Schweiz
Analyse

Fall Fischer und Impfverträge: Das Corona-Gespenst ist zurück

Bild
Analyse

Fischer und Impfverträge: Das Corona-Gespenst ist zurück

Die Pandemie ist für viele nur noch eine üble Erinnerung. Das Fake-Zertifikat von Patrick Fischer und die Veröffentlichung von Impfstoffverträgen lassen sie wieder «aufleben».
22.04.2026, 17:3422.04.2026, 17:34

Es war kein Scherz, sondern eine grosse Erleichterung: Am 1. April 2022 beendete der Bundesrat die «besondere Lage» in der Corona-Pandemie. Alle Schutzmassnahmen wurden aufgehoben, nach zwei Jahren erfolgte die Rückkehr ins normale Leben. Danach wollten viele die Corona-Zeit nur noch verdrängen.

Während vier Jahren ging dies einigermassen gut, doch nun kehrt das Corona-Gespenst zurück, und das doppelt. Das gefälschte Covid-Zertifikat, das die erfolgreiche Karriere von Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer abrupt beendete, sorgt für Aufruhr. Und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlichte die Verträge mit zwei Impfstoffherstellern.

Patrick Fischer, head coach of Switzerland national ice hockey team, looks the game, during the men's ice hockey qualification play-off game between the Czech Republic and Switzerland at the Nati ...
Patrick Fischer am Olympia-Turnier 2022: Die Einreise erschwindelte er sich mit einem Fake-Zertifikat.Bild: keystone

Dies geschah nicht freiwillig, sondern aufgrund eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts. Die Publikation wirft ein Schlaglicht auf die in der Schweiz kaum erfolgte Aufarbeitung der Pandemie. Man liess es beim dreifachen Ja des Stimmvolks zum Covid-19-Gesetz bewenden. Die jüngsten Ereignisse aber zeigen, dass nach wie vor einiges ungeklärt ist.

Fall Fischer

Letzte Woche enthüllte SRF, dass Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer mit einem auf Telegram erworbenen gefälschten Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele 2022 in Peking gereist war. Zuvor hatte er erklärt, sich entgegen seinen Überzeugungen impfen zu lassen. Weil er zudem eine Vorstrafe von 2019 verschwiegen hatte, wurde er entlassen.

Ausgestanden ist der Skandal damit nicht, denn Fischer hat grosse Erfolge gefeiert. Dreimal führte er die Hockey-Nati in einen WM-Final. Captain Roman Josi – der wohl beste Spieler, den die Schweiz je hatte – forderte in einem Brief an den Eishockeyverband Fischers Rückkehr. Es geht auch um die Heim-WM im Mai, nach der Fischer ohnehin aufhören wollte.

Der sportliche Aspekt ist jedoch nur eine Seite dieser Medaille. In den sozialen Medien meldeten sich Impfverweigerer und Massnahmengegner lautstark zu Wort. Sie bezeichneten Fischers Zertifikatsschwindel als «Heldentat» und die Absetzung als «Hexenjagd». Dies zeigt, dass ein Teil der Szene nie aus dem Corona-Modus herausgefunden hat.

Dabei war das Fake-Zertifikat kein Kavaliersdelikt. Damals herrschte in China eine knallharte Zero-Covid-Politik. Sie wurde noch weitergeführt, als der Rest der Welt längst zur Normalität zurückgekehrt war. Ob bei einem Auffliegen des Betrugs gleich die Olympia-Mission 2022 gefährdet gewesen wäre, wie Steffi Buchli im SRF-«Club» behauptete, ist zweifelhaft.

Sicherlich aber wäre Patrick Fischer ruckzuck nach Hause geschickt worden. Seinen Job hätte er wohl schon damals verloren. Und spätestens mit dem Strafbefehl – wie ihm die Justiz auf die Schliche kam, ist eine ungeklärte Frage – hätte er reinen Tisch machen können. Er tat es nicht, und deshalb ist er an seiner Absetzung letztlich selbst schuld.

Impfverträge

Die Pandemie war für die ganze Welt ein Ausnahmezustand. Zu Beginn fehlte es an allem. Mit den Impfstoffen, die von mehreren Firmen entwickelt wurden, war endlich ein Ausweg in Sicht. Der Bund reagierte und bestellte gleich 61 Millionen Impfdosen. Allein für die 31 Millionen des Herstellers Moderna bezahlte er fast eine Milliarde US-Dollar.

Die Verträge aber blieben geheim. Das Aktionsbündnis freie Schweiz (ABF Schweiz), das aus Impf- und Massnahmenskeptikern hervorgegangen ist, hat dagegen geklagt. Deshalb hat das BAG nun die Verträge mit Novavax und Moderna ungeschwärzt veröffentlicht. An einer Medienkonferenz am Dienstag übte das Bündnis heftige Kritik am Bund.

Es handle sich um «katastrophal verhandelte Verträge», meinte der Anwalt und Solothurner SVP-Nationalrat Rémy Wyssmann, der die Offenlegung erkämpft hatte. Ein Dorn im Auge ist dem Bündnis, dass die Hersteller alle Haftungsrisiken auf den Staat abwälzen konnten. Auch stelle sich die Frage, ob die Schweiz zu viel Geld für zu viele Impfdosen bezahlt habe.

