Schweiz
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Zufälle und Willkür machten den 1. August zum Bundesfeiertag

Der 1. August – das unumstrittene Datum für den Bundesfeiertag? Das Gegenteil ist der Fall. Insgesamt vier Daten standen zur Auswahl – am Ende entschieden dann die feierlustigen Berner.

petar marjanovic

Die Schweiz feiert sich am 1. August selber. Doch: Was war eigentlich am 1. August? Welches war der historische Moment, der uns heute noch den Bundesfeiertag beschert?

Die landläufige Meinung lautet: Es war die Unterzeichnung des Bundesbriefes von 1291. In diesem soll die Gründung der Schweiz beschlossen worden sein. Am 1. August 1291 sollen sich die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwald zum «ewigen Bund» zusammengeschlossen haben. Wilhelm Tell soll dabei die Schweiz zur Freiheit und Unabhängigkeit geführt haben. 

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt jedoch, dass bei der Datumswahl Zufall und Willkür eine grosse Rolle gespielt haben. Die Geschichte der Gründung der Schweiz dient zwar gut als Mythos und als Drama – nur hat sie wenig mit den Fakten zur Gründung der Schweiz zu tun.

Zwei Bundesbriefe – und dazwischen Wilhelm Tell

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Bundesbrief 1291. bild: wikipedia/pd

Den Bundesbrief 1291 hat es tatsächlich gegeben. Er wurde in lateinischer Sprache verfasst und besiegelte ein Bündnis zwischen den Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden. Datiert wird der Bundesbrief auf «Anfang August». Bis weit ins 19. Jahrhundert hatte der Bundesbrief historisch gesehen keine grosse Bedeutung.

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Auf dem Tell-Denkmal ist heute noch das Jahr 1307 für den Rütlischwur eingraviert. Bild: Wikipedia/pd

Wilhelm Tell hingegen kam erst später ins Spiel: Er soll erst um das Jahr 1307 seinen Kampf für die Unabhängigkeit und Freiheit der Urkantone ausgefochten haben. Der Glarner Historiker Aegidius Tschudi († 1572) zumindest datiert den Rütlischwur auf den Abend des 8. Novembers 1307. Heutige Historiker meinen jedoch, dass es Tell gar nicht gab.

Der Bundesbrief von 1315, ebenfalls ein Bündnisvertrag zwischen den Urkantonen, hat historisch gesehen eine grössere Bedeutung als der Bundesbrief von 1291: Er war der erste Bündnisvertrag in deutscher Sprache und beinhaltete erstmals schriftlich den Begriff «Eitgenoze».

Die Stadt Bern wollte 1891 nicht alleine feiern

Der Stadt Bern feiert 1891 ihr 700-jähriges Bestehen.

Die Stadt Bern feiert ihr 700-jähriges Bestehen 1891. Bild: Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920

Zum Mythos «1. August» beigetragen hat ein weiteres Ereignis, das aber erst viel später stattfand: 1891 wollte die Stadt Bern ihr 700-jähriges Bestehen feiern. Damit die Feier auch gross wird, wollte sie in diesem Jahr auch die Schweiz feiern – in Anlehnung an das mögliche Gründungsjahr 1291.

Da in diesem Jahr auch das eidgenössische Sängerfest in Bern stattfinden sollte, setzte sich der Berner Bundesrat Karl Scheck in der Landesregierung dafür ein, dass sich die Schweiz 1891 zu ihrem 600-jährigen Bestehen feiere.

Dem Bundesrat gefiel die Idee: Er schickte 1889 eine Botschaft ins Parlament mit der Forderung, am 1. August 1891 eine Bundesfeier abzuhalten. Für den Bundesrat war klar, dass die Schweiz an diesem Tag gegründet wurde. Als Begründung, weshalb man in den letzten Jahrhunderten nie am 1. August gefeiert habe, seien «widrige Zeitverhältnisse» gewesen.

«So oft der säkulare Tag in den Jahrhunderten wiederkehrte, waren widrige Zeitverhältnisse da, welche eine solche gemeinsame Feier unmöglich machten.»

Bundesrat in seiner Botschaft 1889 zur Bundesfeier

Näher an der geschichtlichen Wahrheit äusserte sich damals der Ständerat. Er sei sich der Problematik der unterschiedlichen Daten und Jahreszahlen voll bewusst, hiess es damals. Während das Jahr 1891 und damit die Feier näher kam, stritt man sich über den Austragungsort. Nach langem Ringen beschlossen National- und Ständerat, die Feier in Schwyz abzuhalten, da Bern sonst mit den anderen Feiern zur «prunkenden Feststadt» verkommen könnte.

Berner wollen 1899 wieder nicht alleine feiern

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Die erste Bundesfeier 1891 in Schwyz. bild: historischer verein kanton schwyz

Die Feier am 1. August 1891 war als einmaliges Fest geplant. Der Bundesrat lobte sie in den höchsten Tönen: Überall, wo Schweizer wohnten, habe der Anlass einen «tiefgehenden patriotischen Widerhall» gefunden. Auch die ausländische Presse lobte die Kundgebungen des Schweizertums.

1899 waren es wieder die Berner, die den Mythos um den «1. August 1291» belebten: Sie verschoben ihre Feierlichkeiten zum kantonalen Verfassungstag vom 31. Juli kurzerhand auf den 1. August und regten den Bunderat an, wieder eine Bundesfeier abzuhalten. 

Die Landesregierung willigte ein und verordnete am 1. August in der ganzen Schweiz Glockengeläut und Höhenfeuer. Dies besiegelte die Feierlichkeiten zum 1. August: Ab 1899 gab es an diesem Tag jährlich Feierlichkeiten zur Gründung der Eidgenossenschaft.



