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Elisabeth Bronfen Ölbild Umschlag von Pascal Möhlmann

Diese Hände gehören der Autorin: Ausschnitt vom Umschlag von «Besessen». Bild: Pascal Möhlmann/ Oliver Nanzig/ Echtzeit Verlag

Das Kochbuch dieser Zürcher Professorin macht selbst Küchen-Nieten selig

Die Zürcher Anglistik-Professorin Elisabeth Bronfen kocht göttlich. Jetzt hat sie sich ihren grossen Traum erfüllt: das erste eigene Kochbuch.



Ich gestehe, ich bin befangen. Weil man mich mit Einladungen wie «Ich hab grad in Paris auf dem Markt eine frische Gänseleber gekauft. Kommt vorbei!» enorm erfolgreich bestechen kann. Erst recht, wenn die Frau, die hinter der Einladung steckt, die Gänseleber derart perfekt serviert, dass sie alles übertrifft, was ich in Frankreich an Gänselebern schon gegessen habe. In Zentimeter dicke Scheiben geschnitten, scharf angebraten, gesalzen, gepfeffert, gegessen, immer wieder davon geträumt.

Es ist ein Rezept, so schlicht, dass es der Köchin wohl zu einfach war für ihr Kochbuch mit gut 250 Lieblingsrezepten. Der Satz, mit dem sie dafür wirbt, lautet: «Ein Tag ohne Kochen ist ein trauriger Tag.» Er ist wahr.

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Fleisch ist immer die Hauptsache: Meryl Streep als TV-Köchin Julia Child (1912–2004) in «Julie & Julia». Bild: columbia pictures

Elisabeth Bronfen ist eine leidenschaftliche Gastgeberin und Köchin. Ihre Einladungen finden in ihrer Küche statt. Auf dem Tisch glitzert das Tafelsilber, die Sahne fliesst, die Butter schmilzt, und im Kühlschrank findet sich Zürichs obsessivste Sammlung gehorteter Delikatessen in Tupper-Ware-Geschirrchen. Für ihre Gäste spielt sie vor dem Auftragen gern noch etwas Kochshow, und geht man wieder nach Hause, so sind Bauch und Kopf in ein rundum goldenes Gefühl gehüllt.

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Soll sie vom Kuchen versuchen oder Schuhe probieren? Kirsten Dunst als gelangweilte Königin in «Marie Antoinette»? Bild: Columbia pictures

Und dabei ist Elisabeth Bronfen von Beruf etwas ganz anderes, nämlich Professorin am Englischen Seminar der Uni Zürich. Sie forscht und sie zelebriert ihre Ergebnisse. In der Küche wie im Hörsaal. Denn alles taugt zum Fest. Und zum Manifest. Und zur intellektuellen Auseinandersetzung. Ihre Habilitationsschrift «Over Her Dead Body» («Nur über ihre Leiche – Tod, Weiblichkeit und Ästhetik») wurde 1992 zum akademischen Bestseller und machte die damals 34-Jährige zur jüngsten und populärsten Professorin im deutschsprachigen Raum.

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Essen ist Glück, Kochen übrigens auch: Elisabeth Bronfen. bild: tom haller/ echtzeit verlag

Ihr Erfolgsrezept: was sie macht, macht Lust. Zum Zuschauen, weil sie mit Bildern, Filmen, Serien arbeitet. Zum Zuhören, weil sie eine begnadete Rednerin und Lehrerin ist. 2015 hat sie ein Buch über die Serie «Mad Men» geschrieben, 2013 eines über Hollywoods Kriegsfilme, die Nacht, Tod und Trauma sind weitere Themen, Ihr Anspruch an die Studierenden ist hoch und an sich selbst am höchsten, regelmässig lehrt sie auch in Paris und New York.

série américaine (2007) créée par Matthew Weiner avec Jon Hamm, Elisabeth Moss, Vincent Kartheiser, January Jones, Christina Hendricks, Bryan Batt, Michael Gladis, Aaron Staton, Rich Sommer, Maggie Siff

Die «Mad Men»-Diät besteht für gewöhnlich aus Austern (leider nicht im Bild), Alkohol und Zigaretten.  Bild: amc

Und dann ist da eben ihre Besessenheit mit dem Essen. Weshalb ihr Kochbuch «Besessen» heisst. Und natürlich nicht einfach ein Kochbuch ist, sondern ihre «Kochmemoiren». Eine autobiografische Erinnerungsarbeit entlang all der Gerichte und damit verbundenen Gebräuche, die ihr in ihrem Leben schon etwas bedeutet haben.

