Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Giulia Mettauer-Coronet im Alter von 25 Jahren in Triest. bild: stadtmuseum aarau

Weltkriegs-Flüchtling in der Schweiz: «Wir mussten uns komplett ausziehen»

1947 reiste die junge Giulia Mettauer-Coronet in die Schweiz und landete als Dienstmädchen – per Zufall – in Aarau.

Katja Schlegel / az Aargauer Zeitung



Da standen sie, die drei Mädchen. Die Augen gerötet vom Weinen, in der Hand den Kartonkoffer, um die Schultern die Jacke, die die Mutter aus einer gefärbten Militärdecke der Deutschen geschneidert hatte. Da waren sie also, in der neuen Heimat. Weit weg von daheim, weit weg von der Familie. Da. In Aarau. Der Zufall hatte es so gewollt.

«Wir mussten uns komplett ausziehen und wurden geduscht, die Koffer wurden mitsamt Inhalt desinfiziert.»

Giulia Mettauer-Coronet über ihre Reise in die Schweiz

Giulia Mettauer-Coronet spricht noch heute ungern über diese Reise, auch knapp 70 Jahre danach. Über Venedig, wo die Aufrufe aus den Lautsprecher schepperten – «Dienstmädchen gesucht» –, über das Büro, vor dem sich Giulia, damals 19-jährig, mit Schwester Irma und zwei Cousinen in die Schlange stellte. Über die Liste, in die sie eingetragen wurde, die Schwester wurde Zürich zugeteilt, Giulia und die beiden Cousinen Aarau. Dann die Zugfahrt, am 24. Mai 1947, das Datum wird sie nie mehr vergessen. Die Fahrt, der Albtraum in Chiasso, an der Grenze. «Wir mussten uns komplett ausziehen und wurden geduscht, die Koffer wurden mitsamt Inhalt desinfiziert. Die Schweizer hatten Angst, wir würden Krankheiten einschleppen.» Und dann die Fahrt durch die Alpen, diese Berge, einer nach dem andern, nichts als Berge. «Wir haben aus dem Fenster geschaut und nur noch geweint», sagt Giulia Mettauer und lächelt. Heute geht das, das mit dem Lächeln.

Ein Wörterbuch zur Begrüssung

Was hätten sie denn sonst anderes tun sollen? «Der Krieg war vorbei und in Italien gab es nichts mehr. Wir mussten fort.» Die Fabriken waren zerbombt, ihr Heimatdorf in der Provinz Belluno hatten die Deutschen auf ihrem Rückzug geplündert und zerstört, die Rösser und Kühe auf den Feldern geschlachtet. Den jungen Frauen riet man, nach Venedig zu gehen. «Da würden Dienstmädchen für die Schweiz gesucht, sagte man uns. Also gingen wir hin.»

Bild

Giulia Mettauer-Coronets Ausstellungsstück: Ihr Koffer. bild: jonas jaeggy/stadtmuseum aarau

Am Bahnhof Aarau wurden die drei Cousinen von Frau Vegezzi empfangen. Jede bekam ein Heftchen mit den wichtigsten Worten in die Hand gedrückt. Pane – Brot. Grazie – Danke. Dazu Schweizer Rezepte, für Birchermüesli, Sauerkraut und Rüeblitorte. Giulia Mettauer ruft ein gedehntes «Mamma Mia» und schlackert mit den Händen. «Wir kannten nur Polenta und Spaghetti und mussten plötzlich eine Cervelat bräteln, das war schon alles sehr ungewohnt für uns.»

Frau Vegezzi war es auch, die den italienischen Frauen jede Woche eine Stunde lang Deutsch beibrachte. «Damals, 1947, gab es nur gerade zehn Italienerinnen in Aarau», erinnert sich Giulia Mettauer. Die grosse Einwanderungswelle mit Hilfsarbeitern aus Italien würde erst Mitte der 50er Jahre ankommen. Anfeindungen oder Gehässiges habe sie nicht erlebt, sagt sie. «Die Leute waren immer anständig mit mir. Aber wir haben auch immer gespurt und zu allem Ja gesagt.»

