Russland
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Trotz Zinserhöhung

Der Rubel stürzt ins Bodenlose –  die Währung ist 60 Prozent weniger Wert als am Anfang des Jahres



Der russischen Wirtschaft droht der Kollaps: Der Absturz des Rubel ist am Dienstag auch mit einer kräftigen Zinserhöhung nicht aufzuhalten gewesen. Die russische Währung krachte um 20 Prozent ein, die Aktienmärkte gaben ebenfalls kräftig nach.

An Wechselstuben kam es Medien zufolge teilweise zu Panikkäufen von Westgeld. Neue Tableaus wurden organisiert, weil die vierstelligen Tafeln die neuen Kurse nicht mehr anzeigen konnten.

Denn für einen Euro wurden vorübergehend bisher unvorstellbare 100.00 Rubel fällig, für einen Dollar 80 Rubel. Nachdem der Rubel bereits am Montag mit 9,5 Prozent so stark gefallen war wie seit der Finanzkrise 1998 nicht mehr, verlor er bis zum Dienstagnachmittag noch einmal einen Fünftel seines Wertes.

Die russische Währung ist damit 60 Prozent weniger Dollar wert als noch zu Jahresbeginn. Die Rubel-Krise spreche für einen massiven Vertrauensverlust der Investoren in die Wirtschaftspolitik der Regierung, klagte der frühere Finanzminister Alexej Kudrin.

Rubel, CHF, Dezember 2013 bis Dezember 2014

Der Verlauf des Rubel gegenüber dem Schweizer Franken.

Gründe für den Wertverlust sind vor allem der fallende Ölpreis sowie die Sanktionen des Westens wegen der Rolle Moskaus im Ukraine-Konflikt. Durch den Währungsverfall sind die Preise für russische Konsumenten erheblich gestiegen.

Leitzins-Erhöhung verpufft

Zentralbankchefin Elvira Nabijullina warnte, es werde «Zeit brauchen», bis sich der Rubel erholt habe. Während Ministerpräsident Dmitri Medwedew ein Treffen der für Wirtschaftsfragen zuständigen Minister einberief, schwieg Präsident Wladimir Putin – vorerst.

Die Zentralbank hatte noch mit einer weiteren, drastischen Leitzinserhöhung in der Nacht auf Dienstag versucht, den Absturz aufzuhalten. Sie hob den Leitzins, zu dem sich Banken von ihr Geld leihen können, von 10,5 auf 17 Prozent an. Die höheren Zinsen sollen Anlagen in der Währung attraktiver machen. Doch die Märkte liessen sich davon nicht einmal zwei Stunden lang beschwichtigen.

Der Vizechef der Notenbank, Sergei Schwezow, kündigte nach dem jüngsten Kurssturz weitere Massnahmen an. «Die Lage ist kritisch», zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Interfax. «Das hätten wir uns vor einem Jahr in unseren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.»

Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew kündigte Massnahmen zur «Stabilisierung» des Rubel an, nannte aber keine Einzelheiten. Starke Devisenkontrollen schloss Uljukajew jedoch ausdrücklich aus.

«Ohne eine politische Antwort und angesichts des sinkenden Ölpreises sind sämtliche Anstrengungen der Zentralbank, den freien Fall aufzuhalten, nutzlos», sagte die Ökonomin Inna Muftejewa von Natixis. Putin dürfte sich spätestens am Donnerstag zum Rubel äussern, wenn er vor hunderten russischen und ausländischen Journalisten eine Rede hält.

Die russischen Bürger sind verunsichert

Die Bürger reagierten geschockt auf den Absturz des Rubel: «Die Lage im Land ist völlig instabil, das macht grosse Angst», sagte eine Bankkundin, die in Moskau vor ihrem Kreditinstitut Schlange stehen musste. «Ich habe Angst, dass wir in die 1990er Jahre zurückfallen», ergänzte sie mit Blick auf die prekäre wirtschaftliche Lage damals.

Die Besitzerin eines Kosmetikstudios in St.Petersburg sprach von einer «Katastrophe». Sie sei von Produkten aus Italien abhängig und stehe vor dem Ruin. Viele Einkaufszentren in Russland erleben einen Ansturm, weil viele Kunden vor erwarteten Preiserhöhungen noch ihre Ersparnisse in Elektrogeräten oder Möbeln anlegen wollen.

An der Moskauer Börse kam es zu extremen Kursschwankungen nach der Zinsentscheidung. Der RTS-Interfax-Index brach um mehr als 16 Prozent ein.

Schon am Vortag war es für den russischen Index um mehr als 10 Prozent bergab gegangen, wobei auch die anhaltenden Spekulationen über eine früher als erwartet anstehende Leitzinserhöhung in den USA ausschlaggebend gewesen waren. Seit Ende November hat der RTS inzwischen fast 40 Prozent verloren. Seit dem Hoch im Sommer beträgt das Minus annähernd 60 Prozent. (feb/sda/dpa)

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