Leben
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Was hat das Internet nur aus unserem Liebesleben gemacht!

bild: unsplash

Schluss machen ist meistens scheisse. Bei vielen Leuten geht diese Abneigung derart weit, dass sie ihre Beziehungen und Flirts so organisieren, dass es gar nicht erst zum Schlussmachen kommen kann. Eine kleine Typologie.



Die Digitalisierung hat das Datingverhalten verändert. Zusammen mit einem sinkenden Verantwortungsbewusstsein führt das bei der freiheitssüchtigen Generation Y in der Kennenlernphase zu kleinen Psychospielchen. Ja nichts Festes, alles offen lassen und die eigenen Bedürfnisse am höchsten preisen – so lautet die aktuelle Dating-Devise.

Der angelsächsische Zeitgeist hat für all die Formen des neuzeitlichen Sich-Bindens und Schlussmachens einen eigenen Begriff hervorgebracht, so dass wir nun jegliche Arten der Beziehungsunfähigkeit auch noch mit einem Tunwort beschreiben können.

Und das hier sind sie:

Love Bombing

to bomb – bombardieren

Was ist das?
Beim sogenannten «Love Bombing» wird man von einem neuen Gspusi überrannt. Mit den süssesten Gesten, die, würden sie alle in einem Hollywood-Streifen vorkommen, Brechreiz verursachen könnten: Sonntagspicknick im Park, Theater am Freitagabend, zusammen kochen am Samstag.

Trotz übermässigen Kitschs funktioniert die Love-Bombing-Strategie im richtigen Leben offenbar gut. Das Gegenüber wird buchstäblich blind vor Zuneigung. Der Honig, der einem ums Maul geschmiert wird, klebt die frisch «Verliebten» aneinander.

Zumindest so lange, bis individuelle Bedürfnisse an den Tag gelegt werden. Dann zeigt der Love Bomber sein wahres Gesicht, seine Kompromisslosigkeit. Und seinen missbräuchlichen Charakter.

bild: unsplash

Wer tut sowas?
Leute mit einer narzisstischen Ader sollen zum Love Bombing neigen. Ihre Strategie beinhaltet, am Anfang viel Einsatz zu geben, das Gegenüber in eine Art Abhängigkeit zu zwingen. Sobald der lovegebombte Partner ein Unbehagen äussert, kann der Love Bomber sich auf seine geleistete Beziehungsarbeit berufen, Ansprüche stellen, kurz: sein egoistisches Gesicht zeigen.

Wie kann man sowas frühzeitig erkennen?
Formiert sich die Beziehung in rasantem Tempo? Werden einem realitätsfremde Zukunftsvisionen versprochen? Verbringt man urplötzlich extrem viel Zeit miteinander? Klare Indizien für Arten des Love Bombings.

Stashing

to stash – verstecken

Was ist das?
Gestashed werden ist wie eine Undercover-Beziehung führen. Aber nicht auf die aufregende, geheimnisvolle Art, sondern auf ausnützerische Weise. Ein Stasher macht sich eine schöne Zeit mit seiner Liaison, lernt ihre Freunde, ja vielleicht sogar ihre Familie kennen. Aber in sein eigenes Leben lässt er die Beziehung nicht vordringen. Nicht in den Freundeskreis und auch nicht auf seinen Instagram-Account. Bei einem spontanen Treffen mit einem Arbeitskollegen stellt eine Stasherin einen als guten Freund, nicht als Partner, vor.

#couplegoals – Ein No-Go-Post für Stasher

Ein Beitrag geteilt von zayn (@hqzaynmalik) am

Wer macht sowas?
Wer Stashing betreibt, hat eine Vorliebe für Hintertüren. Solange ein Mensch dem eigenen Leben fernbleibt, ist nichts offiziell, brennt alles auf kleiner Flamme, ist die Beziehung eine Bettgeschichte mit Vorzügen. Aus der man denn auch ohne Weiteres aussteigen kann. Ohne es Mutti sagen zu müssen.

Wie kann man sowas frühzeitig erkennen?
Eine Stasherin oder einen Stasher zu identifizieren, ist wahrscheinlich nicht ganz einfach. Es könnte sich schliesslich schlicht um eine unsichere Person handeln, die lediglich etwas mehr Zeit für jedes Beziehungslevel braucht. Macht ein Gegenüber aber trotz aller Einfühlsamkeit und aller Geduld der Welt keinen Schritt in die gewünschte Richtung, ist ein Schlussstrich nicht unangebracht. Sonst läuft es früher oder später darauf heraus, dass dich der Stasher ghostet

bild: unsplash

Ghosting

ghost – Geist

Was ist das?
Womit wir beim nächsten Kult der digitalisierten Beziehungsführung angekommen sind: dem Ghosting. Es bezeichnet das plötzliche und radikale Ignorieren auf allen sozialen Kanälen. Bei dieser Art des Fallenlassens macht uns der Typ mit den geilen Klamotten oder die lässige Mitstudentin mit dem hervorragenden Literaturgeschmack zum Geist. Sprich: Zwei blaue Häkchen sind das Letzte, was wir von dieser Person noch kriegen werden.

