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Fällt die Maskenpflicht in der Schweiz im öffentlichen Verkehr Ende März?
Fällt die Maskenpflicht in der Schweiz im öffentlichen Verkehr Ende März? Bild: EPA

Wie sieht unsere Zukunft mit Corona aus? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die nächste Corona-Welle überrollt die Schweiz – trotzdem könnte die letzte Massnahme bald fallen. Ist der Schweizer Weg richtig? Welche Alternativen gäbe es? Und wie leben wir mit dem Virus in Zukunft? Infektiologe Jan Fehr und Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte, über die wichtigsten Fragen.
18.03.2022, 14:1818.03.2022, 16:28
Lea Senn
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Reto Fehr
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Am 17. Februar hat die Schweiz die Pandemie praktisch für beendet erklärt. Fast alle Massnahmen wurden aufgehoben. Einzig die Maskenpflicht im ÖV und in Gesundheitseinrichtungen und die Isolationsdauer von fünf Tagen gelten noch.

Seither passiert das, was man befürchten musste: Die Fallzahlen schiessen in die Höhe – und ein Ende ist nicht in Sicht. Auf die Hospitalisationen oder die Belegung der Intensivstationen hat sich dies (noch) nicht stark ausgewirkt. Möglich, dass dies wegen der Teilimmunisierung der Bevölkerung auch so bleibt. Nicht auszuschliessen, dass die Zahl aber auch wieder steigt.

Ende März könnten die letzten Massnahmen auch noch fallen. Die Frage stellt sich: Sind wir auf dem richtigen Weg? Und falls nicht: Was wäre denn die Alternative?

Wir haben mit Jan Fehr, Infektiologe und Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich, und Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte, über die aktuelle Situation gesprochen.

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Die Schweiz geht aktuell einen Weg, den manche als «Durchseuchung» bezeichnen. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Jan Fehr: In der Schweiz findet keine Durchseuchung statt. Es wäre eine Durchseuchung, wenn man das Virus in einer schutzlosen Bevölkerung ohne Massnahmen zirkulieren lassen würde. Aber in der Schweiz hatte jede Person inzwischen die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Wir haben damit eine Bremse drin – insbesondere bei besonders gefährdeten Personen.

Die Grundrichtung unseres Weges stimmt sicher so – diskutieren kann man noch, was die Geschwindigkeit der Öffnungen angeht.
Rudolf Hauri: Ich würde nicht im epidemiologischen Sinn von einer Durchseuchung sprechen. Grund: Omikron mit seinen Untervarianten trifft nicht auf eine nicht immune oder teilimmune Gesellschaft, sondern auf eine bereits durch Impfung und Genesung grundimmunisierte.

Die Alternative zu unserem Vorgehen wäre die «Zero-Covid»-Strategie und alles zu unterdrücken. Aber das ist aussichtslos, die Verbreitung kann auch so nicht verhindert werden.

Daher glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Frage ist: Stimmt auch das Tempo?
Jan Fehr, Infektiologe und Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich.
Jan Fehr, Infektiologe und Leiter des Departements Public & Global Health an der Universität Zürich. Bild: keystone

Sollen Ende März die letzten Massnahmen fallen?

Jan Fehr: Bei diesen hohen Fallzahlen ist Ende März wohl nicht der richtige Moment, um alle Massnahmen aufzuheben – aus Rücksicht auf die Risikopatienten. Man weiss, dass deutlich weniger Infektionen stattfinden, wenn alle Menschen in einem Raum (zum Beispiel im ÖV) eine Maske tragen. Beenden wir alle Massnahmen, sind Risikopatienten wieder deutlich gefährdet.

Natürlich kommt uns die Saisonalität entgegen. Auch in anderen Ländern wie Dänemark hat man gesehen, dass es zu Peaks kam und diese auch wieder abflachten. Allerdings gibt es einen grossen Unsicherheitsfaktor – Dänemark steht nämlich in Sachen Impfquote deutlich besser da als die Schweiz.
Rudolf Hauri: Das ist die grosse Frage: Soll die Maskenpflicht Ende März fallen? Wenn man aktuell auf die Fallzahlen blickt, sieht es eher nicht gut aus. Andererseits ist das Gesundheitssystem nicht am Anschlag. Aber wenn wir es nüchtern betrachten, liegen noch recht viele Covid-Patienten im Spital.

