Mafia: Ein Mord ohne Leiche – und die Spur führt in die Schweiz
Am 3. Juli 2021 verschwand der damals 68-jährige Unternehmer Pasquale Lamberti spurlos. Bevor er mitten in der Nacht zu einem mysteriösen Treffen aufbrach, hinterliess er in seiner Wohnung in Norditalien einen Zettel. Darauf stand: «Mein Leben ist in Gefahr.» Auf seinem Handy hinterliess er zudem eine Notiz, in der er fünf Personen nannte, die für sein allfälliges Verschwinden verantwortlich seien.
Seit Juli 2026 ermittelt die italienische Justiz formell wegen Mordverdachts. Zwar wurde die Leiche nie gefunden. Aber die Staatsanwälte glauben, anhand von Telefon- und Funkzellendaten beweisen zu können, dass Lamberti von Renato M. (59) und dessen Ehefrau Emanuela C. (61) in eine Falle gelockt und getötet wurde. M. soll der Killer sein, C. die Komplizin. Das Paar lebt in der Nähe von Mailand.
Liquidiert im Auftrag eines Mafia-Clans
Die Namen der beiden standen nicht auf der Notiz, die Lamberti hinterlassen hatte. Sie sollen aber, wie auch die übrigen fünf, im Auftrag des Clans der Bruzzaniti aus Kalabrien gehandelt haben, der den Unternehmer zuvor um Millionen von Euro geprellt und ihn zuletzt um seine Firmen gebracht hatte.
Die Millionen, um die Lamberti geprellt wurde, hatte die Bande in der Schweiz versteckt – dank der Hilfe hiesiger Treuhänder und Anwälte. Sie hatten den Gangstern Briefkastenfirmen, Bankkonten, Aufenthaltsbewilligungen, Handys und Luxusautos organisiert.
Verbindungen zwischen «Schweizer» Mafiosi
Der Hintergrund von Renato M., dem mutmasslichen Killer, legt jetzt auch weitere Verbindungen und Zusammenhänge um Mafiosi in der Schweiz offen.
Lambertis mutmasslicher Mörder ist gebürtiger Kalabrier, hielt sich mit seiner Frau auch immer wieder dort auf. Laut italienischen Ermittlern und Medien ist er eng mit Spitzenleuten des «locale» der 'Ndrangheta in Giffone in Kalabrien verbunden. Recherchen dieser Zeitung bestätigen das. Mit «Giffone» ist der Larosa-Clan von Boss Giuseppe Larosa (alias Beppe la Mucca) gemeint. Die Larosa-Bande ist in der Schweiz seit Jahrzehnten extrem aktiv, unter anderem im Kokaingeschäft.
Lambertis mutmasslicher Mörder hat den gleichen Familiennamen wie der Schwiegersohn von Boss «Beppe la Mucca». Dieser Schwiegersohn betrieb in den Regionen Solothurn und Aargau mehrere Restaurants. Der Ehemann einer Tochter des Bosses war eine treibende Kraft im Schweizer Kokaingeschäft.
Insbesondere über diesen Schwiegersohn war der Larosa-Clan laut Bundesanwaltschaft auch mit jenem Baggerunternehmer aus dem Aargau verbunden, der sich derzeit unter anderem wegen Mafia-Zugehörigkeit sowie Waffen- und Drogenhandels vor dem Bundesstrafgericht verantworten muss. Der Baggermann soll 20 Jahre lang Schweizer Statthalter eines anderen kalabrischen Clans, dem von Boss Rocco Anello, gewesen sein. Die Bundesanwaltschaft beantragt für ihn sechs Jahre und drei Monate Haft. Das Urteil wird im November eröffnet. Demnächst steht auch die Schwester von Boss Rocco Anello in Bellinzona vor Gericht – wegen Geldwäscherei.
Vom mutmasslich mafiösen Baggerunternehmer aus dem Aargau und damit dem Anello-Clan wiederum gibt es gemäss Recherchen personelle Verbindungen zu Akteuren im Fall Lamberti: Gewisse Treuhänder in der Schweiz tauchen sowohl im Fall Lamberti als auch im Fall um den Schweizer Statthalter des Anello-Clans auf.
Fakt ist: Immer wieder schliessen sich in diesen Mafia-Verfahren Kreise, zeigen sich personelle oder strukturelle Zusammenhänge. Es deuten sich tief verankerte Seilschaften an, die teilweise offensichtlich schon seit Jahrzehnten existieren und immer wieder kooperieren.
Es gilt die Unschuldsvermutung. (schweizheute.ch)

