DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Steigerte seine Umsätze zwei Mal in Folge: das Casino Zürich.
Steigerte seine Umsätze zwei Mal in Folge: das Casino Zürich.Bild: KEYSTONE

«Geldmangel»? So steht es wirklich um die Finanzen der Schweizer Casinos

Die Kampagne für das Geldspielgesetz suggeriert, dass den Schweizer Spielbanken das Geld ausgeht. Allerdings konnten jüngst mehrere Casinos ihre Umsätze steigern. Die Ausgaben für Lottos und Wetten haben gar ein neues Rekordhoch erreicht.
14.05.2018, 08:57

Spielplatz: Verlottert. Tiergehege: Geschlossen. Konzert: Abgesagt. Mit diesen Slogans werben die Befürworter des Geldspielgesetzes. Ihre Botschaft ist klar: Versenken die Stimmbürger das Gesetz am 10. Juni an der Urne, schadet dies den Kultur- und Sportinstitutionen im Land. Auch die AHV müsse in dem Fall mit weniger Geldern auskommen, so das Komitee. 

1 / 11
So alarmistisch wirbt Ja-Lager für Geldspielgesetz
quelle: ja-komitee geldspielgesetz
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Ob sich die düsteren Prognosen mit Fakten stützen lassen, ist bei näherer Betrachtung jedoch fraglich. Heute zahlen Casinos und Lotterien fast eine Milliarde Franken jährlich an die AHV, die IV, gemeinnützige Organisationen und die Standortkantone. Die Befürworter des neuen Gesetzes argumentieren, dass die Schweizer Casinos vermehrt Gäste an ausländische Online-Anbieter verlieren. In der Folge brächen die Umsätze in der Schweiz ein und damit auch die Abgaben zugunsten des Gemeinwohls.

Lotterien legten um 8 Prozent zu

Ein Blick auf die Zahlen legt jedoch nahe, dass es der Glücksspiel-Industrie im Land nicht so schlecht geht, wie es die Kampagne vermuten lässt. Für das Jahr 2016 haben die Schweizer Casinos einen Bruttospielertrag von 689 Millionen Franken vermeldet – gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von 1,2 Prozent. Auch die Lotterien- und Wettanbieter konnten sich 2016 nicht über serbelnde Umsätze beklagen. Sie setzten 2,89 Milliarden Franken um. Das sind nicht nur satte 8 Prozent mehr als im Vorjahr – es handelt sich um einen neuen Allzeitrekord!

Für das vergangene Jahr liegt noch keine umfassende Statistik vor. Der Schweizer Casino Verband wartet mit der Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2017 noch zu – anders als in den Vorjahren, als er den Bericht jeweils im Frühjahr publizierte. 

Baden, Zürich und Luzern legten zu

Recherchen zeigen: Zumindest in gewissen Casinos rollte der Rubel letztes Jahr munter. Das Grand Casino Baden konnte 2017 erstmals seit fünf Jahren eine Umsatzsteigerung verbuchen. Die Besucherzahl stieg gar um 4,4 Prozent auf 346’000 Personen.

Auch die Casinos Zürich, Schaffhausen, St.Gallen und Pfäffikon haben ihren Bruttospielertrag – die Differenz zwischen den Spieleinsätzen und den ausbezahlten Gewinnen – letztes Jahr auf insgesamt 141,7 Millionen gesteigert, wie der Mutterkonzern Swiss Casinos auf Anfrage von watson schreibt. Sie setzten damit knapp 5 Millionen Franken mehr um als im Jahr davor, verglichen mit dem Jahr 2015 beträgt die Zunahme sogar fast acht Millionen Franken.

Weiter konnte auch das Grand Casino Luzern 2017 «eine erneute Gewinnsteigerung verzeichnen», wie es im Geschäftsbericht heisst. Der Bruttospielertrag wuchs um 2,5 Prozent. Dass trotz Abwanderung von Gästen zu illegalen Online-Casinos ein solch gutes Ergebnis möglich war, sei der «konsequenten Ausrichtung auf ein innovatives Spiel- und Unterhaltungsangebot zu verdanken», so die Verantwortlichen.

Einen Umsatzrückgang mussten derweil die Grand Casinos Basel (-1,2%) und Bern (-4%) hinnehmen.

«Die Befürworter machen eine pure Angstkampagne, die wenig mit der Realität zu tun hat.»
Pascal Vuichard, Co-Präsident JGLP

Für Pascal Vuichard, der das Geldspielgesetz an vorderster Front bekämpft, zeigen die Zahlen vor allem eines: «Die Befürworter machen eine pure Angstkampagne, die wenig mit der Realität zu tun hat.» Es sei fragwürdig, wie die Casino-Lobby das Argument der Sport- und Kulturförderung benutze, um die eigenen Pfründe zu verteidigen, so der Co-Präsident der Jungen Grünliberalen. 