Bild

bild: imgur

Wer tut sowas?
Trennungen sind in den allermeisten Fällen unangenehm. Auch dann, wenn man sich noch nicht mal in einer «richtigen» Beziehung befindet. Man muss seine Entscheidung artikulieren, die Enttäuschung und die Tränen des Ex-Partners aushalten. Leute, die ghosten, entziehen sich all dem. Wegen ihrer «Unfähigkeit, sich mit den Gefühlen des Gegenübers auseinanderzusetzen», wie Paartherapeut David Wilchfort gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» sagt.

«Wenn man sich erst einmal drei Tage nicht gemeldet hat, fällt der vierte leichter. Und es wird immer einfacher, sich nicht zu melden und den Gedanken an den anderen wegzuschieben.»

Paartherapeut David Wilchfort

Wie kann man sowas frühzeitig erkennen?
Ghosting kommt zwar abrupt, trotzdem kann man potenzielle Ghoster ausfindig machen. Wenn Dates gerne mal in letzter Minute abgesagt werden, die Kommunikation einsilbig daherkommt oder Empathie Mangelware ist, liegt es nahe, dass dein Dating-Partner eventuell den Geisterweg aus eurem Verhältnis suchen wird.

Benching

to bench s.o. – jdn. auf die Bank setzen

Was ist das?
Benching ist quasi eine präventive Art von Ghosting. Dabei hält einer den anderen hin, hält ihn sich warm. Man meldet sich in unregelmässigen und viel zu langen Abständen, die keinem respektvollen und interessierten Umgang entsprechen. Der gebenchte Flirt wird auf die lange Bank geschoben.

Wer tut sowas?
Playerinnen und Player, Hedonisten und Egoistinnen. Leute, die schon mal jemanden auf Vorrat haben wollen, wenn sie dann mal wieder in Stimmung für seriöses Daten sind. Es gibt sogar einen Begriff für Bencher und Bencherinnen, die sich noch in einer Beziehung befinden, deren Ende sie aber bereits kommen sehen. Diese Leute betreiben laut «Urban Dictonary» das sogenannte «Cushioning». 

«Das mit Alex wird wohl bald zu Ende gehen. Gott sei Dank bin ich schon seit Monaten mit Eli und Kim am Cushion.»

Von to cushion abfedern  via urban dictionary

Wie kann man sowas frühzeitig erkennen?
Eine typische Benching-Nachricht beinhaltet drei zentrale «Bestandteile»:

Bild

Zu einem Treffen kommt es in den meisten Fällen dann doch nicht. Weil:

Bild

Wie wär's denn mal mit «Honesting»?

honest – ehrlich

Die obige Aufzählung könnte ergänzt werden mit

Letztlich geht aber doch alles in dieselbe Richtung: Möglichkeiten offen halten, Entscheidung aufschieben, Freisein ohne Verantwortung zu übernehmen. Die typische Generation-Y-Mingle-Scheisse.

Verstehen wir, was das alles ist, kennen wir es bereits. Nicht die Begriffe, aber das unangenehme Gefühl, dass das, was man gerade macht oder was einem angetan wurde, nicht in Ordnung ist. Die Benennungen können bereichern. Die Erkenntnis, dass uns der Tinder-Typ geghostet hat oder dass die letzte Kurzzeit-Partnerin eine Stasherin war, kann helfen, mit der Enttäuschung umzugehen. Sie schaffen es, ein Verhalten einzuordnen, dass sonst bloss ein schales Gefühl der Abneigung zurücklässt.

Gleichzeitig verleiten sie zur Verharmlosung. Sie können schnell zum Lifestyle hochgeschaukelt werden. «Ich habe jemanden gebenched», tönt um einiges besser als «Ich habe jemandem Monate lang falsche Hoffnungen gemacht.» 

Schliesslich ist Daten eine Selektion, die Frage danach, ob und wie ich jemanden will. Die Erkenntnisse aus diesem Prozess ehrlich zu kommunizieren, wäre wohl die tugendhafteste Strategie. Und wenn es dafür einen eingedeutschten Trendbegriff braucht, schlage ich hier mal «Honesting» dafür vor.

Früher war das eventuell einfacher: True love of old people

Mehr Fuck, mehr Feel:

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • whatthepuck 06.09.2017 09:43
    Highlight Highlight Habe schon stundenlang über dieses Thema diskutiert; wer sowas aktiv macht, wird es wohl abstreiten oder verharmlosen, wer am empfangenden Ende steht, wird dir zustimmen.

