Schweiz
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Familie Bertolf gehört einer Freikirche an. Die beiden Pflegekinder werden in die Gottesdienste mitgenommen. Aufs Foto können sie nicht – aus rechtlichen Gründen.  Bild: zvg

Bekehren «Frömmler» Pflegekinder?

Familie mit Pflegekindern wehrt sich: «Das ist ein Feldzug gegen uns Freikirchler!»

Überdurchschnittlich viele Pflegekinder sind bei Freikirchlern platziert. Das sei problematisch, sagen Kritiker. Es mangle an Alternativen, sagen die Behörden. Wird den Kindern der evangelikale Glaube indoktriniert? Ein Besuch bei Familie Bertolf. 

Kein Kreuz an der Wand, keine Bibel auf dem Sofatisch. Dafür eine Playstation und ein Schlagzeug. Bertolfs sieht man nicht an, dass sie Freikirchler sind. Dass sie in ihrer ganz normalen 5-Zimmer-Wohnung mit enger Küche, Umschwung, Aussicht, Hühnern und einem Trampolin im Garten, in einem Mehrfamilienblock in Belp BE einen fundamental ausgelegten Glauben leben. Aber Bertolfs haben keine Mühe, «sich zu outen», wie sie sagen. 

Und jetzt halten sie es auch für nötig. Weil sie die «Frömmler» sind, die nur Pflegekinder aufnehmen, um ihnen ihren Glauben überzustülpen, gegen den Willen der leiblichen Eltern, zum Missfallen der Behörden, die «keine andere Wahl» hätten. So zumindest stand es vergangene Woche im «Blick», der mit einer Geschichte über eine Pflegeplatzierung bei einer Freikirchen-Familie eine heftige Debatte auslöste. 

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Schlagzeile des «Blick».  bild: screenshot/watson

«Ich muss mich nicht rechtfertigen»

«Die Diskussion drehte sich gar nicht um das Wohl des Kindes – vielmehr wurde ein Feldzug gegen die Freikirchler geführt», sagt Daniel Bertolf, 45, Rettungssanitäter, und sinkt in das riesige Sofa, auf dem neben seiner Frau Joëlle, den drei leiblichen Kindern Silas, Dunja und Jeruscha auch die zwei Pflegekinder locker Platz finden würden. 

«Bewegung Plus»

Die evangelische Freikirche, der auch Familie Bertolf angehört, ist mit rund 5000 Mitgliedern in der deutschsprachigen Schweiz die zweitgrösste pfingstliche Freikirche der Schweiz. Ehemals «Gemeinde für Urchristentum» genannt, ist die «Bewegung Plus» eine charismatisch-fundamentalistische Gruppe, die im Jahr 1927 im Berner Oberland entstand. 

quelle: infosekta/wikipedia

Doch die fünf Kinder denken nicht daran, ruhig zu sitzen. Die neunjährige Dunja ist aufgeregt, weil sie eine verletzte Maus im Treppenhaus gefunden hat, die 16-jährige Jeruscha organisiert den Einkauf für den Zmittag, das einjährige Pflegekind turnt auf Joëlle Bertolfs Schoss herum und die Zweijährige düst durchs Wohnzimmer. «Laufen, nicht Rennen!» ruft Joëlle Bertolf. Der Tisch ist bereits gedeckt.

«Eigentlich muss ich mich ja nicht rechtfertigen», sagt die dreifache Mutter. Am Hals der 40-Jährigen baumelt ein goldenes Kreuz. «Und ich würde auch nie meinen Glauben verleugnen, nur um irgendjemanden zu überzeugen, dass wir gute Pflegeeltern sind.» Trotzdem hat sie diese Woche die Debatte verfolgt, zusammen mit der ältesten Tochter die Kommentare der Artikel gelesen und bewertet. Sie kennt alle Vorwürfe. «Geld war nie die Motivation, Pflegeplätze anzubieten», sagt sie.



«Wieso soll das alles schlecht sein für die Kinder?»

