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Vegan oder nicht vegan? Für die Gesundheit spielt dieser Entscheid eine kleinere Rolle, als manche glauben. Bild: Shutterstock

Interview

Studie des Bundes: «Nicht alle Veganer essen viele Früchte und viel Gemüse»

Die Eidgenössische Ernährungskommission hat die Vor- und Nachteile einer veganen Ernährung umfassend untersucht. Die Präsidentin Beatrice Baumer spricht im Interview über Irrtümer, Überraschungen und den einzigen Superfood, der diesen Namen verdient.



Frau Baumer, die Schweizer essen so wenig Fleisch wie seit fast 50 Jahren nicht mehr. Was sagen Sie als Ernährungswissenschaftlerin zum Trend?
Beatrice Baumer:
Ich würde ihn nicht überbewerten: In den letzten Jahren nahm der Konsum abwechslungsweise etwas zu und ging dann wieder etwas zurück. Ausserdem essen wir aus ernährungsphysiologischer Sicht ohnehin noch zu viel Fleisch. 1 bis 2 Portionen pro Woche würden komplett ausreichen

Allerdings erstarkt gleichzeitig auch die vegane Bewegung. Gerade erst hat sich die Eidgenössische Ernährungskomission unter Ihrer Leitung intensiv damit befasst, was eine rein pflanzliche Ernährung mit unserem Körper macht. Wie kamen Sie dazu?
Den letzten Bericht zu den Folgen einer fleischlosen Ernährung haben wir vor über zehn Jahren publiziert. Er konzentrierte sich vor allem auf die vegetarische Lebensweise. Weil sich inzwischen immer mehr Menschen nicht nur vegetarisch, sondern sogar vegan ernähren, drängte sich aus unserer Sicht eine Aktualisierung auf. Als wir realisiert haben, wie viele Studien zum Veganismus in der Zwischenzeit erschienen sind, beschlossen wir, statt eines Updates einen komplett neuen Bericht zu verfassen.

«Man muss präzisieren: Nicht alle Veganer essen viele Früchte und viel Gemüse.»

Welche Erkenntnis war am überraschendsten für Sie?
Was mich schockiert hat, war, dass es immer noch Veganer gibt, die keine Vitamin-B12-Supplemente zu sich nehmen. Vegane Gesellschaften kommunizieren ganz klar, dass solche Präparate notwendig sind, da Vitamin B12 in einer komplett pflanzlichen Ernährung kaum vorkommt.

Wissen Sie, was mich überrascht hat? Die Aussage, dass Veganer nicht zwingend mehr Früchte und Gemüse essen als Allesesser. Wie erklären Sie sich das?
Man muss präzisieren: Nicht alle Veganer essen viele Früchte und viel Gemüse. Die meisten jedoch schon. Das Spektrum der verschiedenen Ernährungsweisen ist gross. Meine Hypothese ist, dass die Motivation entscheidend ist, warum jemand vegan lebt. Gewisse Gemüse und Früchte weisen eine schlechte Ökobilanz auf. Es gibt vielleicht Personen, die aus Gründen der Nachhaltigkeit eher auf Getreideprodukte und pflanzliche Fette setzen.

Beatrice Baumer, Ernährungswissenschaftlerin Ernährungskommission

Beatrice Baumer ist Präsidentin der Eidgenössischen Ernährungskommission und Dozentin für Ernährung an der ZHAW. bild: zvg

Und welches ist die Kernaussage des Berichts? Ist eine vegane Ernährung nun gesund oder nicht?
Das war die zweite Überraschung für mich: Man hört immer wieder, dass eine vegane Ernährung das Risiko für Diabetes oder gewisse Krebsarten senke. Aufgrund der heutigen Datenlage sind mögliche gesundheitliche Vorteile einer veganen Ernährungsweise jedoch nicht statistisch abgesichert. Gleichzeitig gibt es auch keine Hinweise darauf, dass Veganer generell weniger gesund wären. Eine gut geplante vegane Ernährung, inklusive  Vitamin-B12-Supplementen, kann den Nährstoffbedarf eines Menschen decken.

Trifft dies auch auf Kinder zu? Der Bund rät davon ab, Heranwachsende ausschliesslich pflanzlich zu ernähren.
An dieser Empfehlung wollen wir nicht rütteln. Die Daten zeigen zwar, dass klinische Zeichen eines Mangels bei vegan ernährten Kindern selten sind. Die Gefahr, dass solche Kinder zu wenig Eisen, Vitamin B12 oder Kalzium aufnehmen, besteht jedoch. Vor allem ein Vitamin B-12-Mangel kann gravierende Folgen haben. Eine deutsche Studie, die nach Abschluss unseres Berichts erschienen ist, zeigt zudem, dass vegan ernährte Kinder im Schnitt etwas kleiner sind. Wollen Eltern ihre Kinder entgegen der Empfehlungen rein pflanzlich ernähren, müssen sie sich zwingend sehr gut informieren.

«In der Schweiz verzichten laut Studien zwischen 0,38 und 3 Prozent der Menschen komplett auf Fleisch, Eier und Milchprodukte. Da ist es eine Herausforderung, genügend Studienteilnehmer zu finden.»

Gleichzeitig heisst es in Ihrem Bericht, dass eine sojabasierte Säuglingsnahrung unter gewissen Voraussetzungen «sicher ist». Diese Erkenntnis dürfte vielen Menschen Stirnrunzeln bereiten.
Wir empfehlen keinesfalls, Säuglinge mit Soja zu ernähren! Auch die veganen Gesellschaften raten im übrigen, Kinder möglichst lange zu stillen. Es gibt aber Fälle, bei denen Babys nicht gestillt werden können, zum Beispiel wenn sie laktoseintolerant sind. Dann kann eine moderne Säuglingsnahrung auf Sojabasis eine Lösung sein.