Beat Vonlanthen, CVP-Ständerat aus dem Kanton Freiburg und Präsident des Schweizerischen Casino Verbands, widerspricht. Die Abgaben der Casinos an die AHV und die Kantone seien bereits massiv eingebrochen – seit 2007 um über 40 Prozent. «AHV und Kantone erhalten so pro Jahr rund 220 Millionen Franken weniger.»

«Ohne Regulierung dieses Bereichs werden die Abgaben an AHV/IV, Sport und Kultur aus Online-Spielen immer mehr einbrechen.»
Beat Vonlanthen (CVP), Präsident des Casino Verbands

Tatsächlich betrug der Bruttospielertrag der Schweizer Casinos im Spitzenjahr 2007 noch 908,8 Millionen Franken, lag also fast einen Drittel höher als heute. Warum sich die Umsätze jüngst wieder erholt haben, kann Vonlanthen nicht sagen. «Wir gehen davon aus, dass es sich beim Zuwachs 2016 um eine Ausnahme gehandelt hat und sich der negative Trend weiter fortsetzen wird.»

Bereits heute flössen jedes Jahr 250 Mio. Franken aus der Schweiz an illegale ausländische Online-Casinos, so Vonlanthen. «Mit der fortschreitenden Digitalisierung dürfte dieser Anteil noch wachsen.» Von einer Angstkampagne könne deshalb keine Rede sein. «Ohne Regulierung dieses Bereichs werden die Abgaben an AHV/IV, Sport und Kultur aus Online-Spielen immer mehr einbrechen.» Das Geldspielgesetz werde diesen schädlichen Trend umkehren «und den unsäglichen Geldabfluss ins Ausland stoppen».

Die Lotteriegesellschaften spüren die Konkurrenz aus dem Netz derweil kaum. Bei den Losen und im Bereich der klassischen Lotterie spielen ausländische Anbieter praktisch keine Rolle. Dies im Gegensatz zu den Sportwetten – allerdings tragen diese relativ wenig zum Gesamtumsatz bei. «Der Einfluss von ausländischen Anbietern ist bei den Lotterien von Geschäftsfeld zu Geschäftsfeld unterschiedlich», sagt denn auch Willy Mesmer, Sprecher von Swisslos. «Ganz klar von Netzsperren profitieren würden die legalen inländischen Anbieter aber bei den Sportwetten.»

Die Netzsperren sind das umstrittenste Element des Geldspielgesetzes. Sie sollen Schweizer Nutzer davon abhalten, bei ausländischen Online-Anbietern zu zocken. Gegen das Gesetz hat eine Allianz aus Jungparteien und verschiedenen Organisationen das Referendum ergriffen. Inzwischen haben auch die FDP, die BDP, die GLP und die Grünen die Nein-Parole beschlossen. Die SP und die CVP befürworten das Gesetz, die SVP hat Stimmfreigabe beschlossen.

Das musst du über das Geldspielgesetz wissen

Video: Angelina Graf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

25 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Pius C. Bünzli
14.05.2018 09:02registriert Oktober 2014
Ich sags gerne nochmals. Keine Netzsperren, wir sind hier nicht in China..
22015
Melden
Zum Kommentar
avatar
Wambolium
14.05.2018 09:10registriert Februar 2014
Das Geldspielgesetz ist ein protektionistisches Gesetz, da ausländische Spieleseite vom Schweizer Markt ferngehalten werden. Das Internet hört nicht an der Schweizer Landesgrenze auf. Ich als freier Bürger sollte auch das Recht haben auf ausländische Seiten zuzugreifen. Deshalb ein klares Nein.
14912
Melden
Zum Kommentar
avatar
Don Quijote
14.05.2018 09:12registriert April 2015
Der Herr Vonlanthen weiss doch als Verbandspräsident die Zahlen von 2017, die aber noch nicht publiziert werden? Aber "er nimmt auch nur an, dass sich der negative Trend sich fortsetzen wird"... Schade, so hat das Volk nur eine halbe Entscheidungsgrundlage.
826
Melden
Zum Kommentar
25
Fünf Personen wegen Menschenhandels und Prostitution in Bern festgenommen

Wegen Menschenhandels und Förderung der Prostitution sind im Kanton Bern drei Männer und zwei Frauen festgenommen worden. Bei allen bekannten Opfern dürfte es sich um Frauen aus China handeln.

Zur Story