    Man kann heute derart schnell und einfach Leute kennenlernen und mit ihnen mit ebenso geringem Aufwand in Kontakt bleiben - das kostet weder viel Zeit noch grosse Emotionen, und wenn sowas nicht mehr viel kostet, dann geht man ganz anders damit um. Wie bei Gratiszeitungen kümmern einen weder Qualität noch Entsorgung.

    Entspricht der Zeit, dass man alles haben kann und deshalb muss, und zwar sofort. Und sonst: next please.
  • Melsqy 04.09.2017 10:12
    Highlight Highlight Ich glaube nicht, dass diese Phänomene irgendetwas mit dem digitalen Zeitalter oder unserer Generation zu tun hat. Ich denke, es gab auch schon vor 100 Jahren Menschen, die einfach Egoisten, Feiglinge und *Fluchwort einfügen* waren. Heute neigen wir einfach dazu, alles zu analysieren und ihm einen Stempel aufzudrücken. Aber gerade sowas wie "Ghosting" war doch vor dem Internet-Zeitalter tausendmal leichter. Einfach nicht mehr auf Briefe der/des Liebsten reagieren und schwupp. Geghostet.
  • Beasty 04.09.2017 10:08
    Highlight Highlight Grundsätzlich einverstanden. Nun ist es so, dass ich schon mehrere Jahre Menschen date, die auch so sind. Und daraus ergibt sich was Schönes: viel Zuneigung und Wärme, ohne das "Beziehungsding", das häufig eh nur auf übersteigerten Ansprüchen oder sozial gelernten Regeln basiert. Da sind mit unabhängige Menscheb lieber, die sich aus freien Stücken mit mir treffen wollen - und über die Zeit entwickelt sich auch Verlässlichkeit, ganz ohne Beziehungsbox.
    • Beasty 04.09.2017 15:38
      Highlight Highlight Von wem krieg ich Blitze und warum?
  • fischolg 04.09.2017 01:17
    Highlight Highlight Dankeschön. Ich wäre froh, wenn dies nicht so wäre. Habe selber sowas erlebt und leider ziemlich bei jedem "Date". So kann man es ja heutzutage auch nicht mehr bezeichnen, niemand will es so ernst nehmen. Da bin ich mittlerweile lieber single, als mich immer wieder aufs Neue enttäuschen zu lassen. So traurig es auch klingen mag. Schade, dass wir in dieses oberflächlichr, gefühlslose Nichts reinlaufen.
  • lanyw 04.09.2017 01:16
    Highlight Highlight GMM1168 ?
    Play Icon


    Sonst no Mythical beasts da unterwegs?
  • Scaros_2 03.09.2017 18:52
    Highlight Highlight Wow zuM glück bin ich altmodisch
  • Birdie 03.09.2017 18:31
    Highlight Highlight Streng genommen haben meine Freundin und ich uns gegenseitig gelovebombed. Verbringen seit dem Kennenlernen viel Zeit miteinander, machen romantische Sachen wie Picknick, Theatervorstellungen und gemeinsam Kochen und das nun seit über einem Jahr.

    Solange der Egoismus und das missbräuchliche Verhalten nicht irgendwann beginnen sind die Verhaltensweisen und Vorlieben ja genau die eines Romantikers. Dass es die heute kaum noch gibt ist schade, heisst aber nicht, dass es per se nur eine Masche ist und nicht durchaus noch ernst gemeint wird. Solange es ein Geben und Nehmen bleibt ist alles gut :)
  • loplop717 03.09.2017 16:56
    Highlight Highlight Lovebombing ist etwas das Sekten machen... Das passiert wenn man neu am in die Sekte kommen ist, alle sehr positiv gegenüber einem sind und einem mit Liebe überschütten.
  • Tschedai 03.09.2017 16:07
    Highlight Highlight "Eine Stasherin oder einen Stasher zu identifizieren, ist wahrscheinlich nicht ganz einfach. "

    Das ist bei allen genannten Verhaltensweisen so. Es kann z.b. durchaus sein, dass jemand legitim über 2-3 Wochen immer wieder verhindert ist. Deswegen jemanden gleich in eine Schublade zu stecken, kann ein Schuss ins eigene Bein sein.

    Da mach ichs mir ganz einfach: Ich nehme jeden wie er ist und versuche das Verhalten nicht zu interpretieren oder zu werten. Verschiebt jemand ein Date mehrmals, ist das okay für mich. Nach dem zweiten mal, muss der Verschieber dann einfach jeweils von selbst kommen.
  • Laut_bis_10 03.09.2017 15:00
    Highlight Highlight Ich mach es seit jahren erfolgreich mit "Grounding". Ich babbele nervös dummes zeug, renne weg und schäme mich dann in Grund und Boden.

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