«Besessen» ist denn auch genau so sehr ein Lese- wie ein Kochbuch, in dem alles zusammen kommt, was Elisabeth Bronfen ausmacht: Ihre Münchner Kindheit als Tochter einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters, die ein offenes Haus mit genügend Essen für allerlei unerwartete Gäste führten.

greta garbo in «queen christina»

Greta Garbo brauchte in «Queen Christina» bloss ein paar Trauben, um den Zuschauern den Verstand zu rauben. Bild: metro-goldwyn-mayer

Es folgt die Studentenzeit in einer winzigen Wohnung mit Katze Rosa, die ihr ständig das rare Fleisch vom Tisch frass. Ihre grosse Liebe zu Tafelsilber und Küchengeräten. Ihre Reisen und ihre weltumfassende Neugierde (sie kannte die ganzen asiatischen und mediterranen Hype-Gerichte schon, als das Wort «Hipster» noch gar nicht erfunden war). Und schliesslich der genüssliche Umgang mit der Kulturgeschichte: Wer sonst garniert seine Rezepte mit Shakespeare und Freud?

Kochen ist Kultur, beweist Elisabeth Bronfen. Und vielleicht ja sogar die Grundlage der Kultur. Weil wir dabei lernen, exakt zu sein, zu differenzieren, zu kombinieren, zu interpretieren und zu improvisieren. Und weil jedem Rezept eine genaue Analyse seiner Zutaten zu Grunde liegt. Kochen also als intellektueller Vorgang, der am Ende zu umso leiblicherem Genuss führt.

Harry Potter

In Hogwarts gibt es definitiv die süsseste Schulkantine Englands. Bild: Warner Bros.

Die Idee, ein Kochbuch zu schreiben, überfiel Elisabeth Bronfen Anfang der 90er-Jahre. Beelendet sah sie den Studenten zu, die damals noch nicht einmal Jamie Oliver hatten, und beschloss, unter dem Titel «Studentenfutter» eine kulinarische Erziehungsmassnahme für junge Leite zu schreiben. Seit jenem ersten Plan ist ein gutes Vierteljahrhundert vergangen. Ein Vierteljahrhundert, in dem sie unzählige Gäste ins Glück gekocht und sich selbst mindestens einmal um die ganze Welt gegessen hat.

Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany's»

Kaffee und Gipfeli, der schlichte Frühstücks-Klassiker schlechthin, so auch in «Breakfast at Tiffany's». Bild: Paramount pictures

Daraus ist «Besessen» geworden. Das Buch, in dem sich auch Kochnieten wie ich stundenlang verlieren können. Weil es so schöne, tröstliche Anekdoten erzählt, die einen zurückführen in die eigene Kindheit, zum Beispiel an den Herd der Grossmutter – meine war keine gute Köchin, aber ihr Comfort Food in Form von Cordon-Bleu mit gebuttertem Reis, Waffeln aus dem Waffeleisen und steinharten Caramel-Bonbons war der beste. Und weil wir mit einer Frau namens Elisabeth durch die Strassenmärkte und die Gourmetgeschäfte der Grossstädte schlendern und dabei erst noch lernen, welche Pfannenbodendicke wieso wofür geeignet und was die idealste Resteverwertung ist.

