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Problemfall Doktorarbeit: Je nach Uni bricht jeder Fünfte ab

Um erfolgreich zu sein, müssen Doktorierende viele Hürden meistern. Nicht zuletzt deshalb brechen bis zu 20 Prozent aller Doktorierenden ihre Arbeit ab. Wie viele es genau sind, wird nicht erhoben. Und auch nicht, was dies kostet. Doch es geht für alle Seiten um viel.
04.11.2021, 09:07
Lucien Fluri / ch media

Es war viel Zeit, die der junge Doktorand opferte. Und es war viel Geld, das der Staat investierte. Trotzdem blieb am Ende nicht viel übrig: Er brach seine Doktorarbeit nach mehreren Semestern Forschung ab. Eine Publikation der öffentlich finanzierten Arbeit wird es wohl nie geben.

So ergeht es unzähligen Doktoranden in der Schweiz. Doch wie viele es genau sind – und was ihr Scheitern kostet, weiss niemand genau. Swiss Universities, die Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschulen, besitzt keine Zahlen. Ebenso wenig kann der Nationalfonds, der grösste Schweizer Förderer des akademischen Nachwuchses, genaue Angaben machen. Und auch bei den Schweizer Universitäten liegen keine Zahlen zur Abbruchquote der aktuell 26'600 Doktorierenden vor.

Bild: shutterstock.com

In Zürich haben nach fünf Jahren fast 20 Prozent aufgehört

Nun haben auf Anfrage von CH Media mehrere Hochschulen versucht, die Angaben bereitzustellen. Klare Daten liefert etwa die Universität Zürich: 2016 starteten 1254 Doktorierende. Heute, fünf Jahre später, haben 231 davon die Doktorarbeit abgebrochen. Das sind 18.4 Prozent.

Die ETH spricht von 12.18 Prozent der Dissertationen, die in den letzten fünf Jahren nicht beendet worden sind. Und hoch ist die Abbruchquote auch in Luzern: 393 Doktorierende sind dort aktuell immatrikuliert. In den vergangenen fünf Jahren haben 127 ihr Projekt abgebrochen. 63 weitere Projekte dauern bereits länger als sieben Jahre – mit abnehmender Chance auf eine Beendigung.

Nicht überall allerdings werden die hohen Zahlen bestätigt. Von 5 bis 6 Prozent spricht die Universität Basel aufgrund von neusten Zahlen. Zwischen 2015 und 2020 sind dies immerhin 830 abgebrochene Dissertationen. Noch 2017 schätzte die Uni die Abbruchquote je nach Fach auf bis zu 50 Prozent.

Keine Zahlen erhebt die Universität Bern. Nach Stichproben geht man davon aus, dass die Austrittquote lediglich «knapp drei Prozent pro Jahr» beträgt. Und in St. Gallen exmatrikulierten sich in diesem Herbstsemester elf der 600 Doktorierenden.

Was kostet das? Niemand weiss es

Für die öffentliche Hand ist dies eine Kostenfrage. Denn die Finanzierung des Forschungsnachwuchses geht in die Milliarden: Alleine der Nationalfonds hat in den letzten zehn Jahren 15'500 Doktorierende unterstützt – und dafür 1.61 Milliarden Franken ausgegeben. Trotzdem ist unbekannt, was Abbrüche den Steuerzahler kosten. Anhaltspunkte liefern die Dauer und die Löhne. «Im Durchschnitt dauert ein Doktorat etwas mehr als vier Jahre», schreibt die ETH Zürich. Die Lohnkosten dafür betragen über diesen Zeitraum 224'000 Franken.

Daraus Rückschlüsse zu ziehen, ist allerdings schwierig. Denn einerseits ist nicht bekannt, nach wie langer Zeit die Dissertationen abgebrochen werden. Zürcher Zahlen zeigen, dass bereits nach einem Jahr zehn Prozent ihre Arbeit abgebrochen haben. Nach sechs Jahren allerdings haben zehn Prozent ihre Doktorarbeit ebenfalls noch nicht abgeschlossen – mit sinkender Wahrscheinlichkeit auf einen Abschluss.

Und andererseits unterscheiden sich die Kosten für eine Dissertation je nach Fachgebiet oder eingesetztem Material stark. Ebenso unterschiedlich sind die Anstellungsbedingungen: Einige Doktorierende erhalten einen Lohn von der Uni, andere haben gar keine Anstellung.

Die Gründe: Löhne, Machtsystem, Ellbögeln und Familie

Warum geschieht dies? Martina von Arx doktoriert an der Uni Genf – und ist Co-Präsidentin von actionuni; einer Organisation, die sich für die Interessen des Uni-Mittelbaus einsetzt. Von Arx sagt:

«Es ist ein schönes Privileg, eine Dissertation schreiben zu können.»

Im Alltag sei die Situation aber nicht in jedem Fall rosig, weshalb es durchaus Gründe für Abbrüche gebe. «Ein wichtiger Faktor ist, wie sich der Lohn zusammensetzt.» Die Anstellungen und Aufgaben von Doktorierenden seien sehr unterschiedlich.

Während sich die einen mehrheitlich auf ihre Forschung fokussieren können, werden andere primär für Lehre und administrative Aufgaben an Departementen und Fakultäten eingesetzt. So könne der Arbeitsaufwand sowie der Anteil unbezahlter Überstunden sehr gross werden. Zeit für die eigene Qualifikation bleibt einem so kaum noch.

Die Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Elternschaft sei eine grosse Herausforderung, «und gerade Frauen verlassen die Wissenschaft überdurchschnittlich». Zentral sind laut von Arx auch Betreuung und Unterstützung durch Doktorvater oder -mutter. Doch gerade hier sei es bei Schwierigkeiten nicht einfach, diese anzuprangern.

Das Unisystem ist hierarchisch organisiert und die Betreuer entscheiden über die Gelder und die Besetzung der Doktoratsstellen sowie deren «mögliche und manchmal dringend nötige Verlängerung». Hinzu kommt: Es gibt zwar immer mehr Doktorierende, aber später nicht mehr Stellen an der Uni.

«Wenn man in der Forschung bleiben will, braucht es vor allem viel Glück, und viel ‹Ellbögeln›.»

Zurückbezahlen ist nicht vorgesehen

Geld fordert keine Universität zurück, wenn eine Doktorarbeit abgebrochen wird. «Das Scheitern gehört zur Wissenschaft dazu, genauso wie sich unerwartet ändernde private oder berufliche Umstände zum Leben gehören» hält die ETH fest – und ist überzeugt:

«Die fast 90 Prozent der ETH-Doktorierenden, die erfolgreich sind, bringen der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Schweiz insgesamt einen grossen Mehrwert.»

Man müsse berücksichtigen, dass auch bei Abbruch «die Doktorierenden wichtige Leistungen im Bereich Forschung und Lehre erbringen», hält die Universität Luzern fest.

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