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Interview

Warum Pascale Bruderer genug hat von der Politik – und was sie jetzt vorhat

Pascale Bruderer hat gestern Abend ihren Rücktritt angekündigt. Die 40-Jährige Aargauer SP-Ständerätin hat nach 20 Jahren Politik genug. Im grossen Interview erklärt sie ihren überraschenden Entscheid, was ihre Kinder dazu sagen und wo sie ihre Zukunft sieht.

Rolf Cavalli und Patrik Müller / az Aargauer Zeitung



In Baden, dort wo alles begann, treffen wir Pascale Bruderer zum Rücktrittsinterview. Kaum von der Schule wurde sie als 20-Jährige im Herbst 1997 zur jüngsten Einwohnerrätin der Stadt gewählt. Es war der Start zu einer fulminanten Polit-Karriere bis zur Nationalratspräsidentin und Ständerätin. Jetzt, mehr als 20 Jahre später, schliesst sich der Kreis. Sie schaut aus dem Fenster im BT-Hochhaus, wo unser Gespräch stattfindet, und erinnert sich an ihren ersten Vorstoss im Einwohnerrat: für einen Spielplatz unter der Hochbrücke, nur fünf Minuten von hier.

Pascale Bruderer, SP-AG, spricht fuer die Kommission in der Debatte um Namenslisten bei Abstimmungen, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 12. September 2017 im Staenderat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Pascale Bruderer tritt ab Bild: KEYSTONE

Wann und wo genau haben Sie den Entschluss gefasst: So, jetzt höre ich auf mit der Politik? 
Pascale Bruderer: Beim Wandern in den Bergen letzten Sommer. Aber der Entscheid ist natürlich gereift. Ich wusste schon bei meinem Einstieg in die Politik vor 20 Jahren: Politik ist eine Phase in meinem Leben, danach folgt eine neue Phase mit anderen Schwerpunkten.

Warum gerade jetzt?
Warum ERST jetzt, müsste man eigentlich fragen. Ich rechnete zu Beginn mit maximal zehn, zwölf Jahren. Dass daraus nun über 20 Jahre geworden sind, hat auch mit dem Wechsel in den Ständerat zu tun. 2019 ist der richtige Zeitpunkt für eine Neuorientierung. Viereinhalb Legislaturen Bundesbern, das reicht.

Wollte Sie niemand vom Gegenteil überzeugen?
Doch. Die Menschen, die mir nahestehen, wissen am besten, mit wie viel Herzblut ich Politik mache. Aber ihnen war stets bewusst, dass ich noch andere Pläne habe. Ausserdem kennen sie mich und wissen, dass ich von einmal gefällten Entscheidungen schwer abzubringen bin.

Sie waren immer die Jüngste: jüngste Einwohnerrätin, jüngste Nationalrätin, jüngste Nationalratspräsidentin …
… und plötzlich merk ich, dass ich alt werde (lacht).

Sie sind nun 40 und hören auf, wenn andere erst anfangen.
Früher war das nationale Parlament typischerweise die Krönung nach einer langen Berufskarriere. Um die Jahrhundertwende änderte sich dieses Bild mit Jungpolitikern wie Toni Brunner, Ursula Wyss oder mir. Zwischenzeitlich hat die junge Generation erfreulich grossen Einzug gehalten im Parlament – gesellschaftlich ist das ganz klar ein Gewinn! Doch meine Erfahrung ist: Wer jung gewählt wird, muss sich auch gewisser Gefahren bewusst sein.

Was ist gefährlich daran?
Man könnte dazu verleitet werden, zu früh voll auf die Karte Politik zu setzen und dabei die Ausbildung und den Einstieg ins Berufsleben zu vernachlässigen. Mir persönlich war ein zweites Standbein wichtig, weil ich nie abhängig sein wollte vom politischen Amt.

Sie wurden immer sehr gut gewählt. Das Naheliegendste für Sie wäre doch ein Exekutivamt: Möglicherweise wird im Aargau bald der SP-Regierungsratssitz frei, Urs Hofmann wird kaum noch mal antreten. 
So konsequent ich mich in den letzten Jahrzehnten der Politik widmete, so konsequent werde ich die Neuorientierung anpacken. 2020 für den Regierungsrat zu kandidieren, schliesse ich deshalb klar aus.

Scheuen Sie sich, Regierungsverantwortung zu übernehmen?
Überhaupt nicht. Es entspricht meinem Naturell, auch umzusetzen – und nicht nur zu entscheiden. Das hat mir im beruflichen Alltag immer gefallen und im Parlament oft gefehlt. Doch der Moment für einen Abschied aus der Politik ist reif. Ich durfte hier ja fast alles erleben: Einwohnerrätin, Grossrätin, Nationalrätin, dann Nationalratspräsidentin. Und jetzt im Ständerat. Ich werde mich dieser faszinierenden Arbeit bis zum letzten Einsatz voller Herzblut widmen – dann aber abschliessen und loslassen.

