Fischer und Impfverträge: Das Corona-Gespenst ist zurück
Es war kein Scherz, sondern eine grosse Erleichterung: Am 1. April 2022 beendete der Bundesrat die «besondere Lage» in der Corona-Pandemie. Alle Schutzmassnahmen wurden aufgehoben, nach zwei Jahren erfolgte die Rückkehr ins normale Leben. Danach wollten viele die Corona-Zeit nur noch verdrängen.
Während vier Jahren ging dies einigermassen gut, doch nun kehrt das Corona-Gespenst zurück, und das doppelt. Das gefälschte Covid-Zertifikat, das die erfolgreiche Karriere von Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer abrupt beendete, sorgt für Aufruhr. Und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlichte die Verträge mit zwei Impfstoffherstellern.
Dies geschah nicht freiwillig, sondern aufgrund eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts. Die Publikation wirft ein Schlaglicht auf die in der Schweiz kaum erfolgte Aufarbeitung der Pandemie. Man liess es beim dreifachen Ja des Stimmvolks zum Covid-19-Gesetz bewenden. Die jüngsten Ereignisse aber zeigen, dass nach wie vor einiges ungeklärt ist.
Fall Fischer
Letzte Woche enthüllte SRF, dass Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer mit einem auf Telegram erworbenen gefälschten Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele 2022 in Peking gereist war. Zuvor hatte er erklärt, sich entgegen seinen Überzeugungen impfen zu lassen. Weil er zudem eine Vorstrafe von 2019 verschwiegen hatte, wurde er entlassen.
Ausgestanden ist der Skandal damit nicht, denn Fischer hat grosse Erfolge gefeiert. Dreimal führte er die Hockey-Nati in einen WM-Final. Captain Roman Josi – der wohl beste Spieler, den die Schweiz je hatte – forderte in einem Brief an den Eishockeyverband Fischers Rückkehr. Es geht auch um die Heim-WM im Mai, nach der Fischer ohnehin aufhören wollte.
Der sportliche Aspekt ist jedoch nur eine Seite dieser Medaille. In den sozialen Medien meldeten sich Impfverweigerer und Massnahmengegner lautstark zu Wort. Sie bezeichneten Fischers Zertifikatsschwindel als «Heldentat» und die Absetzung als «Hexenjagd». Dies zeigt, dass ein Teil der Szene nie aus dem Corona-Modus herausgefunden hat.
Dabei war das Fake-Zertifikat kein Kavaliersdelikt. Damals herrschte in China eine knallharte Zero-Covid-Politik. Sie wurde noch weitergeführt, als der Rest der Welt längst zur Normalität zurückgekehrt war. Ob bei einem Auffliegen des Betrugs gleich die Olympia-Mission 2022 gefährdet gewesen wäre, wie Steffi Buchli im SRF-«Club» behauptete, ist zweifelhaft.
Sicherlich aber wäre Patrick Fischer ruckzuck nach Hause geschickt worden. Seinen Job hätte er wohl schon damals verloren. Und spätestens mit dem Strafbefehl – wie ihm die Justiz auf die Schliche kam, ist eine ungeklärte Frage – hätte er reinen Tisch machen können. Er tat es nicht, und deshalb ist er an seiner Absetzung letztlich selbst schuld.
Impfverträge
Die Pandemie war für die ganze Welt ein Ausnahmezustand. Zu Beginn fehlte es an allem. Mit den Impfstoffen, die von mehreren Firmen entwickelt wurden, war endlich ein Ausweg in Sicht. Der Bund reagierte und bestellte gleich 61 Millionen Impfdosen. Allein für die 31 Millionen des Herstellers Moderna bezahlte er fast eine Milliarde US-Dollar.
Die Verträge aber blieben geheim. Das Aktionsbündnis freie Schweiz (ABF Schweiz), das aus Impf- und Massnahmenskeptikern hervorgegangen ist, hat dagegen geklagt. Deshalb hat das BAG nun die Verträge mit Novavax und Moderna ungeschwärzt veröffentlicht. An einer Medienkonferenz am Dienstag übte das Bündnis heftige Kritik am Bund.
Es handle sich um «katastrophal verhandelte Verträge», meinte der Anwalt und Solothurner SVP-Nationalrat Rémy Wyssmann, der die Offenlegung erkämpft hatte. Ein Dorn im Auge ist dem Bündnis, dass die Hersteller alle Haftungsrisiken auf den Staat abwälzen konnten. Auch stelle sich die Frage, ob die Schweiz zu viel Geld für zu viele Impfdosen bezahlt habe.
Was ist davon zu halten? Gerade der letztere Punkt hat einen starken Beigeschmack von «im Nachhinein ist man immer schlauer». Deshalb zur Erinnerung: Die Pandemie war ein Zustand, den die Welt seit 100 Jahren nicht erlebt hatte. Alle waren damit überfordert. Und als die Impfstoffe auftauchten, setzte ein Run auf die anfangs geringe Menge ein.
Für das BAG galt die Devise, die Schweiz so gut wie möglich zu versorgen. Also kaufte man lieber zu viel als zu wenig. «Spätestens beim Zeitpunkt der Beschaffung war die Annahme einer lebensbedrohlichen Pandemie für die gesamte Bevölkerung falsch», behauptet das ABF Schweiz. Das ist spitzfindig und ignoriert, dass das Virus ständig mutierte.
Selbst Epidemiologen und Virologen taten sich schwer damit, die jeweilige Lage richtig einzuschätzen. Und dass die Hersteller keine Haftung für Schäden oder Unwirksamkeit übernehmen wollten, ist zumindest teilweise nachvollziehbar. Auch sie bewegten sich auf unbekanntem Terrain. Das heisst nicht, dass der Bund damals keine Fehler gemacht hat.
Man darf ihm aber attestieren, dass er nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. Die Besserwisserei sagt deshalb mehr über das Bündnis aus als über die offizielle Schweiz. Es ist wie die Reaktionen der «Schwurbler» auf die Causa Patrick Fischer ein Beleg dafür, dass manche den damaligen Ernst der Lage bis heute nicht wahrhaben wollen.
In einem Punkt aber liegt das Bündnis richtig: Es braucht eine «öffentlichkeitswirksame, politische Aufarbeitung» in Form einer nachträglichen parlamentarischen Prüfung und Kontrolle. Sie dürfte bestätigen, dass der Bund nicht alles, aber vieles richtig gemacht hat. Und sie könnte dazu beitragen, das Corona-Gespenst zu verscheuchen.