Im Kantonsspital Zug sind aktuell von den Patienten, die wegen Covid eingeliefert wurden, rund 50 Prozent geimpft, die Hälfte davon hatte drei Impfungen. Es kann also momentan jeden treffen.
Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte.
Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte.Bild: keystone

Was bedeutet die aktuelle Situation für die Long-Covid-Gefahr?

Jan Fehr: Über Long Covid weiss man leider noch immer sehr wenig. Es zeigt sich aber, dass vermehrt Personen betroffen sind, die einen schweren Verlauf hatten und deswegen teilweise hospitalisiert werden mussten. Wenn wir also Spitalaufenthalte verhindern, können wir hoffentlich auch viele Long-Covid-Fälle verhindern. Dabei hilft auch, dass Omikron nach ersten Studien zum Beispiel aus Südafrika weniger schwere Verläufe fordert.

Auf der anderen Seite sind aber auch Genesene ohne schweren Verlauf von Long Covid betroffen. Von 100 Infizierten geben 26 an, dass sie sich nicht mehr gleich fühlen wie vor der Erkrankung, vier davon bezeichnen diese Veränderung als beträchtlich, einer als schwer. Generell hilft eine gute Grundimmunisierung durch eine Impfung – insbesondere für Ungeimpfte ist Omikron wirklich kein Spaziergang.
Rudolf Hauri: Ich möchte das nicht auf Long Covid reduzieren. Es geht allgemein um Langzeitfolgen. Über diese sind noch nicht alle Details bekannt. Da braucht es noch viele medizinische Erkenntnisse und Forschungen.

Bildlich gesprochen vielleicht: Jetzt brennt das Feuer. Wenn wir jetzt Holz nachlegen durch weitere Öffnungen, wird die Flamme noch grösser und gerät vielleicht wieder ausser Kontrolle. Behalten wir aber noch Massnahmen und legen erst später Holz nach, wird es zwar weiter brennen, aber nicht mehr so hoch wie vorher.

Was wären Auswirkungen auf die Psyche und Wirtschaft, wenn wir wieder strengere Massnahmen einführen müssten?

Jan Fehr: Das Thema psychologische Gesundheit nehmen wir sehr ernst. Das betrifft nicht nur die oben erwähnte Belastung nach durchgemachter Infektion, sondern auch die Auswirkungen der Einschränkungen auf den Alltag. Es fehlten soziale Kontakte und das Leben fand nicht mehr so statt, wie wir uns das gewohnt waren.

Zur Wirtschaft: Oft mussten wir hören, wie gefährdet Arbeitsplätze durch die Massnahmen seien. Inzwischen lesen wir aber regelmässig von tollen Geschäftsabschlüssen, so beispielsweise im Tourismus. Mein Appell ist daher: Lasst uns mit offenen Karten spielen und ehrlich miteinander Lösungen finden. Das gilt im Übrigen auch für die Wissenschaft: Pauschal Panik zu verbreiten bringt uns nicht weiter.
Rudolf Hauri: Die Folgen von harten Massnahmen für die Psyche und die Wirtschaft sind unter dem Strich gewaltig. Das haben wir in den vergangenen Monaten gesehen.

Man muss sich bei den Massnahmen auch immer fragen: Lohnt sich das? Richten die Massnahmen am Ende nur mehr Schaden an, als dass sie nützen? Die Antwort ist da ziemlich klar, dass sich harte Massnahmen über eine längere Zeit nicht lohnen.

Was bedeutet die aktuelle Situation für die Gefahr von neuen Mutationen?

