern der Verstorbenen schilderten ihre Tochter vor Gericht als äusserst willensstark.

HANDOUT - Die Aussicht von oben ist das Faszinierende am Bergsteigen. Diese Aussicht und einen grandiosen
Rundumblick bietet der Schweizer Bergsportspezialist Mammut nun aus der Eiger-Nordwand. Das
 ...
In den Bergen Österreichs passieren pro Jahr durchschnittlich rund 8'400 Unfälle. (Symbolbild)Bild: MAMMUT

Der auf Alpin-Fälle spezialisierte Richter ist selbst ein erfahrener Bergretter. Er wies darauf hin, dass die Verstorbene offenbar wenig oder keine Erfahrung im hochalpinen Gelände im Winter gehabt habe. Winter-Besteigungen seien im Vergleich zum Sommer «eine andere Galaxie», sagte er.

«Das müssen Sie als Bergsteiger wissen»

Der Jurist stellte auch viele Fragen zu Seiltechniken und Notfallmassnahmen, die der Angeklagte nicht angewendet hatte. «Das müssen Sie als Bergsteiger wissen», sagte der Richter etwa zur Tatsache, dass der 37-Jährige die Einsatzkräfte nicht richtig über die totale Erschöpfung seiner Freundin informiert habe. In den Bergen Österreichs passieren pro Jahr durchschnittlich rund 8'400 Unfälle, und knapp 300 Menschen sterben, wie das Kuratorium für alpine Sicherheit berechnet hat. Viele der Todesfälle passieren wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stürzen. Tod durch Erfrierung oder Erschöpfung scheint in der Statistik äusserst selten auf.

Nur wenige Bergunfälle landen vor Gericht. Denn die Justiz betone die Eigenverantwortung beim Bergsteigen, erklärte der Alpin-Experte Robert Wallner der Nachrichtenagentur DPA. Der Jurist hat früher jahrelang als Staatsanwalt in Innsbruck solche Fälle bearbeitet.

Doch in diesem Prozess argumentiert die Staatsanwaltschaft, dass der Angeklagte aufgrund seiner grösseren Erfahrung faktisch als Bergführer agiert und deshalb besondere Sorgfaltspflichten gehabt habe. Der Richter wollte am Abend ein Urteil fällen – trotz mehr als einem Dutzend Zeugen, die am Nachmittag befragt werden sollten. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
15 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Sor diac
19.02.2026 15:51registriert März 2014
Ich war auch schon dort oben, würde mich jetzt aber nicht als sehr erfahren bezeichnen. Trotzdem denke ich, dass hier viele Fehler gemacht wurden, die selbst ich haarsträubend finde. Von Vorbereitung über Aufstieg, über Ausrüstung bis zum Verhalten am Limit. Im Spiegel hatte es einen tollen Artikel mit den Fakten. Als erfahrenerer und leistungsfähigerer Alpinist hätte der Mann alles seiner Freundin anpassen müssen. Er kann schon sagen, sie trafen alle Entscheidungen gemeinsam. Aber er musste wissen, dass diese Entscheidungen falsch waren, sie nicht zwingend.
262
Melden
Zum Kommentar
15
Ehepaar Macron in Indien – KI-Gipfel und Sightseeing
Brigitte Macron, Ehefrau von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, hat am Rande des KI-Gipfels in Neu Delhi das Humayun-Mausoleum besucht.
Zur Story