Ist die Datenlage denn überhaupt ausreichend, um verlässliche Aussagen zu den Vor- und Nachteilen einer veganen Ernährung treffen zu können?
In vielen Fragen muss die Forschung tatsächlich noch genauer hinschauen. Ein Problem ist, dass es generell wenige Veganer gibt. In der Schweiz verzichten laut Studien zwischen 0,38 und 3 Prozent der Menschen komplett auf Fleisch, Eier und Milchprodukte. Da ist es eine Herausforderung, genügend Studienteilnehmer zu finden. Ausserdem sind neue Studien auch immer teuer. Es könnte sich deshalb nur schon lohnen, die bestehenden Daten noch genauer zu durchforsten und etwa auszuwerten, ob es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

Sie meinen, dass die vegane Ernährung Frauen besser bekommt als Männern – oder umgekehrt?
In einzelnen Bereichen gibt es Hinweise darauf. So erhöht eine vegane Ernährung bei Frauen das Risiko, wegen einer Herzkreislauf-Erkrankung ins Spital zu müssen, bei Männern aber nicht. Es wäre spannend herauszufinden, welches die Gründe dafür sind und ob es noch mehr solche Effekte gibt.

«Wir können uns leere Kalorien kaum mehr leisten.»

Manche der zitierten Studien stammen aus dem Umfeld der Siebenten-Tags-Adventisten – einer Freikirche, in der sich viele Mitglieder vegetarisch ernähren. Sind solche Untersuchungen überhaupt glaubwürdig?
Es handelt sich um wissenschaftliche Untersuchungen, die auch hierzulande oft zitiert werden. Tatsächlich kommen Studien aus diesem Umfeld – verglichen mit grossen europäischen Studien – zu einem leicht positiveren Ergebnis, was die langfristigen Auswirkungen der veganen Ernährung angeht. Allerdings ist auch erwiesen, dass die Zugehörigkeit zu einer religiösen Community eine gesundheitsfördernde Wirkung hat. Möglicherweise spielt dieser Effekt hier mit.

«Die wenigsten Menschen ernähren sich, die meisten essen einfach.»

Generell sind die Themen Ernährung und Fitness heute in der Öffentlichkeit so präsent wie noch nie. Leben wir auch gesünder?
Nein, da gibt es leider eine ziemliche Diskrepanz zwischen der schönen Social-Media-Welt und der Realität. Das Hauptproblem ist, dass wir uns immer weniger bewegen. Ich musste beispielsweise als Kind noch 20 Minuten in die Schule laufen – das mutet man heute kaum mehr einer Schülerin zu. Weil wir weniger Bewegung haben, brauchen wir auch weniger Energie. Und trotzdem müssen wir unseren Bedarf an lebensnotwendigen Nährstoffen und Vitaminen decken. In der Konsequenz heisst das, dass wir hochwertigere Lebensmittel essen müssen. Wir können uns leere Kalorien kaum mehr leisten.

Doch diese Erkenntnis ist in der Bevölkerung noch nicht angekommen?
Das Wissen ist vielleicht da. Doch das Angebot an Lebensmitteln ist so gross wie noch nie, es herrscht ein regelrechtes Überangebot. Zudem hat Essen ja auch eine starke soziale, emotionale und Genuss-Dimension. Die wenigsten Menschen «ernähren» sich, die meisten essen einfach.

«Die Debatte um Ethik in der Ernährung wird sicher noch an Bedeutung gewinnen.»

Sie leiteten einst die Entwicklungsabteilung für vegetarische Convenience Produkte bei einem grossen Käsehersteller. Was nahmen aus dieser Zeit mit?
Das war vor 20 Jahren, unser damaliger Chef war recht visionär. Wenn ich sehe, wie Migros und Coop heute ihre Vegi-Linien laufend ausbauen, denke ich, wir waren damals einfach 20 Jahre zu früh (lacht). Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht muss man Fleischersatz-Produkte aber auch kritisch bewerten. Oft sind sie sehr einseitig zusammengesetzt und enthalten viele Kohlenhydrate oder Fette.

Wagen Sie eine Prognose: Wird der Vegan-Hype wieder abflauen? Oder ist das erst der Anfang?
Die Debatte um Ethik in der Ernährung wird sicher noch an Bedeutung gewinnen. Wenn die Weltbevölkerung weiter wächst, können wir es uns irgendwann schlicht nicht mehr leisten, weiterzumachen wie bisher. Ob sich dann aber mehr Leute vegan ernähren werden, oder ob wir es wie unsere Grosseltern machen und nur einmal pro Woche Fleisch essen, wird sich zeigen.

Derzeit löst ein angeblicher Superfood den nächsten ab. Gibt es ein Lebensmittel, das diesen Namen wirklich verdient?
Muttermilch bei Babys (lacht). Sonst müssen wir uns immer bewusst sein, dass wir Omnivoren sind. Unsere Körper ist ein ausgeklügeltes System, das auf eine Vielzahl von Nährstoffen angewiesen ist. Viel gibt es hier nicht mehr zu optimieren. Im Gegenteil: Setzen wir zu einseitig auf bestimmte Nahrungsmittel, ist die Gefahr gross, dass sich ein Mangel manifestiert.

Achtung Prank: Zum ersten Mal «veganes» Fondue bei watson

Video: watson

Das Grauen hat einen Namen: «Worst of Chefkoch.de»

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