Eine Wurst für vier Mäuler

Die drei Cousinen wurden auf drei Familien verteilt. Eine kam in einen Haushalt am Schlossplatz, eine an die Laurenzentorgasse, und Giulia Mettauer kam zu einer Familie im Zelgli. Dem Doktor war gerade die Frau gestorben, Giulia musste sich nebst Küche, Waschküche und Garten auch um die beiden schulpflichtigen Mädchen kümmern. Das alles für 70 Franken Monatslohn, wohnen konnte sie in der Mansarde unter dem Dach. Von ihrem ersten Ersparten kaufte sie sich einen neuen Koffer. Einen richtigen, keinen aus Karton, für 75 Franken. «Ein riesiger Koffer, damit viele Geschenke Platz hatten.» Sogar ein ganzes Service Teller habe sie darin ihrer Mutter nach Italien gebracht. Später investierte sie einen ganzen Monatslohn in einen dunkelroten Regenmantel.

Spannende Aarauer ohne Marmorsockel

In der Dauerausstellung «100×Aarau» im Stadtmuseum Aarau werden 100 Aarauer porträtiert. Viele kennt in Aarau jedes Kind – die meisten Namen und Geschichten aber sind nur wenigen Besuchern ein Begriff. Es sind die Aarauer ohne Gedenktafel oder Marmorbüste. Acht spannenden Lebensgeschichten widmet die «Aargauer Zeitung» in Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsteam um Kuratorin Dominique Frey eine Serie.

Nach einem Jahr wechselte Giulia Mettauer zu einer anderen wohlhabenden Aarauer Familie. Auch da verdiente sie nicht viel mehr, auch da wurde sparsam gehaushaltet. Die Herrschaften seien sehr bescheiden gewesen, erinnert sie sich. «Eine Bratwurst musste für vier Mäuler reichen.» Das hat sie nachhaltig geprägt, noch heute brauche sie nicht viel Geld, und eigenständig ist sie auch. «Ich bin nicht verwöhnt und ich mache alles selbst.»

Eines liessen sich die Cousinen nicht nehmen: den Tanzabend im «Glockenhof» am Rain, dem Restaurant gegenüber der Glockengiesserei Rüetschi. Da verdrehten sie den Schweizer Buben die Köpfe. «Wir waren eine Pracht», sagt Giulia Mettauer und strahlt. «Wir konnten gut singen und tanzen, wir waren modisch gekleidet. Das war etwas anderes als die Schweizer Mädchen.» Beim Tanzen lernte Giulia auch Ernesto kennen, den jungen Erlinsbacher, der wegen seiner Bergeller Mutter Italienisch sprach. 1955 heirateten die beiden in Italien, bei der Familie. Das ganze Dorf sei gekommen, sagt Giulia Mettauer, und habe sie bestaunt. Denn sie war die Erste aus dem Dorf, die in Weiss heiratete. Die Schwägerin, ein gefragtes Mannequin, hatte ihr dafür ein schneeweisses Kostüm geliehen.

Das alles ist lange her. Zwei Söhne haben die beiden bekommen, heute ist Giulia sechsfache Grossmutter. Über 30 Jahre lang hat sie im Goldern-Kindergarten als Hauswartin gearbeitet, seit 60 Jahren lebt sie in der gleichen Wohnung und noch immer macht sie alles selbst. Aarau ist ihre Heimat geworden und geblieben, auch wenn das Heimweh lange gross war. Jeden Sommer besuchte sie ihre Mutter und noch heute telefoniert sie jede Woche mit ihren Schwestern. Sie sind zurückgekehrt. Giulia ist geblieben. «Warum sollte ich zurück?», fragt sie. «Ich bin hier so glücklich mit mir, meinen Buben. Und mit meinem Leben.» (aargauerzeitung.ch)

History Porn Teil IX: Geschichte in 40 Wahnsinns-Bildern

Das könnte dich auch interessieren:

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

«Der Druck ist zu gross»: Darum fliessen am Klimastreik-Gipfel in Lausanne die Tränen

Seit Tagen diskutieren 450 Jugendliche aus ganz Europa über die Zukunft der «Fridays for Future»-Bewegung. Die Emotionen kochen bei manchen Teilnehmern über.

Wie weiter mit der europäischen Klilmastreik-Bewegung? Seit Montag zerbrechen sich am Gipfel in Lausanne Greta Thunberg sowie 449 weitere Jugendliche aus 38 Ländern den Kopf, wie sie «Fridays for Future» weiterbringen und den Klimawandel stoppen können.

Doch am Veranstaltungsort an der Uni Lausanne kochen die Emotionen über. Ein Workshop von Strategiegruppen ist am Mittwoch aus dem Ruder gelaufen: «Einigen Leuten sind Diskussionen zu nahe gegangen. Sie mussten heulen, weil ihnen die …

Artikel lesen
Link zum Artikel