Schweiz
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A boy is wiping a blackboard on which the acronym PISA (programme for international student assessment) is written, Magdeburg, July 8, 2003. In former and recent evaluations of the assessment Germany is poorly ranking in the lower midfield which has caused fierce debates about the quality of education. (KEYSTONE/EPA/DPA/Jens Wolf)

Seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 gilt Finnland in Sachen Bildung als grosses Vorbild. Zu recht? Bild: EPA DPA

Interview

«Viele Schüler haben Alkoholprobleme»: Der oberste Schweizer Lehrer zu Finnlands angeblichem Pisa-Flop

Seit der ersten Pisa-Studie gilt Finnland als Bildungsprofi. Nun stellt eine Studie den Erfolg des modernen finnischen Schulsystems in Frage. Beat Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, über konservative Bildungsagenda, asiatischen Drill und unmotivierte finnische Schüler.



Herr Zemp, die Finnen haben bei der Pisa-Studie 2012 deutlich schlechter abgeschnitten als bisher. Deutet das für Sie darauf hin, dass deren Reform aus den 1990ern gescheitert ist. 
Beat Zemp: Nein, das ist ein Trugschluss. Meiner Meinung nach bekommen die Finnen allmählich ein Motivationsproblem, weil man ihnen Jahre lang gesagt hat: «Ihr seid super, ihr habt das allerbeste System und die allerbesten Schüler». Man kann aber nicht immer im Riesenrad in der obersten Gondel auf 12 Uhr sitzen. Das Rad dreht sich weiter. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Und auch in Finnland läuft längst nicht alles perfekt.

Denken Sie da an etwas Konkretes? 
Ja, es gibt zum Beispiel eine Studie, die besagt, dass die finnischen Schülerinnen und Schüler im europäischen Vergleich am meisten Alkoholprobleme haben, ungern zur Schule gehen und viele Absenzen haben. Aber das ist eine Tatsache, von der man nie liest. Hierzulande hat man einfach das Gefühl, in Finnland seien alles Musterschüler.

Eine neue britischen Studie besagt, dass der Erfolg der Finnen bei der ersten Pisa-Studie eigentlich auf ein sehr konservatives Bildungssystem zurückzuführen ist – und nicht auf die Reform der 1990er-Jahre. Was halten Sie davon?
Naja, die Finnen waren auch bei der Pisa-Studie 2003, 2006 und 2009 Spitze. 2012 sind sie dann etwas zurückgefallen. Aber man muss bei diesen Rankings ganz grundsätzlich aufpassen: Die Unterschiede zwischen vielen Rängen sind statistisch gesehen nicht signifikant. 

beat zemp

Beat Zemp, Präsident des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Bild: zvg

Das müssen Sie näher erklären. 
Zum Beispiel Österreich, die waren beim ersten Test im Jahr 2000 auf Platz 10 und haben sich dafür gross gefeiert. Die Schweiz landete auf Platz 18. Bei der nächsten PISA-Runde war es dann umgekehrt. Oftmals sind aber die Unterschiede zwischen den Rängen mehr oder weniger zufällig. Auf Grund der einzelnen Punktewertungen wird viel zu viel Zirkus gemacht. Man kann die Bildung nicht auf Hundertstelsekunden messen wie bei einem Skirennen zwischen der Schweiz und Österreich.

Dann sagt die Pisa-Studie eigentlich gar nichts aus? 
Doch schon, aber zwischen den Ländern, die nah beieinander liegen, gibt es praktisch keine Unterschiede. Sinnvoller ist es, die Ergebnisse in drei Gruppen zu teilen: Jene Länder, die überdurchschnittlich gut abschneiden, eine mittlere Gruppe, die im OECD-Durchschnitt liegt, und als letztes die Ländergruppe, die signifikant unter dem Durchschnitt liegt.

Dennoch hat man die allererste Pisa-Studie zum Anlass genommen, den Finnen ab sofort nachzueifern.
Das war so. Man ging dann sozusagen wie die Gläubigen auf Reisen ins gelobte Land, um zu schauen, was die Propheten dort besser machen. Auch wir waren da und haben im Jahr 2003 wichtige Unterschiede zwischen der Schweiz und Finnland herausgefunden.

