Schweiz
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Heroin-Hölle Schweiz: Vor 25 Jahren fand das Grauen ein Ende



Chronologie der Schweizer Drogenpolitik 

Vor 25 Jahren hat sich der Bundesrat für die versuchsweise Heroinabgabe an Schwerstsüchtige ausgesprochen. Die Schweiz übernahm damit eine Pionierrolle in der Drogenpolitik. Für die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss wäre die Entkriminalisierung ein nächster notwendiger Schritt.

Die Bundesratssitzung vom 13. Mai 1992 setzte in der Schweizer Drogenpolitik einen Meilenstein: Der damalige Gesundheitsminister Flavio Cotti verkündete den Entscheid der Landesregierung: Spezialärzte durften demnach höchstens 250 Schwerstabhängigen, verelendeten oder sich prostituierenden Drogenabhängigen versuchsweise auch Heroin abgeben.

«Viele, vielleicht die meisten Patienten, wären ohne diese Behandlung nicht mehr am Leben.»

Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss

Wie schwer der damalige Entscheid der Landesregierung gefallen ist, lässt sich auch daraus lesen, dass sich der Bundesrat zuvor eine einwöchige Denkpause verordnet hatte, sozusagen um noch einmal darüber zu schlafen. Nach dem Grundsatzentscheid dauerte es noch einmal gut zwei Jahre, bis in Zürich die ersten Versuche gestartet wurden.

ARCHIVE --- DER BUNDESRAT BESCHLOSS VOR 25 JAHREN AM 13. MAI 1992, HEROIN IN DEN VERSUCHSPLAN DER AERZTLICHEN VERSCHREIBUNG VON BETAEUBUNGSMITTELN EINZUBEZIEHEN. EINE ENTSPRECHENDE VERORDNUNG TRAT AM 15. NOVEMBER 1992 IN KRAFT. DIE ERSTEN PROJEKTE MIT KONTROLLIERTER HEROINABGABE STARTETEN DANN IM JANUAR 1994 IN ZUERICH. ZU DIESEM ANLASS STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Medical heroin-assisted treatment for severely dependent drug abusers is what the Social Democratic Party of Zurich, district 5, demands. With posters in the city of Zurich, Switzerland, and in front of the Federal Palace in Berne, the party emphasizes its call for addressing the issue of drug abuse with a multifaceted approach, pictured on April 6, 1992. (KEYSTONE/Christoph Ruckstuhl)

Aerztlich kontrollierte Heroinabgabe an Schwersuechtige fordert die Sozialdemokratische Partei Zuerich 5. Mit Plakaten, welche in der Stadt Zuerich und vor dem Bundeshaus in Bern haengen, unterstreicht die Partei ihre Forderung, die Drogensituation in der Schweiz mit verschiedenen Massnahmen zu entschaerfen, aufgenommen am 6. April 1992. (KEYSTONE/Christoph Ruckstuhl)

Ärztlich kontrollierte Heroinabgabe an Schwerstsüchtige fordert die Sozialdemokratische Partei Zürich 5. Bild: KEYSTONE

Kehrtwende des Gesundheitsministers

Noch wenige Monate vor dem historischen Entscheid hatte Cotti die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe kategorisch abgelehnt. Nachdem sich die Mehrheit der Kantone und die grössten Parteien für das Projekt ausgesprochen hatten, habe bei ihm aber ein teilweises Umdenken eingesetzt. Schliesslich seien Vernehmlassungen dazu da, dass sich die Regierung eines Besseren belehren lässt, erklärte Cotti die Kehrtwende.

«Als praktizierender Christ bleibe ich skeptisch», sagte Cotti weiter. Und er verwies darauf, dass oberstes Ziel weiterhin die Abstinenz bleibe und der Drogenkonsum auch weiterhin strafbar sei.

Nur SVP war klar dagegen

Die heroingestützte Behandlung, wie die Heroinabgabe heute genannt wird, löste damals eine heftige Kontroverse aus. So warnte etwa die Parlamentarische Gruppe Drogenpolitik, der rund 50 National- und Ständeräte aus allen bürgerlichen Parteien angehörten, die Schweiz würde mit der Heroinabgabe zum «Platzspitz Europas».

«Die heroingestützte Behandlung hat wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Schweizerischen Drogenpolitik.»

Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Einen liberalen Umgang mit dem Heroin hatten nicht etwa nur die SP, die Grünen und der Landesring der Unabhängigen verlangt, sondern auch die FDP und sogar Cottis eigene Partei, die CVP. Nur die SVP hatte sich klar dagegen gesträubt.

Heute gehört Heroinabgabe zum Alltag

Heute gehört die heroingestützte Behandlung in der Schweiz zum Alltag. Davon profitieren können aktuell 1381 Schwerstabhängige in insgesamt 21 Institutionen über die ganze Schweiz verteilt. Das Heroin mit der medizinischen Bezeichnung Diamorphin – es dürfte sich um eine Menge von zwei bis dreihundert Kilogramm pro Jahr handeln – wird unter hohen Sicherheitsauflagen von der Thuner Firma DiaMo Narcotics GmbH vertrieben. Die Kosten pro Patient und Tag belaufen sich für die medizinische und psychosoziale Betreuung auf 45 Franken.

