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Beobachten und abwarten: Lukas Engelberger und Alain Berset am letzten Donnerstag.
Beobachten und abwarten: Lukas Engelberger und Alain Berset am letzten Donnerstag.Bild: keystone
Analyse

Die Schweiz will abwarten – aber das hilft nur dem Virus

Österreich ist im Lockdown, Deutschland verschärft die Massnahmen – und die Schweiz wartet ab. Dabei spricht nichts dafür, dass dieser Sturm an uns vorüberzieht.
23.11.2021, 05:5224.11.2021, 06:00

Eine Lehre aus bald zwei Jahren Corona-Pandemie lautet: Was gestern noch undenkbar war, wird heute beschlossen und morgen schon umgesetzt. Genau dies spielt sich nun in der Schweiz ab. Am letzten Donnerstag wollten Alain Berset und Lukas Engelberger, die beiden «höchsten» Gesundheitspolitiker des Landes, nichts wissen von neuen Massnahmen.

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Beobachten und abwarten, lautete ihre Devise, obwohl sich die Fallzahlen längst in die völlig falsche Richtung bewegten. Berset begab sich sogar auf das glitschige Terrain der Massnahmengegner, indem er die Kantone bat, ihre Spitalkapazitäten auszubauen. Um praktisch im gleichen Atemzug einzuräumen, dass das Personal am Anschlag sei.

Protest gegen die österreichischen Spitzenpolitiker am ersten Lockdown-Tag in Wien.
Protest gegen die österreichischen Spitzenpolitiker am ersten Lockdown-Tag in Wien.Bild: keystone

Wer musste da nicht an die Abstimmung vom nächsten Sonntag denken? Doch jetzt bröckelt die Mauer. In einem Tamedia-Interview vom Montag kündigte Lukas Engelberger an, dass es «in Kürze weitere Massnahmen geben wird – zunächst auf kantonaler Ebene». Der Basler Gesundheitsdirektor erwähnte unter anderem eine Ausweitung der Zertifikatspflicht.

Ruhe vor dem Sturm

Zwischen diesen Wortmeldungen liegt ein Wochenende der Eskalation. Österreich befindet sich im Lockdown und hofft, so die neueste Corona-Welle «brechen» zu können. In ganz Deutschland werden die Massnahmen verschärft, in den Niederlanden kam es zu Krawallen. Im impfkritischen Osten Europas sind die Spitäler hoffnungslos am Anschlag.

In der Schweiz ist es relativ ruhig, aber alles deutet darauf hin, dass es sich um die Ruhe vor dem Sturm handelt. Das zeigen Aussagen von zwei Virologen, die nicht zu den Alarmisten gehören: «Wenn nichts geschieht, sind wir in zwei Wochen in der gleichen Lage wie Österreich», sagte Didier Trono von der ETH Lausanne dem Tessiner Fernsehen RSI.

Für den Österreicher Florian Krammer, der als Impfstoff-Forscher in New York arbeitet, hat die Schweiz das gleiche Problem wie seine Heimat oder wie Deutschland: «Im deutschsprachigen Raum sind die Durchimpfungsraten gering. Das sind Länder, die extrem reich sind und einen guten Zugang zu Impfstoffen hatten. Es ist erschreckend.»

Anstehen vor dem Berliner Impfbus: Die Quote ist auch in Deutschland zu tief.
Anstehen vor dem Berliner Impfbus: Die Quote ist auch in Deutschland zu tief.Bild: keystone

Im Interview mit der «NZZ am Sonntag» warnte Krammer vor einer zu zögerlichen Reaktion: «Das Schlechteste, was man in einer Pandemie tun kann, ist Abwarten. Es ist sogar besser, schnell die falschen Massnahmen zu treffen, als zu warten. Abwarten hilft dem Virus.» Die Schweiz aber ordert gerade erst Sandsäcke, obwohl die Welle schon da ist.

Plan- und ziellose Politik

Es ist 5 vor 12, und zwar Sekunden und nicht Minuten. Die Delta-Variante des Coronavirus, die «viel ansteckender ist und eine kürzere Inkubationszeit hat als die früheren Varianten», so Florian Krammer, breitet sich auch bei uns mit voller Wucht aus. Besonders heftig trifft sie die Schulen, deren Schliessung man aus guten Gründen vermeiden will.

Noch hat die Schweiz ein kleines Zeitfenster, aber die Politik wirkt einmal mehr plan- und ziellos. Das zeigt sich anhand möglicher Massnahmen. Vor der 2G-Regel, die faktisch auf einen «Lockdown für Ungeimpfte» hinausläuft, schreckt man (noch) zurück. Das Gebimmel der «Freiheitstrychler» scheint sich in den Politikerohren eingenistet zu haben.

Rückstand beim Boostern

Bei den Auffrischungs-Impfungen hinkt die Schweiz hinterher. Einiges deutet darauf hin, dass nicht einmal alle über 65-Jährigen bis Ende Jahr «geboostert» sein werden, weil die Kantone Impfkapazitäten abgebaut haben. Eine Impfpflicht ist ebenfalls kein Thema, obwohl man sie nicht mit einem – rechtlich tatsächlich fragwürdigen – Impfzwang verwechseln darf.

Die Haltung der offiziellen Schweiz wirkt wie eine Kapitulation vor den Impfverweigerern, deren Resistenz sich auf wissenschaftliche Fakten beschränkt. Gewisse Hoffnungen richten sich auf neue Totimpfstoffe als Alternative zur «Genspritze» oder viel versprechende Medikamente, doch die werden erst im neuen Jahr verfügbar sein.

Shutdown an Weihnachten?

Für die aktuelle Delta-Welle kommen sie zu spät. Einzig der zeitliche Rückstand gegenüber den Nachbarn bietet Anlass zu leisem Optimismus. Österreich könnte als abschreckendes Beispiel dienen und die Menschen in der Schweiz dazu veranlassen, sich vorsichtiger zu verhalten. Darauf verlassen darf man sich nicht, das lehrt die bisherige Erfahrung.

Rund eine Million Menschen in der Schweiz besitzt laut Bundesamt für Gesundheit keinerlei Immunschutz, weder durch Infektion noch durch Impfung. Das ist ein Potenzial für ein erneutes Desaster. Geht es so weiter wie bisher, sind wir spätestens an Weihnachten wieder dort, wo wir nie mehr hin wollten: in einem umfassenden Shutdown.

Oder um Florian Krammer zu zitieren: «Es wird in der Politik immer mehr darauf geschaut, was die Bevölkerung will, und dann wird das gemacht, weil Politiker wiedergewählt werden wollen. Dabei müsste man genau in diesen Situationen Sachen tun, die vielleicht unbeliebt sind. Weil wenn man das nicht tut, dann haben wir wieder das Schlamassel.»

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