Nämlich welche? 
Zum Beispiel das Pflichtpensum von Lehrpersonen an Primarschulen: In Finnland waren das damals 18 bis 24 Wochenlektionen an den Volksschulen, in der Schweiz hingegen 28 bis 32. Finnische Lehrkräfte haben also bis zu 40 Prozent mehr Zeit, um den Unterricht vor- und nachzubereiten. Als nächstes gilt es, den Betreuungsfaktor anzuschauen, das ist die Anzahl der Lehrpersonen pro Klasse. Dieser Faktor lag in Finnland bei 2.0 und in der Schweiz bei 1.3.

Ausserdem sind die Lehrer dort auf höherem Niveau ausgebildet. 
Ganz genau, in Finnland ist die gymnasiale Matura Voraussetzung und selbst Primarschullehrer müssen einen Masterabschluss haben. In der Schweiz ist das ganz anders: Da genügt zum Teil die Berufs- oder Fachmaturität und anschliessend ein Bachelorabschluss an einer Pädagogischen Hochschule. Eine finnische Lehrperson wird also fünf Jahre ausgebildet, eine schweizerische dagegen nur drei.

Und drei Jahre halten Sie für zu wenig?
Absolut, bei den heutigen Anforderungen reicht ein Bachelor einfach nicht mehr aus. Deswegen forderten wir schon 2007 zusammen mit den Lehrerdachverbänden in Deutschland und Österreich, dass alle Lehrpersonen auf der Volksschulstufe einen PH-Master machen müssen. Denn die bessere Ausbildung wirkt sich wiederum auf das Image des Berufes in der Gesellschaft aus. In Helsinki in Finnland kommen auf einen Ausbildungsplatz acht Bewerber. Dort wollen die besten Maturanden Lehrer werden. Das ist hierzulande nicht so.

In einigen Punkten eifert die Schweiz seit dem Jahr 2000 also durchaus den Finnen nach. 
Ja, das Pflichtpensum beispielsweise muss unbedingt reduziert werden, das ist vereinzelt auch schon gelungen. Die Klassenlehrer müssen aber weiter entlastet werden. Der Hauptunterschied zu den Finnen ist jedoch die Zusammensetzung der Schülerschaft in der Schweiz. Die finnische Wohnbevölkerung hat heute einen Ausländeranteil von 3,8 Prozent, bei uns sind es bald 25. Zudem kommen diese aus vielen verschiedenen Ländern, wodurch die Heterogenität in den Klassen steigt.

«Die SVP meint, wir praktizieren hier eine Kuschelpädagogik.»

Beat Zemp

Laut Experten dauert es 10 bis 15 Jahre bis ein neues Bildungssystem Früchte tragen kann. Lag es dann nicht auf der Hand, dass die Reform aus den 1990ern bei der Pisa-Studie 2000 noch gar nicht spürbar gewesen sein konnte? 
Bei der Pisa-Studie werden Schüler der neunten Klasse getestet. Damit man ein Kind prüfen kann, dessen kompletter schulischer Werdegang nach einer neuen Reform stattgefunden hat, müssen entsprechend mindestens neun Jahre vergangen sein.

Dann sind die guten finnischen Ergebnisse aus dem Jahr 2000 also doch auf eine Zeit vor der dortigen Schulreform zurückzuführen. 
Ja, aber nicht die Top-Resultate von 2003 und 2006. Viel wichtiger als Schulreformen sind die Faktoren, die ich zuvor aufgezählt habe – und die auch schon vor der Reform galten: gute Ausbildung und hohes Ansehen der Lehrer, niedrige Pflichtpensen und ein hoher Betreuungsfaktor. Und ganz so klassisch und streng war das finnische Schulsystem auch vorher nicht: Dort gab es beispielsweise auch schon vor der Reform bis zur neunten Klasse keine Selektion mit Einteilung in separate Leistungstypen oder Sonderschulen.

Sie lehnen Noten ab? 
Nein, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, Leistungen auf der Primarstufe zu bewerten als nur mit Ziffernoten. Die SVP fordert hierzulande Noten ab der ersten Klasse, weil sie meinen, wir praktizieren eine Kuschelpädagogik. Dabei wissen wir längst aus der Hirnforschung, dass ein entspanntes Klassenklima die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiches Lernen ist und Noten lösen bei vielen Kindern Stress aus – vor allem wenn damit eine Selektion verbunden ist.