ARCHIVE --- DER BUNDESRAT BESCHLOSS VOR 25 JAHREN AM 13. MAI 1992, HEROIN IN DEN VERSUCHSPLAN DER AERZTLICHEN VERSCHREIBUNG VON BETAEUBUNGSMITTELN EINZUBEZIEHEN. EINE ENTSPRECHENDE VERORDNUNG TRAT AM 15. NOVEMBER 1992 IN KRAFT. DIE ERSTEN PROJEKTE MIT KONTROLLIERTER HEROINABGABE STARTETEN DANN IM JANUAR 1994 IN ZUERICH. ZU DIESEM ANLASS STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Archivbild 1995 zur kontrollierten Heroinabgabe. Die aerztlich kontrollierte Heroinabgabe soll weitergefuehrt werden. Zu dieser Empfehlung kommen die Wissenschafter nach Auswertung des dreijaehrigen Versuchs. Fuer die Abhaengigen verbesserte sich sowohl die Gesundheit als auch die soziale Situation. Sie wurden markant weniger straffaellig, wie die Forschungsbeauftragten des Instituts fuer Suchtforschung in Zuerich bei der Praesentation ihres Abschlussberichtes am Donnerstag 10. Juli 1997 in Bern feststellten. (KEYSTONE/Archive)

Derzeit erhalten 1381 Schwerstabhängige Heroin. Bild: KEYSTONE

«Die heroingestützte Behandlung hat wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Schweizerischen Drogenpolitik», urteilt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) heute. Dies zeige sich nicht nur am markanten Rückgang der drogen- und aidsbedingten Todesfälle, sondern auch an der gestiegenen Lebenserwartung und der verbesserten Gesundheit der Opiatabhängigen.

Rückgang der Beschaffungskriminalität

Zudem habe die Sicherheit profitiert durch den Rückgang der Beschaffungskriminalität und dem Verschwinden der offenen Drogenszenen. Ein wichtiger Effekt sei auch gewesen, dass die «Medikalisierung des Heroinkonsums» wesentlich dazu beigetragen habe, dass der Opiatkonsum ein Looserimage erhalten und dadurch generell an Attraktivität verloren habe.

ARCHIVE --- DER BUNDESRAT BESCHLOSS VOR 25 JAHREN AM 13. MAI 1992, HEROIN IN DEN VERSUCHSPLAN DER AERZTLICHEN VERSCHREIBUNG VON BETAEUBUNGSMITTELN EINZUBEZIEHEN. EINE ENTSPRECHENDE VERORDNUNG TRAT AM 15. NOVEMBER 1992 IN KRAFT. DIE ERSTEN PROJEKTE MIT KONTROLLIERTER HEROINABGABE STARTETEN DANN IM JANUAR 1994 IN ZUERICH. ZU DIESEM ANLASS STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Medically-controlled distribution of methadone in a former butchery in Zurich, Switzerland, as part of a strictly controlled pilote scheme in order to address the pressing issue of heroin addiction, pictured on February 17, 1992. (KEYSTONE/Str)

In einer ehemaligen Metzgerei in Zuerich, aufgenommen am 17. Februar 1992, wird Methadon an Drogenabhaengige als Projekt und in streng kontrolliertem Rahmen abgegeben  - solche Massnahmen sollen helfen, das akute Problem von Heroinsuechtigen zu bekaempfen. (KEYSTONE/Str)

Methadon-Abgabe 1992 in Zürich. Bild: KEYSTONE

Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss, heute Präsidentin der Weltkommission für Drogenpolitik, wertet die Einführung der heroingestützten Behandlung im Rückblick ebenfalls als Erfolg. Sie setzte in den 90er Jahren den Grundsatzentscheid ihrer Vorgänger in die Tat um.

Viele Süchtige wären nicht mehr am Leben

Im Nachhinein habe sich die Heroin unterstützte Therapie als medizinisch anerkannte Antwort erwiesen, die nicht nur den gesundheitlichen Zustand verbessert, sondern auch eine soziale Integration ermöglicht habe. «Und viele, vielleicht die meisten Patienten, wären ohne diese Behandlung nicht mehr am Leben», sagte sie auf Anfrage.

Die Rolle der Schweiz als Pionierin sei weltweit anerkannt. Dies zeige sich auch darin, dass andere Länder die heroingestützte Behandlung ebenfalls in ihr Spektrum von möglichen Behandlungen von Drogenabhängigen aufgenommen hätten.

Ex-Bundesrätin plädiert für Entkriminalisierung

Die Schweiz habe generell eine Pionierrolle gespielt in der Entwicklung von innovativen Gesundheitsmassnahmen in der Drogenpolitik. Unter dem Sammelbegriff der Schadensminderung finde man beispielsweise das zur Verfügung stellen von sauberem Injektionsmaterial, die Analyse von Substanzen oder die sogenannten Fixerstübli. Dank ihnen sei die Aids- und Hepatitis-Übertragung weitgehend unter Kontrolle gekommen.

Kein Pionier sei die Schweiz hingegen, was die Entkriminalisierung des Drogenkonsums angehe und die Regulierung des Marktes durch den Staat, wie man dies von anderen gefährlichen Substanzen wie Alkohol oder Tabak her kenne. «In meinen Augen ist das eine Notwendigkeit», sagt Dreifuss. (whr/sda)

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