Sie klingen wehmütig.
Emotional bin ich, ja. Doch Wehmut spüre ich nicht. Vielmehr grosse Dankbarkeit für all die wertvollen Erfahrungen – und für das Vertrauen der Bevölkerung auf diesem ganzen Weg.

Werden Sie nicht schwach, wenn die Partei Sie doch noch fragt für eine Kandidatur als Regierungsrätin? Sind Sie es der Partei vielleicht sogar schuldig?
Die Frage war auf dem Tisch und ich habe abgelehnt. Die SP ist aktuell sehr gut aufgestellt, es gibt viele bestens qualifizierte Leute. Mein Rücktritt kann auch eine Befreiung für die Partei sein. Er macht Platz für andere.

Pascale Bruderers Karriere in Bildern

Ihr Rücktritt geht aber wahrscheinlich auf Kosten des SP-Ständeratssitzes.
Es ist nie einfach, einen Ständeratssitz zu verteidigen. Aber ich traue das der Aargauer SP zu. Sie ist gut verankert, spürt den Puls der Bevölkerung und vertritt ihre Interessen engagiert – auch gegen die Sparwut. Ein effizienter Staat? Ja! Aber kein Kahlschlag, wie ihn viele Bürgerliche verlangen.

Wie geht es mit Ihnen weiter?
Zuerst konzentriere ich mich auf den Abschluss im Ständerat. Ich präsidiere neu die staatspolitische Kommission, wichtige Geschäfte stehen an, Vorstösse von mir – wie eine Motion zu pränatalen Tests bei Schwangerschaften – nehmen als Gesetzesvorlage Form an …

… wir sehen: Sie sind weiterhin voll in der Politik mit Ihren Gedanken. Wir wollten wissen, was Sie danach planen.
Es ist alles offen. Ich bin voller Energie und habe viele Ideen, fast zu viele.

Eher ein gemeinnütziges Engagement oder kann es auch ein knallhart gewinnorientiertes Unternehmen sein?
Ich funktioniere nicht nach Bös und Gut. Ein Aspekt, der mich sehr interessiert, ist die digitale Transformation. Fast jede Branche ist mit gigantischen Veränderungen konfrontiert und muss sich überlegen, was das für ihre Produkte und Dienstleistungen bedeutet. Und vor allem: Wie man die Menschen auf diesem Weg mitnimmt.

Also zum Beispiel ein Start-up im digitalen Bereich?
Ich schliesse so etwas zumindest nicht aus. Es ergeben sich hier auch für bisher benachteiligte Zielgruppen neue Möglichkeiten – wie für Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung dank Robotik. Doch das ist nur ein Beispiel. Ich bin offen und freue mich darauf, meine Erfahrungen und die Werte, die ich bis anhin in der Politik vertrat, künftig in einem anderen Bereich einzubringen.

 

Blocher-Wahl, AHV, Masseneinwanderungsinitiative: So erlebte Bruderer Bundesbern

Video: © AZ/Rolf Cavalli

 

Gibt es auch familiäre Gründe, mit der Politik aufzuhören?
Nein. Dank einem unterstützenden Umfeld konnte ich zum Glück Familie und Politik immer gut vereinbaren.

Ihre Kinder, vier- und sechsjährig sind ja noch zu klein, als dass Sie sie um ihre Meinung hätten fragen können.
Ja. Aber beide kommen mich gerne im Bundeshaus besuchen. Als ich ihnen sagte, dass ich vielleicht einmal etwas ganz anderes machen werde, fanden sie das spontan keine gute Idee. Und wenn doch, dann soll ich danach in einem schönen Laden arbeiten.

Und wo sehen Sie sich selber: Operativ wie in einem Laden oder eher auf Verwaltungsratsebene?
Beides möglich.

Sie hatten nie einen 100-Prozent-Job in der Wirtschaft. Ein Handicap?
Das stimmt, abgesehen von den Jahren als Krebsliga-Geschäftsführerin war ich in kleinen Pensen tätig. Ich habe das nie als Mangel empfunden, sondern als Konsequenz meiner intensiven politischen Arbeit. Alles kann man nicht haben.

Reden wir nochmals über Politik. Wie sehr hat sie sich verändert in den 16 Jahren, die Sie in Bundesbern erlebt haben?
Ich gehöre nicht zu jenen, die sagen: Früher war alles besser! Verändert hat sich zum Beispiel das Verhältnis Politik -Medien, auch durch Social Media. Alles ist schneller geworden, die Tiefe etwas verloren gegangen, die Transparenz dafür erhöht.

Politik ist auch unberechenbarer geworden, nicht zuletzt für die Politiker selber. Wie beurteilen Sie, dass noch nie so viele Volksinitiativen gegen den Willen von Bundesbern durchkamen wie in den letzten Jahren?
Das Problem ist, dass immer häufiger Initiativen lanciert werden, die offen lassen, was genau die Konsequenzen sind. Die Masseneinwanderungs-Initiative ist ein prominentes Beispiel. Das ist heikel. Der Umgang mit unseren direktdemokratischen Instrumenten muss sorgfältiger werden. Zudem sollten sich die Parteien in einzelnen wichtigen Fragen zu einem Grundkonsens finden.

