Tabu-Thema: Jesús liess sich die Brüste verkleinern – das denkt er heute darüber
Es sind Sommerferien, draussen sind 35 Grad und es riecht nach Sonnencreme. Im Schwimmbad treffen sich viele Jugendliche, sie plaudern, springen ins Wasser und essen Pommes. Was eigentlich nach einer entspannten Umgebung klingt, war für Jesús lange Zeit mit enormer Anspannung verbunden.
«Im Schwimmbad oder am See habe ich mich immer umgeguckt und konnte es eigentlich nicht geniessen», erzählt er gegenüber watson. «Weil du ständig das Gefühl hast, dass alle anderen es sehen.»
Der Grund für seine Anspannung: Jesús hatte jahrelang eine ausgeprägte Männerbrust. Medizinisch spricht man von einer Gynäkomastie, also einer Vergrösserung des Brustdrüsengewebes beim Mann. Die ist in der Regel harmlos und wird nicht als Krankheit eingestuft. Dennoch kann sich die Brust bei manchen Männern so stark vergrössern, dass sie äusserlich an eine weibliche Brust erinnert. Besonders für Jugendliche kann das psychisch sehr belastend sein.
Gynäkomastie: Der Leidensdruck kann für manche Männer enorm sein
Das war auch bei Jesús der Fall. «Im Winter ist es nicht so sehr ein Thema, weil es keiner sieht. Da kannst du dich gut verstecken. Aber im Sommer ist es die ganze Zeit präsent», sagt er. Er sei hypersensibel für seine Brust geworden. Weisse T-Shirts waren für ihn lange Zeit tabu, weil man dadurch seine angeschwollenen Brustwarzen deutlich sehen konnte. Irgendwann fing er sogar an, sie mit Klebeband abzudecken.
Trotzdem fiel anderen Kindern und Jugendlichen auf, dass Jesús’ Brust anders aussieht als die der meisten anderen Jungs. «Früher sind öfter Leute im Schwimmbad zu mir gekommen und haben mir ungefragt an den Nippeln gedreht», erinnert sich der 29-Jährige. Auch Kommentare wie «Tellernippel» habe er ständig zu hören bekommen.
«Ich glaube, Kinder und Jugendliche haben ein offeneres Auge für Dinge, die anders sind, die ausserhalb der Norm sind», meint Jesús. Wenn er heute im Bekanntenkreis über das Thema Gynäkomastie spreche, bekomme er oft zu hören: «Ach krass, das ist mir noch nie bei einem Mann aufgefallen».
Dabei entwickeln viele Männer im Lauf ihres Lebens eine Männerbrust. Laut der Krankenkasse AOK können sowohl Säuglinge als auch Senioren davon betroffen sein. Von den 13- bis 14-Jährigen würden sogar 60 Prozent eine Gynäkomastie entwickeln. Bei 40 Prozent von ihnen bilde sie sich aber innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder zurück.
Das bekam Jesús auch beim Arzt gesagt: Erst mal abwarten, vielleicht bildet sich das vergrösserte Drüsengewebe zurück. Ausserdem stand die Frage im Raum, ob es sich wirklich um eine Gynäkomastie oder eine Lipomastie handelt, also eine grössere Brust durch überschüssiges Fettgewebe. Als Kind war Jesús nämlich übergewichtig. Also fing er erst mal an Sport zu machen, um abzunehmen.
Doch die Männerbrust blieb.
Die Ursachen für eine Gynäkomastie sind unterschiedlich. Laut AOK ist sie in der Regel auf ein Ungleichgewicht zwischen Östrogen und Androgen (z. B. Testosteron) zurückzuführen. Das kann durch Medikamente und Drogen, Krebserkrankungen, aber auch genetische Faktoren ausgelöst werden.
Männerbrust: Betroffene müssen OP-Kosten teils selbst tragen
Trotz jahrelangen Trainings änderte sich nur wenig an Jesús’ Brust. Er habe versucht, es zu akzeptieren. Aber:
Deswegen fasste er mit Mitte 20 einen Entschluss: «Ich hatte keinen Bock mehr, mir jeden Sommer darüber so viele Gedanken zu machen. Deshalb bin ich wieder zum Arzt gegangen und habe mich für eine OP entschieden».
Solange sich das Brustdrüsengewebe noch nicht verfestigt hat, können Medikamente helfen (meist innerhalb der ersten sechs Monate). Ist das Gewebe jedoch erst einmal verhärtet, lässt sich die Gynäkomastie in der Regel nur noch durch eine Operation entfernen. Die Kosten dafür müssen Betroffene teils selbst tragen.