Die Bertolfs bieten die ganze Palette an Pflegeplätzen an: Tageweise, an Wochenenden, in den Ferien oder unter der Woche. Kontakt zu den leiblichen Eltern haben die Bertolfs nie, die Vermittlung läuft über die Behörden. «Diese wissen, dass wir in einer Freikirche sind, dass beten und Gottesdienste zu unserem Alltag gehören», sagt Daniel Bertolf. Alltag heisst: Während Daniel Bertolf unter der Woche arbeitet, kümmert sich Joëlle Bertolf um die Kinder, am Abend musiziert die Familie, vor dem Essen und Schlafengehen wird gebetet. Am Wochenende, auch wenn die Pflegekinder da sind, besuchen die Bertolfs den Gottesdienst.

«Wieso soll das alles schlecht sein für die Kinder?» fragt Daniel Bertolf. Die Freikirche biete Schutz und Zuflucht. Zuflucht, die er selbst gesucht habe, als er Mitte Zwanzig, ohne Freunde und Familie und tief in einer persönlichen Krise, mit einem Sprung vom Balkon fast sein Leben beendet hätte. Wäre da nicht in seinem Innern die Stimme Gottes aufgetaucht, die ihn runter vom Balkon, zurück in die Schule und dann, nachdem er Joëlle kennengelernt hatte, gemeinsam mit ihr zur Freikirche geführt habe.

«Klar werden die Kinder geprägt durch die Art und Weise, wie wir leben», sagt der 45-Jährige. «Die positiven Wege aufzeigen», heisst das bei den Bertolfs. Am Ende liege die Entscheidung, welcher Weg eingeschlagen werde, aber bei jedem einzelnen – von Homosexualität über Sex vor der Ehe bis zum täglichen Musizieren. «Wenn eines der Kinder nicht singen will, dann singt es halt nicht», sagt seine Frau. An den Ohrläppchen der 16-jährigen Jeruscha glitzern diamantene Kreuze. 

Behörden entscheiden, wie lange die Kinder bleiben

Die Bertolfs sagen, sie wollen den Kindern nicht ihren Glauben indoktrinieren, weder den eigenen noch den Pflegekindern. Sie wollen denen helfen, die es nötig haben. «Damit unterscheidet uns eigentlich nichts von anderen Pflegeeltern», sagt Joëlle Bertolf. Ausser, dass für die Bertolfs die Hilfsbereitschaft ihrem christlichen Glauben entspringt, ihrer gelebten Nächstenliebe. 

Dem Pflegetöchterchen ist es egal, woher die Hilfsbereitschaft kommt. Hauptsache sie ist da. Die Zweijährige trabt wieder vergnügt durch die Wohnung, der Kleine beginnt zu quengeln. «Laufen, nicht Rennen!» ruft Joëlle Bertolf, schickt sie spielen und legt den Jüngsten in ein kleines Kinderbettchen. Wie oft sie das noch macht, weiss sie nicht. Wenn die Behörden morgen entscheiden, dass die Geschwister keinen Familienpflegeplatz mehr brauchen, sind sie weg. 