Jan Fehr: Neue Virenvarianten entstehen auch jetzt, exakt in diesem Moment, irgendwo auf der Welt. Entscheidend ist, ob sich diese zu sogenannten «Variants of Concern» entwickeln, also solchen, die Auswirkungen für die ganze Welt haben könnten. Es würde mich extrem erstaunen, wenn Omikron die letzte «Variant of Concern» bliebe.

Eine wichtige Frage ist, wie fit unser Immunsystem für eine nächste Variante ist. Unser Immunsystem funktioniert ähnlich wie das Erlernen einer Fremdsprache in der Schule. Wenn wir ein Wort einmal lesen, können wir es uns für vielleicht ein paar Stunden oder Tage merken. Wenn wir mit dem Wort immer wieder in Berührung kommen – bei der Immunisierung wäre das durch eine Impfung oder Infektion –, dann kann sich unser Gedächtnis das Wort langfristig merken. Wir sprechen hier von einem immunologischen Gedächtnis. Das ist unser Kapital, das wir auch mitnehmen für die nächste Variante. Wer bisher weder geimpft noch genesen ist, bringt entsprechend eher eine Hypothek mit.
Rudolf Hauri: Natürlich gibt es bei höherer Viruszirkulation auch mehr Mutationen. Aber die gibt es sonst ebenso, einfach verzögert, weil solche Viren immer mutieren.

Wir können also das Entstehen von Mutationen höchstens verzögern. Mit dem Hinauszögern gibt es aber eine Grenze, das spürt man ja auch in anderen Bereichen: Man kann nicht ewig verzögern, weg geht das Virus nicht mehr.

Dazu möchte ich auch noch anmerken: Wir können nicht aus der Pandemie «aussteigen» und sie für beendet erklären. Die Pandemie wird sich selbst auslaufen. Das Virus verschwindet nicht mehr und Mutationen wird es weiterhin geben. Einen Ausstieg gibt es darum nur von den behördlichen Massnahmen.

Wie müssen wir uns jetzt auf den Herbst vorbereiten?

Jan Fehr: Der Herbst macht mir schon etwas Sorgen. Viele freuen sich, dass das Thema Corona im Sommer in den Hintergrund rückt. Dabei wäre genau jetzt der richtige Moment, um das Vertrauen aufzubauen und wichtige Fragen gemeinsam anzugehen. Ungeimpfte, aber Genesene denken sich oft: «Ich hatte Omikron, jetzt ist das Thema für mich erledigt.» Einmal Omikron wird aber für den Herbst nicht reichen.

Weiteren Handlungsbedarf sehe ich bei den Medikamenten gegen Covid-19. Diese müssen zugelassen und beschafft werden – sie könnten zu einem richtigen «Gamechanger» werden. Wir müssen auch in die Logistik für den Aufbau von Impfzentren investieren. Die Politik ist angehalten, die vergangenen Jahre zu analysieren und Absprachen zu treffen. Wir brauchen ein Expertengremium, das gut eingebunden ist beim Bund und bei den Kantonen. Entscheidend dafür ist ein guter Dialog zwischen Wissenschaft und Entscheidungsträgern.

Nutzen wir diese Zeit sinnvoll – damit im Herbst die Feuerwehr nicht erst rekrutiert werden muss, wenn es schon wieder brennt.
Rudolf Hauri: Aktuell gehen wir davon aus, dass es langsam in die Saisonalität geht. Wir müssen die kommenden Monate nutzen, damit wir dafür bereit sind.

So müssen wir die Reaktionsfähigkeit im Falle einer kommenden Welle beibehalten. Das hört sich vielleicht banal an, ist aber nicht ganz ohne Aufwand. Wir müssen Impfzentren und Testmöglichkeiten schnell hochfahren können und die Koordination der Spitäler beibehalten.

Wichtig auch: Wir benötigen Personal im Gesundheitsbereich. Die jetzigen Mitarbeiter sollen dem Beruf nicht den Rücken kehren und es müssen neue ausgebildet und gefördert werden.

Dinge wie «saubere Luft» in Innenräumen müssen wir eigentlich auch unabhängig vom Coronavirus anschauen. Da gibt es diverse Aufgaben zu erledigen.