«Die Krankenkasse hat nur den medizinisch notwendigen Teil der OP übernommen, also die Entfernung des Drüsengewebes», erklärt der 29-Jährige. Damit es am Ende gut aussehe, sei aber auch noch eine Fettabsaugung nötig gewesen. «Das musste ich selbst bezahlen und das hat mich am Ende ungefähr 3500 Euro gekostet.»
@susolifts Gynäkomastie betrifft jeden dritten Mann irgendwann im Leben, bei Pubertierenden sogar bis zu 60 %. Trotzdem wird kaum darüber geredet. Eine Studie von Kinsella et al. (2012) hat 24 Jugendliche mit Gynäkomastie mit validierten psychiatrischen Tests untersucht. Ergebnis: 100 % erfüllten die Kriterien für eine psychische Diagnose, darunter Anpassungsstörungen, Angst und soziale Phobie. Eine weitere Studie aus 2025 mit 53 Adoleszenten bestätigte signifikant erhöhte Angst- und Depressionswerte im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen. Die Auswirkungen sind konkret: Schulvermeidung, sozialer Rückzug, Aufgabe von Sport. Manche Betroffene entwickeln durch dauerhaft nach vorne gebeugte Körperhaltung Rückenprobleme. Gynäkomastie ist keine Frage des Charakters. Sie entsteht durch ein hormonelles Ungleichgewicht zwischen Östrogen und Testosteron, das jeden treffen kann.
♬ Originalton - Jesús »Suso« Prado
Bei Jesús verlief die einstündige OP ohne Komplikationen. Schon am nächsten Tag konnte er einen ersten Blick auf seine neue Brust werfen. «Das war ein krasser Moment», erinnert er sich. «Das ist ja ein ganz kleiner Teil deiner Brust und plötzlich sieht dein ganzer Körper anders aus. Es hat sich angefühlt, als ob eine grosse Last von mir abfällt.»
Seitdem fühlt sich der Sommer für ihn auch deutlich unbeschwerter an. «Ich war dieses Kind, das mit dem T-Shirt ins Wasser gegangen ist, damit man nicht sieht, wie ich darunter aussehe. Jetzt gibt es nichts mehr an mir, wofür ich mich schämen muss. Ich bin endlich im Reinen mit meinem Körper.»
Jesús will sich von Looksmaxxern nicht beeinflussen lassen
Auf Social Media hat Jesús bereits offen über seine belastenden Erfahrungen mit einer Männerbrust gesprochen. Dazu hat er viele Nachrichten von jungen Männern bekommen, die ebenfalls betroffen sind und damit psychisch schwer zu kämpfen haben. Trends wie Looksmaxxing, bei dem vor allem junge Männer versuchen ihr Aussehen maximal zu «optimieren», erleichtern die Situation sicherlich nicht.
«Ich glaube, der Druck ist für uns alle grösser geworden. Bei Frauen ist er wahrscheinlich noch viel grösser als bei Männern», sagt er gegenüber watson. «Aber ich merke auch in meinem persönlichen Umfeld, dass sich immer mehr Männer um ihr Äusseres kümmern, unser Körper ist uns nicht mehr egal.»
Von der Looksmaxxing-Szene hält Jesús trotzdem nicht viel. Es sei nur deshalb attraktiv, «weil es so viele Kleinigkeiten gibt, die den Leuten das Gefühl geben, dass sie etwas verändern können.» Er glaubt:
Im Fall von sogenanntem «Bone Smashing» sind sogar Verletzungen möglich, die zu dauerhaften Schäden am Gesicht führen. Und das ist längst nicht die einzige fragwürdige Methode, mit der man angeblich seinen Look «maxxen» kann.
Jungen Männern, die unter ihrer vergrösserten Brust leiden, empfiehlt der 29-Jährige zuallererst ärztlichen Rat zu suchen. Und bevor man sich für eine OP entscheide, solle man vielleicht erst einmal Sport machen und schauen, ob man es für sich akzeptieren kann. «Eine OP ist immer ein Eingriff, den man sich gut überlegen sollte.»
«Falls du dann merkst, das lässt mich einfach nicht in Ruhe, wäre es Quatsch zu behaupten, dass ich eine OP nicht empfehle. Für mich hat es mein Leben absolut positiv verändert», meint Jesús. Allerdings sollten Betroffene unbedingt mehrere Expertenmeinungen einholen und am besten nur zu Ärzt:innen gehen, die auf Gynäkomastie-OPs spezialisiert sind.
Der beste Weg, sich nicht von Trends wie Looksmaxxing unter Druck setzen zu lassen, ist aus Jesús’ Sicht, wenn man versteht, dass man nicht alles perfekt machen muss. «Wenn ich die Basics mache, dann habe ich eigentlich schon das Meiste rausgeholt. Und ich glaube, damit kann man sich am besten vor diesen Extremen schützen.»