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  • manhunt 20.10.2014 13:48
    Highlight Highlight es liegt wohl an der unausgewogenen und aufrührerischen berichterstattung des blicks, das solch belanglose diskussionen überhaupt geführt werden müssen. es ist ja hinreichend bekannt das der blick schubladisiert und alles in einen topf wirft. pflegekindern sollte ein stabiles umfeld geboten werden, wo sie grundlegende wertvorstellungen vermittelt bekommen. das können nichtreligiöse familien sicher nicht weniger gut, nur macht es den anschein, das es unter solchen nicht genug gibt die bereit wären pflegekinder aufzunehmen.
    auch ist es unbestritten, das einige freikirchen sehr brutale und rückständige erziehungsmethoden anwenden. das kommt aber auch bei konservativen katholiken vor. dies nun gleich allen freikirchlern zu unterstellen ist jedoch masslos übertrieben.
    • Tom Garret 21.10.2014 09:15
      Highlight Highlight Ich war echt schockiert ab diesem Bericht, da eine Hetze gegen andersdenkende gestartet wurde wie ich sie selten erlebt habe. Auch ich bin Christlich in einer Freikirche aufgewachsen und ich habe nichts auch nur annähernd so erlebt wie es geschildert wird. Natürlich gibt es sehr konservative Christen und auch solche die schlechte Dinge tun, aber eine solche Pauschalisierung hat mich schockiert.
      Ganz abgesehen davon, ist es wirklich so abscheulich an einen Gott zu glauben? Daran dass man nicht ein Zufallsprodukt ist? Man darf einfach nie jemand zu etwas zwingen, aber das gilt doch für alle!
  • MediaEye 20.10.2014 13:33
    Highlight Highlight Es ist schlicht nicht zu glauben, dass es in der heutigen, aufgeklärten Welt noch immer derart viele "Stündeler" gibt, auch und gerade vor allem in der Schweiz.
    Nein zu einer Indoktrination von unschuldigen, f r e m d e n Kindern, welche nur vorübergehend dort platziert wurden !!!!!
    Es genügt, wenn sie ihre eigenen Kinder mit solchen Märchen verderben!
    Und ja, sie merken es, ich bin ein Atheist, der sich nicht belügen lässt
    • Michael Mettler 20.10.2014 21:03
      Highlight Highlight Kein Glaube zu haben ist auch eine Haltung und ein Wert. Daher dürfte man Pflegekinder auch keinen Atheisten anvertrauen. Oder? PS: Apropos Atheist: Der Name beziehungsweise die Übersetzung sagt schon genug über das Denkvermögen: Oder was hat das Wort Gott in dem Wort Atheist zu suchen?
    • Tom Garret 21.10.2014 09:20
      Highlight Highlight Die Frage ist, was verdirbt mehr? Ich behaupte es liegt weniger am Inhalt als an der Art und weise. Ich kann genau so viele Argumente auftischen warum ein Atheist schlechte werte vertritt und wieso das den Kindern schadet. Es geht ja auch um die Sinnfrage und da glaube ich das ich reiner Zufall bin (also eigentlich Sinnlos) oder das ich von einem Gott geschaffen und gewollt bin. Das ist jetzt absichtlich überspitzt, aber ich finde die Argumentation von Atheisten oft sehr Feindselig. An keinen Gott zu glauben ist auch ein Glaube. Und die Evolutionstheorie heisst noch immer "Theorie"...
    • Lasagne 21.10.2014 13:19
      Highlight Highlight @Tom Garret
      Das Leben bt
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  • Hendrick Lichtenberg 20.10.2014 12:06
    Highlight Highlight Viele Familien von Freien Kirchen nehmen Pflegekinder auf. Vielleicht hat dies Engagement auch mit der Wertvorstellung zu tun.
    Das ist nichts wofür man sich schämen sollte.
  • Hendrick Lichtenberg 20.10.2014 12:02
    Highlight Highlight Eine Kirche die nicht zu den zwei Landeskirchen gehört ist noch lange kein Hexenwerk. Natürlich gibt es radikale Kirchen aber es gibt genug von den anderen und manche sind offener als die katholische Kirche.
    Auch das Thema bezüglich Homosexualität befremdet. Homosexualität ist in vielen Freien Kirchen gar kein Thema -im Gegenzug zur katholischen Kirche. Wenn man der Argumentation vom Blick folgen würde, dann dürfte man auch keine Pflegekinder an aktive Katholiken geben.

    Die GFU kannte ich gut und empfand diese nie als radikal sonder als sehr offen.

    • rkeller 20.10.2014 13:30
      Highlight Highlight Es ist bekannt, dass Freikirchen übel indoktirinieren, schon bei Jugendlichen und tlw. Kleinkindern.

      Systematische werden "Aspiranten" von anderen Personen abgeschottet (tlw auch von der eigenen Familie).
      Zudem wird immer mit Lügenpropaganda gearbeitet. Und Homosexualität wird als des Teufels betrachtet.