Was ist davon zu halten? Gerade der letztere Punkt hat einen starken Beigeschmack von «im Nachhinein ist man immer schlauer». Deshalb zur Erinnerung: Die Pandemie war ein Zustand, den die Welt seit 100 Jahren nicht erlebt hatte. Alle waren damit überfordert. Und als die Impfstoffe auftauchten, setzte ein Run auf die anfangs geringe Menge ein.

Für das BAG galt die Devise, die Schweiz so gut wie möglich zu versorgen. Also kaufte man lieber zu viel als zu wenig. «Spätestens beim Zeitpunkt der Beschaffung war die Annahme einer lebensbedrohlichen Pandemie für die gesamte Bevölkerung falsch», behauptet das ABF Schweiz. Das ist spitzfindig und ignoriert, dass das Virus ständig mutierte.

Selbst Epidemiologen und Virologen taten sich schwer damit, die jeweilige Lage richtig einzuschätzen. Und dass die Hersteller keine Haftung für Schäden oder Unwirksamkeit übernehmen wollten, ist zumindest teilweise nachvollziehbar. Auch sie bewegten sich auf unbekanntem Terrain. Das heisst nicht, dass der Bund damals keine Fehler gemacht hat.

Bundesrat Alain Berset, rechts, spricht neben Anne Levy, Direktorin Bundesamt fuer Gesundheit BAG, bei einem Besuch im Contact Tracing Zentrum beim Amt fuer Gesundheit, waehrend einem Besuch im Kanton ...
Gesundheitsminister Alain Berset und BAG-Chefin Anne Lévy (l.) waren extrem gefordert.Bild: keystone

Man darf ihm aber attestieren, dass er nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat. Die Besserwisserei sagt deshalb mehr über das Bündnis aus als über die offizielle Schweiz. Es ist wie die Reaktionen der «Schwurbler» auf die Causa Patrick Fischer ein Beleg dafür, dass manche den damaligen Ernst der Lage bis heute nicht wahrhaben wollen.

In einem Punkt aber liegt das Bündnis richtig: Es braucht eine «öffentlichkeitswirksame, politische Aufarbeitung» in Form einer nachträglichen parlamentarischen Prüfung und Kontrolle. Sie dürfte bestätigen, dass der Bund nicht alles, aber vieles richtig gemacht hat. Und sie könnte dazu beitragen, das Corona-Gespenst zu verscheuchen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Corona-Illustrationen von Schweizer Pressezeichnern
1 / 14
Corona-Illustrationen von Schweizer Pressezeichnern
quelle: instagram: @von_corona_gezeichnet / instagram: @von_corona_gezeichnet
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Bundesrat Alain Berset zum Corona-Optimismus am 30. März 2022
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
99 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Violett
22.04.2026 17:55registriert Juni 2020
Ursache und Wirkung. Er ist nicht als Private Person gereist, sondern als ein Offizielles Mitglied eines National Teams.
13221
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pafeld
22.04.2026 17:54registriert August 2014
«Und dass die Hersteller keine Haftung für Schäden oder Unwirksamkeit übernehmen wollten, ist zumindest teilweise nachvollziehbar.»

Das ist nicht teilweise nachvollziehbar, sondern Standard. Unerwünschte Nebenwirkungen oder Unwirksamkeit ist keine Frage des Einkaufs, sondern der Zulassung. Denn mit der Zulassung geht auch ein nicht gerade kleiner Teil der Haftung vom Hersteller auf den Bund über. Wäre ja noch schöner, wenn der Staat sich über den Kaufvertrag einfach wieder aus der Verantwortung ziehen könnte.
9016
Melden
Zum Kommentar
avatar
Chnebeler
22.04.2026 18:08registriert Dezember 2016
Gute und sachliche Einordnung mit einer Ausnahme.
Solange eine allfällige Untersuchung und Aufarbeitung nicht alle VTs der Massnahmenkritikern bestätigt wird diese egal wie korrekt, sauber und ausführlich diese ist niemals akzeptiert werden.

Das Ablehnen des Staats ist mittlerweile so tief verankert, dass man lieber auf den Journalisten oder Prüfer schiessen würde als sich offen mit der Sache auseinanderzusetzten.
8923
Melden
Zum Kommentar
99
«Mon Amour»: Hecht lässt Ballermann-Version entfernen
Die Ballermann-Saison auf Mallorca ist eröffnet. Bereits jetzt zeichnet sich ein neuer Sommerhit ab. Vielen Schweizerinnen und Schweizern dürfte er bekannt vorkommen. Doch die Urheber dahinter haben nun reagiert.
Ballermann – das ist Party, Alkohol und Schlager. In den vergangenen Tagen feiert die berüchtigte Partymeile auf Mallorca ihre Saisoneröffnung – und bereits jetzt scheint es einen neuen Sommerhit 2026 zu geben. Zumindest, wenn es nach Social Media geht.
Zur Story