Was halten Sie von einer vierten Impfung?

Jan Fehr: Bei besonders gefährdeten Personen – die den Booster auch schon sehr früh erhalten haben – macht allenfalls eine vierte Impfdosis Sinn. Betroffene sollen dieses Thema mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprechen.

Im Hinblick auf den Herbst könnte man auch über einen zweiten Booster für das Gesundheitspersonal diskutieren. Für die restliche Bevölkerung könnte ich mir vorstellen, dass die Impfung zwar angeboten, aber nicht offiziell empfohlen wird. Ich will da der Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF aber nicht vorgreifen.
Rudolf Hauri: Wir müssen für die vierte Impfung vorbereitet sein. Diese kann durchaus Sinn machen. Im Vordergrund stehen da vulnerable Personen aufgrund ihres Alters oder Vorerkrankungen.

Ich erwarte eine Empfehlung, aber das muss das EKIF entscheiden, dort bin ich nicht Mitglied.

Ist die Zero-Covid-Strategie gescheitert? Oder würden uns restriktive Massnahmen über einen längeren Zeitraum vorwärtsbringen?

Jan Fehr: Dass die «Zero-Covid»-Strategie nicht aufgeht, zeigt das Beispiel China. Zudem schützen die dort verwendeten Impfstoffe Sinovax und Sinopharm nicht gleich gut wie unsere mRNA-Produkte.

Das macht mir schon Sorgen, denn wir befinden uns in einer Pandemie – dieses Problem betrifft uns alle. Wenn irgendwo auf der Welt neue Varianten aufflammen, geht es auch bei uns wieder los. Das haben wir ja schon einmal gelernt: Wuhan ist auch nur ein Vorort von Zürich.
Rudolf Hauri: Jahrelange strenge Massnahmen kann man nicht aufrechterhalten. Das würde psychisch und wirtschaftlich keinen Sinn ergeben. Gering einschränkende Massnahmen kann man aber beibehalten. Also die hygienischen Massnahmen wie Abstandhalten oder Händewaschen und Maskentragen, wenn es die Situation erfordert.

Überspitzt gesagt ist es wie mit dem Kondom bei HIV: Die hygienischen Massnahmen sind eine Art Kondom gegen Covid. Es sind Massnahmen, die relativ einfach umsetzbar sind, aber schon grossen Schutz bieten.
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28 Kommentare
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Hans Jürg
18.03.2022 14:47registriert Januar 2015
Zum Glück wird man auch nach dem Fallen der Maskenpflicht auch im ÖV immer noch freiwillig eine Maske tragen dürfen.
Ich für meinen Teil trage immer eine FFP2-Maske, wenn ich in einem Laden bin und wenn ich an Orten bin, wo Gedränge herrscht. Mir egal, ob mich manche Leute blöd anstarren.
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Hadock50
18.03.2022 16:21registriert Juli 2020
Es sind genau die Leute die jetzt jammern (z.B Gastgewerbe) dass sie so viele Krankheitsausfälle haben - aber waren es nicht genau Sie welche die Maßnahmen beendet haben wollten.....
Man erntet was man säht ! 🙈🤷‍♀️
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Lushchicken
18.03.2022 15:30registriert Oktober 2014
Ich glaube nicht, dass viele Leute noch harte Lockdowns wollen. Das mit Zero Covid war hier nie ein Thema und das ist auch ok. Trotzdem wäre es vielleicht sinnvoll, darüber nachzudenken, ob Maskenpflicht in Innenräumen, die für die tägliche Grundversorgung aufgesucht werden müssen (Läden, Arztpraxen, ÖV) bei SO hohen Fallzahlen einen Sinn machen könnte. Ausserdem müssen die gasgeben mit der Zulassung und Beschaffung der relevanten Medikamente. Booster im Herbst für die, die es wollen/brauchen. Luftqualitäts-Messgeräte in Innenräumen. Muss nichts super einschneidendes sein, nur gut überlegt.
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