Kritische Stimmen behaupten, dass diese neue britische Studie nur aus politischen Zwecken veröffentlicht wurde – um an alten konservativen Systemen festhalten zu können. Was halten Sie davon? 
So etwas gibt es oft genug, dass sich Personen aus irgendwelchen politischen Think Tanks ihre eigene Studie basteln, um in eine bestimmte Richtung argumentieren zu können. Und zwar auf beiden Seiten: Einerseits jene, die irgendwelche Reformen vorantreiben wollen, und auf der anderen Seite jene, die an konservativen Methoden festhalten wollen. Aber das sind meistens Leute, die selber noch keine einzige Stunde unterrichtet haben, und die uns dann weis machen wollen, wie das geht.

Zur Studie:

Gabriel Heller Sahlgren von der London School of Economics hat sich in seiner Studie mit dem Werdegang des finnischen Bildungswesens beschäftigt. Im April dieses Jahres veröffentlichte er seine Erkenntnisse beim Centre for Policy Studies. Sahlgren behauptet, dass das finnische Schulsystem zum Zeitpunkt seines grossen Pisa-Erfolgs von Früchten zehrte, die lange zuvor unter stark konservativen Bedingungen gesät wurden.

Geändert haben die Finnen bei ihrer Reform damals vor allem das didaktische Modell, um vom klassischen Frontalunterricht wegzukommen. 
Die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler verlangt einfach ein anderes Modell als nur Frontalunterricht. Wenn hochbegabte Kinder zusammen mit Schülern lernen, die sonderpädagogische Massnahmen benötigen, dann kann man nicht einfach im «Gleichschritt, vorwärts, marsch!»-Tempo unterrichten. 

Wie sieht die Zukunft unseres Bildungssystems aus? 
Im Zentrum steht klar das personalisierte Lernen, welches jedem Schüler die Möglichkeit gibt, in seinem eigenen Tempo voran zu kommen. Da sind zum Beispiel Lernsequenzen wie Gruppenarbeit sehr wichtig. Aber auch gut geführter Frontalunterricht gehört dazu. 

Jeder Schüler in seinem eigenen Tempo – ist das nicht eine Utopie? 
Nein. Der technische Fortschritt hilft uns da sehr. Die heutigen Kommunikationstechnologien und Lernprogramme können viel individueller auf den jeweiligen Stand und die Fähigkeiten der einzelnen Schüler eingehen. Und dann braucht es aber auch Lehrer, die auf die einzelnen Talente, Stärken und Schwächen der Schüler eingehen. Denn Lernen ist immer auch Beziehungsarbeit. Daher kann man Lehrpersonen nicht einfach durch elektronische Lernprogramme ersetzen.

«Es ist ein Witz, dass wir bei der Pisa-Studie mit asiatischen Ländern verglichen werden.»

Beat Zemp

Braucht es dafür nicht viel mehr Personal? 
Sagen wir es so: Wir wären schon sehr froh, wenn wir in heterogenen Klassen den finnischen Betreuungsfaktor von 2 Lehrpersonen pro Klasse hätten. Andernfalls kann man die Sonderpädagogik nicht in die Regelklassen integrieren.

Viele asiatische Länder haben bei der ersten Pisa-Studie ähnlich gut abgeschnitten wie die Finnen. Dort herrschen aber klar die autoritären Systeme vor. Warum eifern die europäischen Länder seitdem den Finnen – aber nicht den Asiaten nach? 
Das hängt einfach mit der Kultur zusammen. Wir haben ein kontinentaleuropäisches Bild von Bildung und nicht ein fernöstliches. Werfen Sie doch mal einen Blick nach Japan. Da stehen die Schüler um 6 Uhr auf, um vor der Schule noch schnell eine Musikstunde reinzuquetschen. Dann gehen sie bis 18 Uhr in die normale Schule und danach noch in die Juku – die «freiwilligen» Paukschulen, wo Nachhilfeunterricht gegen Entgelt erteilt wird. Aber so etwas ist nicht erfolgsversprechend, das macht die Jugend nur kaputt und die Kreativität geht verloren. Ohnehin ist es ein Witz, dass wir bei der Pisa-Studie mit asiatischen Ländern verglichen werden.

Warum das? 
Weil von dort nur die Elite-Schulen aus Hongkong, Shanghai und Co. teilnehmen, wo die Schüler gedrillt werden. Schauen Sie sich mal den Rest von China an. Dort geht es an den Schulen zum Teil zu wie vor 100 Jahren. Und wo sind deren Resultate? Die tauchen in der Pisa-Studie nirgendwo auf. 

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