Odermatt jagt Hirscher – so weit liegt der Schweizer noch hinter dem besten Skifahrer
Die (bisherige) Karriere im Vergleich
Wir beginnen mit dem direkten Vergleich aller bisher absolvierten Rennen, welche die beiden Ski-Dominatoren bestritten haben, und werfen das Augenmerk auf erreichte Meilensteine.
Es fällt auf, dass Hirscher im Weltcup schneller Fuss fassen konnte, aber seit 2024 hat Odermatt eine Schippe draufgelegt. Was aber auch feststeht: Der Nidwaldner muss seine aktuelle Pace wohl mehr oder weniger über die nächsten drei Jahre halten, wenn er die Rekorde von Hirscher wirklich gefährden will. Dafür braucht es auch Glück, um ohne grössere Verletzungen durch die Saisons zu kommen, und vor allem auch die Motivation, so lange auf allerhöchstem Niveau fahren zu wollen.
Alter bei Weltcupsiegen
22 Jahre, 1 Monat und 29 Tage war Marco Odermatt alt, als er am 6. Dezember 2019 in Beaver Creek den Super-G gewann und sich fortan Weltcupsieger nennen durfte. 41 Rennen benötigte er, bis er erstmals zuoberst auf dem Treppchen stand.
Im Vergleich zu den jüngsten Siegern im Weltcup war Odermatt ein Spätzünder. Der jüngste Sieger aller Zeiten ist Piero Gros, der beim Triumph im Riesenslalom von Val d'Isère im Jahr 1972 lediglich 18 Jahre und 39 Tage alt war. Auch Marcel Hirscher war mit 20 Jahren, 9 Monaten und 11 Tagen deutlich jünger als der Schweizer (im 38. Rennen der Karriere).
Den Rückstand von über einem Jahr machte Odermatt im Alter von etwas über 25 Jahren wett. Da der Schweizer im Oktober und der Österreicher im März Geburtstag haben, feiern sie saisonbedingt immer zu unterschiedlichen Altersphasen ihre Weltcupsiege. Mit aktuell 28,5 Jahren liegt der Nidwaldner wieder vorne. Kurz nach seinem 27. Geburtstag holte sich Odermatt die Führung zurück – und wird diese auch nach dem nächsten Saisonstart behalten.
Weltcuppunkte pro Saison
Bis zu seinem Rücktritt im September 2019 absolvierte Marcel Hirscher zwölf vollständige Saisons im Weltcup. In seinen letzten acht Weltcup-Wintern gewann er dabei immer den Gesamtweltcup.
Was auch hier auffällt: Hirscher legte den besseren Start in die Karriere hin, Odermatt benötigte fünf Winter, um einigermassen auf Touren zu kommen. Allerdings fährt er seit seiner sechsten Saison so dominant, dass er den Österreicher seither in Sachen Weltcuppunkte immer übertrumpfte. In den letzten drei Rennen benötigt er jetzt noch 9 Punkte, um dies ein fünftes Mal in Serie zu schaffen.
Dem Schweizer hilft sicherlich auch, dass er in drei Disziplinen am Start ist, Hirscher fokussierte sich meist auf zwei. In seiner zehnten Weltcupsaison hat Odermatt aktuell noch die Chance, 300 Punkte mehr zu holen. Sein Rekord von 2042 Punkten aus der Saison 2022/23 wird er aber klar verfehlen. Es droht punktemässig gar die schwächste Ausbeute seit drei 2021/22.
Hirscher gewann über 90 Prozent seiner Punkte in seinen Liebelingsdisziplinen Slalom und Riesenslalom. Bei Odermatt verteilen sich die Zähler gleichmässiger auf drei Disziplinen, auch wenn der Riesenslalom noch klar die beste Sparte des Nidwaldners ist. Allerdings deutete er auch selbst immer mehr an, dass er in Zukunft in seiner einstigen Paradedisziplin weniger an den Start gehen könnte.
Podestplätze pro Saison
Auch bei den Podestplätzen zeigt sich ein ähnliches Bild: Hirscher fuhr schon in den ersten Saisons aufs Treppchen – erstmals in seinem 10. Rennen. Odermatt brauchte etwas länger, um auf Touren zu kommen. In den Wintern 2022/23 und 2023/24 dominierte er aber klar und hat Hirschers Bestmarke von 19 Podestplätzen in der Saison 2022/23 mit deren 22 bereits übertroffen. Will er in seiner 10. Saison mehr Podestplätze als Hirscher zum gleichen Zeitpunkt einfahren, muss er in den letzten drei Rennen dreimal aufs Treppchen.
Übrigens, ein kurzer Abstecher auf die besten Schweizerinnen und Schweizer: Marco Odermatt hat seit dem 3. Rang in der Abfahrt von Courchevel 102 Podestplätze und somit auf Stufe Weltcup so viele wie kein anderer Athlet oder Athletin aus der Schweiz. Bei den Siegen steht ihm Vreni Schneider noch knapp vor der Sonne. Auch auf Rang 2 landete Odermatt häufiger als alle anderen Swiss-Ski-Fahrer:
Preisgeld pro Saison
Zum Abschluss noch eine Spielerei. Da die Preisgelder sich – wie fast in allen Sportarten – nach oben entwickeln, ist Hirscher hier benachteiligt, da seine Karriere knapp zehn Jahre früher begann.
Der Österreicher kassierte alleine im Weltcup rund 4,7 Millionen Euro während seiner zwölf Jahre – plus die 990 Franken nach seinem Comeback für die Niederlande in der letzten Saison. Odermatt steht aktuell bei rund 3,9 Millionen, die zehnte Saison ist aber noch im Gang und seinen eigenen Preisgeldrekord von 807'450 Euro könnte er noch übertreffen.
Dafür muss der Nidwaldner aber in den letzten drei Rennen noch knapp über 70'000 Euro verdienen. Beim Saisonfinale gibt es rund 55'000 für einen Sieg, 25'000 für Rang 2 und rund 13'000 Euro für Platz 3. Auf Rang 10 würde Odermatt noch rund 3500 Euro erhalten.
Am Ende zählt nur eines
Es steht noch in den Sternen, ob Marco Odermatt oder Marcel Hirscher als der erfolgreichste Skifahrer der Geschichte eingehen wird. Am Ende zählen all die Weltcup-Podestplätze und -siege oder auch kleinen Kristallkugeln nur zu einem Bruchteil.
Was den erfolgreichsten Skifahrer am deutlichsten ausmachen wird, sind die Anzahl Gesamtweltcupsiege. Hirscher hat in seiner Karriere acht grosse Kugeln gesammelt. Bei seinem letzten Triumph war er 30 Jahre alt.
Odermatt wird in diesem Jahr seine fünfte grosse Kristallkugel erhalten. Zudem hat er die Disziplinenwertungen im Super-G und Abfahrt bereits in der Tasche. Im Riesenslalom liegt er vor dem letzten Rennen 48 Punkte vor Lucas Pinheiro Braathen (ein dritter Rang reicht Odermatt also sicher zur 18. Kugel).
Möchte der Schweizer mit Hirscher mindestens gleich ziehen, müsste er noch drei weitere Gesamtweltcups gewinnen. Dann wäre er mindestens 31 Jahre alt. Hirscher trat mit 30 zurück.
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