Das ist Wunschdenken: Rechts und Links blockieren sich, wo sie nur können.
Mein Eindruck ist, dass die SP – zum Glück – wieder offener ist und den Mut aufbringt, die Hand zu reichen für tragfähige Lösungen …

… reden wir von der gleichen SP? Das Papier zur Überwindung des Kapitalismus, das Sie ja intern bekämpfen, ist das Gegenteil: eine bewusste Abgrenzung des politischen Gegners mit radikalen Forderungen.
Es ist kein Geheimnis, dass ich nichts damit anfangen kann. Darum sage ich: Grosse Herausforderungen wie die Digitalisierung verlangen nach einem Grundkonsens. Da geht es nicht um links und rechts, sondern darum, die Chancen anzugehen, welche diese fundamentale Veränderung bietet.

«Die Politik wird auskommen ohne Pascale Bruderer. Und ich ohne sie.»

Was wäre die Rolle der SP?
Die SP muss wirtschaftspolitisch offensiver werden, eine Bildungsoffensive starten, um den Menschen Perspektiven zu bieten im digitalen Umbruch. Die Produktivität wird gesteigert, Jobprofile verändern sich. Wer, wenn nicht die SP, kann hier politisch eine gute, progressive Rolle spielen!

Ihr Aargauer Parteikollege Cédric Wermuth vertritt radikal linke Positionen. Wie geht das zusammen?
Das geht problemlos zusammen! Weil es die Breite der SP zeigt. Ich habe nie verlangt, dass sich die Partei als Ganzes nach rechts bewegt. Doch ich setze mich dafür ein, dass innerhalb dieser Breite auch der sozial-liberale Flügel verstärkt wahrgenommen wird.

Letztlich ist Ihre Ausrichtung in der SP eine Minderheitenposition. Wären Sie in der FDP nicht besser aufgehoben?
Nein. Obwohl es mir tatsächlich schwerfiel, mich für eine Partei zu entscheiden, als ich damals für den Badener Einwohnerrat kandidierte. In Frage kamen FDP, die Lokalpartei «Team» und SP. Bei der SP überzeugte mich, dass sie den Menschen ins Zentrum stellt. Der Ruf nach Eigenverantwortung ist richtig, Bedingung dafür ist aber Chancengerechtigkeit. Letzteres geht in der FDP allzu oft vergessen.

Warum gab es, trotz Ihrer bürgerlichen Ausrichtung, nie einen Knall mit der Mainstream-SP?
Weil beiden Seiten die Sache wichtiger war als die persönliche Profilierung. Natürlich hatten wir es nicht immer einfach, aber wir liessen es nie eskalieren. Cédric Wermuth und ich haben dieselbe Haltung im entscheidenden Punkt: In dieser Partei haben verschiedene Meinungen Platz.

Sie gelten als Miss Perfect und wirken makellos. Wo haben Sie Fehler gemacht, wo sind Sie Irrtümern aufgesessen?
Ich musste in gewissen Themen rückblickend erkennen, dass ich falsch liege. Zum Beispiel war ich in der EU-Frage anfangs überzeugte Befürworterin eines Beitritts, später erhielt für mich der bilaterale Weg klare Priorität. Da kam natürlich der Vorwurf, ich sei opportunistisch, weil der EU-Beitritt zunehmend unpopulär wurde. Doch für meine Haltung entscheidend war vielmehr die Entwicklung in der EU selber, weniger die Stimmung in der Schweiz.

Sie trieben Journalisten der «Schweizer Illustrierten» zur Verzweiflung, weil Sie nie bei Homestorys mitgemacht haben. Eine gute Entscheidung?
Keine Homestorys – eine super Entscheidung. Vielleicht meine beste im Umgang mit Medien, auch um den Kern des Privatlebens abzugrenzen von der öffentlichen Rolle.

Sie kündigen Ihren Ausstieg aus der Politik an. Aber Hand aufs Herz: Wenn Simonetta Sommaruga in den nächsten vier bis sechs Jahren aus dem Bundesrat zurücktreten würde – dann würden Sie sich eine Kandidatur überlegen.
(Zögert) Ich denke nicht. Mein Entscheid ist gut gereift, ich werde bis dahin nicht mehr in der Politik tätig sein. Gleichzeitig weiss ich: Es kann im Leben auch Unvorhergesehenes passieren, das die Pläne über Bord wirft.

Sie schliessen eine Bundesratskandidatur also nicht aus?
«Nie» sagen ist immer gefährlich. Aber ich kann es mir echt nicht vorstellen – sonst würde ich 2019 nicht zurücktreten. Glauben Sie mir: Im Parlament wird es immer genug Interessentinnen und Interessenten für frei werdende Bundesratssitze haben. Die Politik wird auskommen ohne Pascale Bruderer. Und ich ohne sie.

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