«The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover» Helen Mirren

Helen Mirren fragt sich, was das alles soll, denn in «The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover» werden bekanntlich noch ganz andere Dinge vertilgt. Bild: 1989 ALLARTS COOK LTD/ERATO FILMS/FILMS INC

Der einzige Jammer an «Besessen» sind die fehlenden Bilder. Die Kürbissuppe mit Limetten und Korianderpesto, das Jakobsmuscheln-Carpaccio mit gehackten Pistazien, der gedämpfte Lachs mit Orangen-Ingwer-Sauce oder das Kaninchen an Sahne-Senf-Sauce klingen und schmecken nicht nur köstlich, sondern sehen auch so aus. Aber Elisabeth Bronfens Vorbilder sind nun einmal die Klassikerinnen wie Julia Child oder Marcella Hazan. Und bei denen lag der Food-Porn auch nicht in der Illustration, sondern auf dem Teller.

Elisabeth Bronfen: Besessen – Meine Kochmemoiren. 484 Seiten, 48 Franken, Echtzeit Verlag, Basel 2016.

Buchvernissage: Donnerstag, 12. Januar 2017, 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich mit Elisabeth Bronfen und Röbi Koller

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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • fant 09.12.2016 16:49
    Highlight Highlight Yes! The cook, the thief, his wife and her lover!
    Yes! Helen Mirren!

    Ein Buch mit solchen Assoziationen muss ich haben...

    Danke :-)
  • Spooky 09.12.2016 04:48
    Highlight Highlight Guter Artikel! Man erfährt viel über die sorglose, abgehobene Luxuswelt, in der die Elite lebt.

    Von wem wird die Professorin eigentlich bezahlt? Und wieviel verdient sie pro Monat?
    • RobinBurn 09.12.2016 07:09
      Highlight Highlight Wow, sie sind ja ne Spassbremse.
    • G3N33 09.12.2016 09:25
      Highlight Highlight Rarer Fleischkonsum während Studizeit=wenig Geld.
      Zudem sind die meisten ehemaligen Studis höhere Mittelklasse und keineswegs reich. Trifft auch auf Professoren zu, sollten diese keine weiteren Einnahmequellen nebst der Unitätigkeit haben. Die Mittelklasse wird ja bekanntlich am meisten geschröpft hier in der CH. Sorglose, elitäre Luxuswelt? Da lachen ja die Hühner.
      Ausserdem wurde aufgezeigt, dass bis vor 50 Jahren durchschnittlich etwa 30% des Einkommens für Essen drauf ging. Heute sind es knappe. 10%. Vielleicht gibt sie also auch einfach ihr ganzes Geld für Essen aus? Ist ihr gutes Recht!
    • Spooky 11.12.2016 16:06
      Highlight Highlight Danke, ihr Herren Robin Burn und G3N33. Ich bin angenehm überrascht von euren einerseits witzigen (@Robin Burn), andererseits durchdachten (@G3N33) Antworten. Ich war nämlich darauf vorbereitet, dass man mir mit der Standartanwort kommen würde: Du bist ja nur neidisch.
  • Darkside 08.12.2016 16:06
    Highlight Highlight Gänseleber? Echt jetzt?
    • obi 09.12.2016 10:28
      Highlight Highlight Totally.
  • Hans Jürg 08.12.2016 15:05
    Highlight Highlight Nach Gäseleber habe ich aufgehört zu lesen. Sie schneckt zwar exzellent, ist aber ein Produkt, das Tiere quält. Deshalb sollte man darauf verzichten.
    • obi 09.12.2016 10:29
      Highlight Highlight Nach deinem Yoga-Sitz-Mänchen-Profilbild habe ich aufgehört zu lesen, Hans Jürg ;-)
      (Pulling your leg)
  • MissSophia 08.12.2016 12:24
    Highlight Highlight In einem anderen Interview sagte sie, es sei schliesslich ein Lese- und kein Bilderbuch, zum Thema fehlende Bilder. Diese Aussage fasst Prof Bronfen und ihre Art zu Lehren perfekt zusammen, das Kochbuch ist eine wunderbare Exkursion ihrer Vorlesungen in die Küche.

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