Weltkriege: Mythos 1291 wird politisch ausgenutzt

Rütlirapport vom 25. Juli 1940

Beim «Rütlirapport» 1940 versammelten sich alle höheren Offiziere auf der Rütliwiese, um die Achsenmächte Deutschland/Italien abzuschrecken. bild: Schweizerische Gesellschaft für Kulturgüterschutz

Mit dem Ausbruch des 1. und 2. Weltkrieges wurde die Bundesfeier immer mehr zur politischen Veranstaltung, an der insbesondere Bundespräsidenten jeweils zur Bevölkerung sprachen. Im 2. Weltkrieg wurde schliesslich der Mythos um das Gründungsjahr 1291 verstärkt verbreitet, um als «geistige Landesverteidigung» dem Erstarken faschistischer Kräfte entgegenzusteuern. 

Man stützte sich dabei auf ein Werk des Historikers Carl Meyer. Darin «bereinigte» dieser die Grundüngsgeschichte der Schweiz: Er verlegte den Rütlischwur kurzerhand auf das Jahr 1291 und gab dem Bundesbrief von 1291 ein grösseres Gewicht als demjenigen von 1315.

Diese Vereinfachung dieses Gründungsmythos half dem Bundesrat und de Schweiz, eine neue Identität für das Land zu schaffen – ganz unter dem Motto: Die Eidgenossen haben ihren eigenen Weg gewählt, unabhängig von den umliegenden Ländern. Ihr Weg ist der von Wilhelm Tell: Ein Kampf gegen die «fremden Richter».

1993 wird der 1. August arbeitsfrei

Einreichung der 1.-August-Initiative der Schweizer Demokraten in Bern, aufgenommen im Oktober 1990. (KEYSTONE/Str)          ===  ===

Die Schweizer Demokraten bei der Einreichung der Initiative. Bild: KEYSTONE

In der Nachkriegszeit und im Kalten Krieg, zuletzt bei der EWR-Abstimmung 1992, wurde der «Rütligeist» weitergelebt. Als gesetzlicher Feiertag bestand der 1. August er aber noch nicht: Nur wenige Kantone, darunter Zürich, Schaffhausen Thurgau, Tessin und Genf definierten den Tag als arbeitsfrei.

Dies änderte sich 1993, als die Initiative «für einen arbeitsfreien Bundesfeiertag» angenommen wurde. Die Volksinitiative, die von den Schweizer Demokraten (SD) lanciert wurde, wurde von einer grossen Mehrheit der Parteien sowie vom Volk 83,8 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Lediglich die Liberalen wehrten sich gegen die Initiative, sie sahen in der 1.-August-Initiative einen starken Eingriff in den Föderalismus.

Wie wärs mit einem vierten Gründungsdatum?

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Erinnerungsblatt an das Inkrafttreten der ersten Bundesverfassung am 12. September 1848. bild: wikipedia/pd

Fassen wir zusammen: Das Gründungsdatum der Schweiz ist unklar. Als mögliche Gründungsjahre gelten 1291, 1307 und 1315. Dank den Bernern feiern wir nun den 1. August 1291. 

Insbesondere linke Kreise und Kulturschaffende fordern seit Jahren die Einführung eines «neuen Bundesfeiertages». Als Alternativdatum wollen sie den 12. September feiern – den Tag, an dem 1848 die erste Bundesverfassung in Kraft trat. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gäry 03.08.2014 00:53
    Highlight Highlight Apfelschuss am 1.8.1291 oder nicht, ich finde den tag gut. Stellt euch vor, wir hätten im september nationalfeiertag... Der cervelat kommt dann nicht vom grill sondern aus der pfanne znd das feuerwerk muss man sich fast durchs fenster anschauen. Auch wenn wir nicht die heissesten sommernächte haben, bin ich froh dass der tag im august ist.
    Übrigens die geschichte die einjeder kennt ist von friedrich schiller... Einem deutschen ;-)
    • Der Kritiker 01.08.2015 19:53
      Highlight Highlight einem deutschen!!! man stelle sich das einmal vor.... und unsere "superschweizer" berufen sich dann auch noch darauf... und die wahren eidgenossen glauben"s denen noch
  • blablablahoi 02.08.2014 21:54
    Highlight Highlight
    Endlich! Schön, dass endlich einmal davon gesprochen resp. geschrieben wird, wie es eigentlich zu unserem so genannten Bundesfeiertag kam und dass Tell, den Apfelschuss, den Rütlischwur ins Reich der Legenden zu verweisen ist. Als Historiker und Literaturwissenschaftler bedauere ich den Mythenglauben der Schweizer_innen und dessen Auswirkungen bis hin zu Hirngespinsten wie dem EU-Vogt und der neuerlichen Verbündung gegen aussen. Danke für diesen entgegentretenden, aufklärerischen Artikel! Lassen wir die Mythen hinter uns und werden eine offene und moderne Schweiz.
    • Der Kritiker 01.08.2015 19:57
      Highlight Highlight gewisse mythen und geschichten gehören zur identität eines landes, einer nation, eines volkes. die frage ist nur, wie sehr man diese mythen "missbraucht". die äussere rechte hat's ziemlich übertrieben in den letzten jahren. nur wie war das möglich? fehlende nationalidentität unseres volkes? fehlendes nationalselbstbewusstsein?
  • Kian 01.08.2014 22:34
    Highlight Highlight Es ist letztlich wichtiger, dass man sich auf einen Tag einigt und ihn gemeinsam feiert. Die Juso fänden den 12. September 1848 besser? So toll war die erste Bundesverfassung auch nicht: Kein Frauenstimmrecht, Majorzwahl, Diskriminierung gegen Juden.

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