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illustration florian burkhardt/electroboy

Wieso die Liebe im Internet noch viel, viel grösser ist als in der Realität

Dies ist die Liebesgeschichte von Electroboy und Filipe. Zwischen ihnen liegen 8042 Kilometer. Und das ganze Glück des Internets.
23.05.2015, 07:5324.05.2015, 16:15

Kann ich jemanden lieben, den ich noch nie getroffen habe und der im fernen Brasilien lebt? Er heisst Filipe. Wir haben am letzten Tag seines Urlaubs in Berlin gechattet: Es war zu spät, um sich zu treffen. Wir blieben in Kontakt. Via WhatsApp und Skype. Irgendwann weinte ich vor ihm, irgendwann sagte er: Ich liebe dich.

Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Als Vorteil einer Online-Liebe mache ich aus: Ich bin virtuell direkter und ehrlicher als ich es bin, wenn mir im Café jemand gegenüber sitzt. Nachteil: ich weiss, dass ein Internet-Lover eine Projektionsfläche ist. Vielleicht mache ich aus ihm das, was ich suche, indem ich alle fehlenden Sinneserfahrungen mit Vorstellungen auffülle, die mir gefallen. Was für Vorstellungen sind das? 

«Wo bist du, wenn Handy und Computer aus sind und das Virtuelle aussetzt?»

Die Partnerwahl ist heute vor allem von der Hoffnung bestimmt, dass der Gesuchte den Suchenden in dessen persönlicher Entwicklung voranbringt. Ich brauche eine Person, bei der ich mich seelisch ausziehen kann. Dafür suche ich beim Gegenüber Authentizität, Interesse und Feingefühl: ein empathisches Zuhause. 

Sinnliche Lippen hat er, Filipe, grosse warme Augen, er wirkt wie eine attraktive Mutter auf mich, jemand, vor dem man schwach sein kann, der einen auf die Schulter nimmt, wenn man nicht mehr kann. Jemand, der einem das bisher verwehrte Zuhause verspricht. Aber, Filipe, wo bist du, wenn Handy und Computer aus sind und das Virtuelle aussetzt? 

«Also singe ich mit Peter Licht: ‹Lass uns ein Transportmittel nehmen und lass uns hinfahrn, wo's schön ist.›»

«Virtualität spezifiziert eine gedachte oder über ihre Eigenschaften konkretisierte Entität [Ding], die zwar nicht physisch, aber doch in ihrer Funktionalität oder Wirkung vorhanden ist», weiss Wikipedia. Kann also die virtuelle Version von Filipe die Funktionalität eines Partners einnehmen? Ich behaupte: Ja, denn unter einer Partnerschaft versteht man eine gleichseitig soziale Gemeinschaft. Und eine Gemeinschaft hat, wer sich durch ein Wir-Gefühl eng miteinander verbunden fühlt. 

Also singe ich mit Peter Licht: «Lass uns ein Transportmittel nehmen und lass uns hinfahrn, wo's schön ist.» Lichts besungenes Transportmittel sind vielleicht die Drogen, unseres ist das Internet. Zur Überbrückung der 8042 Kilometer zwischen Berlin und João Pessoa in Brasilien. Da, wo ich weinen kann, wenn's nötig ist. Mit einer Glasscheibe dazwischen, an die wir die Lippen pressen ... Liebe 3.0. 

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