      Sie geben ein gutes Beispiel eines Vertreters einer Freikirche, und was sie vertritt (Gehirnwäsche, Bigotterie, etc.) und was sie nicht vertritt (Toleranz und Menschlichkeit) ab.
    • Hendrick Lichtenberg 20.10.2014 16:06
      Highlight Highlight Ich bin weder bei einer Freikirche noch bei einer der beiden Landeskirchen.

      Natürlich gibt es Kirchen bei denen systematisch abgeschottet wurde oder bei denen eine Gehirnwäsche vollzogen wird. Was anderes wurde nie behauptet. Falsch ist aber dass man dieses Verhalten mit einer Freikirche gleichsetzten kann. In vielen Ländern ist die Freikirche das normlaste auf der Welt. Wichtig ist nur was gepredigt wird.
      Was mich an Ihnen auch verwirrt ist die Aussage dass Menschen die eine andere Kirche als die Landeskirche besuchen nicht Tolerant sind. Ihre Toleranz haben sie gut versteckt.
    • Tom Garret 21.10.2014 09:23
      Highlight Highlight Herr Keller, ich war früher in Dutzenden Freikirchen (was bei ihnen offenbar nicht der Fall war, oder sie waren in anderen) und ich kann nichts von dem was sie schreiben bestätigen. "Es ist bekannt" schreiben sie, offenbar wenn man den Blick liest. Und ja, es gibt sicherlich solche schlimmen Freikirchen, genau so wie es andere schlechte Vereine, Organisationen und Clubs gibt, aber etwas einfach generell auf eine so grosse Vielfalt zu brechen ist einfach falsch. Dann sollten wir auch keine Kinder an SVP Mitglieder geben da alle Rechtsextrem sind...
  • Lezzelentius 20.10.2014 11:44
    Highlight Highlight Wie die ganze Diskussion wohl aussähe, wenn es sich um eine muslimische Familie handeln würde?

    Das gilt übrigens als Argument zu werten, gegen diese religiöse Prägung bei einer Pflegefamilie.
  • L Gandi 20.10.2014 11:24
    Highlight Highlight "Bertolfs sieht man nicht an, dass sie Freikirchler sind." Was wurde denn erwartet? Das die Frauen Häubchen tragen und die Männer einen Hut aus Stroh? Beim Thema Religion, insbesondere Freikirchen werden leider zu oft Stereotypen beigezogen. Hoffentlich macht Watson beim undifferenzierten Bashing religiöser Menschen nicht mit. Es ist an der Zeit, das Bild DER Freikirche zu begraben. Dafür ist die evangelische Kirchenlandschaft zu heterogen.
  • Manuel Brun 20.10.2014 10:27
    Highlight Highlight Da wird doch alles etwas übertrieben. Die christliche Werte, welche vorgelebt werden sind doch alles andere als schlecht. Den Kindern wird beigebracht, dass sie wertvoll und einzigartig sind, dass sie geliebt sind von Gott, dass Vergebung und Nächstenliebe wichtig ist, usw. Die Christen, die ich kenne sind deutlich selbstbewusster und gehen leichter durchs Leben; eigentlich beneidenswert
    • Daniel Caduff 20.10.2014 10:55
      Highlight Highlight Kindern beibringen, dass es einen Gott geben soll, finden Sie nicht problematisch? Das kann ja wohl kaum Ihr Ernst sein.
    • goschi 20.10.2014 11:12
      Highlight Highlight Vor allem muss man keiner Religion angehören oder Gottesgläubig sein um moralische Masstäbe anwenden zu können, im Gegenteil fördert der Glaube an vorgegebene Regeln doch eher das Denken in alten Bahnen, die zuweilen auch sehr verachtenswerte Denkmuster einbinden.
    • goschi 20.10.2014 14:24
      Highlight Highlight Die Pascalsche Wette verliert man damit.
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