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Interview

Kein Importverbot für Quälpelz: «Die Argumente des Bundesrats sind fast schon pervers»

Der Bundesrat sieht keine Notwendigkeit für ein Importverbot von Pelzen aus tierquälerischer Produktion. In einem Bericht zeigt er sich zufrieden mit der 2013 eingeführten Deklarationspflicht. Für Tierschützer Michael Gehrken von der Alliance Animale ist das ein Ausdruck der «tierfeindlichen Linie» der Regierung. Eine Volksinitiative soll Abhilfe schaffen.



Herr Gehrken, wie bewerten Sie den Bericht des Bundesrats zur Deklarationspflicht und Importen von Pelz?
Michale Gehrken: Man musste leider damit rechnen, dass sich der Bundesrat nicht für ein Importverbot von Pelzen aus tierquälerischer Produktion aussprechen würde. Der Bericht liegt auf der tierfeindlichen Linie, die in Bundesbern immer noch vorherrscht, wenn es darum geht, das Tierwohl und wirtschaftliche Partialinteressen gegeneinander abzuwägen. Aber sogar an diesem Massstab gemessen ist der Bericht sehr dürftig, zumal unberücksichtigt bleibt, dass die Zukunft einer verantwortungsvoll handelnden Wirtschaft gehören wird.

epa01574704 Slaughtered mink are seen at a mink farm in Harbin, China, 02 December 2008. China is the world's largest exporter of fur clothing, with more than 90 per cent of its locally produced garments being shipped to overseas markets, according to industry data.  In recent years, China has began importing breeding mink from Denmark, the USA as well as other countries, and started to develop its own farm-raised mink industry with the bulk of them located in Northern China, not far from Russia. Between 25 and 30 per cent of the country's fur is obtained from wild animals, while 70-75 pre cent originate from farm bred animals. There are over a thousand mink farms in China, although less than ten are large ones holding between up to 200,000 animals. The rest is ranging from middle size to small family-run farms keeping only a dozen or so breeding animals. Until 2007, China was also the biggest mink fur producer with an estimated annual output of 20 million pelts, a third of the world's total, ahead of Denmark with 14 million. However, the latest statistics released by Oslo Fur Auctions foresee a decline in China's output estimating it at 13 million for 2008. This is blamed on the rapid expansion by inexperienced farmers producing low-grade pelts and sold at lower prices, forcing larger farms to either cut down production and even close down. A single mink pelt can sell for 30-40 euro. To make a short mink coat, 15-20 mink pelts are required, while large coats are made with 20-30. Wild mink are brown, but farm bred mink can vary from white or pearl to black. They breed in April to May and the gestation period usually lasts 45 to 52 days producing only one litter per year of between 6 to ten cubs or kits per litter. Mink can live for up to 8 to 10 years, although farm mink are only kept for 7 months as the harvesting is done in November and December when the fur is at its best.  EPA/DIEGO AZUBEL

Geschlachtete Nerze auf einer Pelzfarm in China. Bild: EPA

Können Sie das erläutern?
Einige der Argumente sind fast schon pervers. Der Bundesrat lehnt etwa das Postulat von BDP-Nationalrat Lorenz Hess ab, dass Pelze aus der einheimischen Jagd fördern will. Die Begründung: Die von Schweizer Konsumenten nachgefragten Pelze von Nerz- oder Marderhund könnten hierzulande nicht gewonnen werden, weil die Tiere hier nicht lebten. Ergo müssten diese Pelze weiterhin importiert werden dürfen. Im Ausland werden die Pelze vieler Wildtiere allerdings auf Pelzfarmen mit Käfighaltung unter widrigsten Umständen für die Tiere produziert oder mit Fallenfang gewonnen. Wildtiere werden dort also auf engstem Raum gehalten oder tappen in brutalste Fallen.

«Mit der Deklaration der Brutalitäten wird beim Konsumenten den Eindruck erweckt, als sei all dies legal und auch in der Schweiz in Ordnung.»

Die Konsumenten kaufen solche Ware.
Die Schweiz verbietet aus Tierschutzgründen die Zuchthaltung von Wildtieren richtigerweise und rühmt sich für ihr Tierschutzgesetz. Gleichzeitig importiert man aber die gleichen Produkte aus dem Ausland. Diese Haltung halte ich für pervers. Mehr noch: Mit der Deklaration der Brutalitäten wird beim Konsumenten den Eindruck erweckt, als sei all dies legal und auch in der Schweiz in Ordnung.

Bundesrat sieht kaum Handlungsbedarf

Die 2013 eingeführte Deklarationspflicht für Pelz hat laut Bundesrat dazu geführt, dass Geschäfte und Kunden heute mehr über die Herkunft von Pelzprodukten wüssten. Am Kaufverhalten der Konsumenten habe sich indes wenig geändert.

Mit dem Bericht antwortet der Bundesrat auch abschlägig auf zwei Vorstösse aus dem Parlament: SP-Ständerätin Pascale Bruderer Wyss forderte, «Import und Verkauf von tierquälerisch hergestellten Pelzprodukten» zu verhindern. BDP-Nationalrat Lorenz Hess wollte einheimische Pelzprodukte fördern, um «auf Importe aus tierschutzwidriger Haltung zu verzichten». Beide Vorstösse lehnt der Bundesrat mit Verweis auf rechtliche und praktische Probleme ab. Er spricht sich lediglich für leichte Anpassungen bei der Deklaration und eine bessere Schulung des Verkaufspersonals aus. (cbe/sda)

Gibt es auch positive Aspekte am Bericht?
Kaum. Der Bericht zeigt einmal mehr auf, dass der beim Tierwohl eingeschlagene Weg des Bundesrates und einer Mehrheit des Parlaments grundfalsch und einer Tierschutzpolitik unwürdig ist. Das zeigt: Es braucht hier wohl den Druck einer Volksinitiative, um dem Tierwohl zum Durchbruch zu verhelfen.

«Die Weigerung des Bundesrates, etwas gegen Quälpelz-Importe zu tun, ist ein absoluter Steilpass für unsere Initiative.»

Eine solche haben Sie im Namen einer Allianz von über 50 Tierschutzorganisationen Mitte März in der «NZZ am Sonntag» angekündigt. Sie fordert ein Verbot des Imports von tierquälerisch hergestellten Produkten – bei Esswaren und Kleidung. Wie steht es um die Initiative?
Die Weigerung des Bundesrates, etwas gegen Quälpelz-Importe zu tun, ist ein absoluter Steilpass für unsere Initiative. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

Was heisst das konkret? Gibt es bereits einen Initiativtext?
Wie gesagt, die involvierten Tierschutzorganisationen und politischen Kreise sind intensiv an der Arbeit. Das Initiativkomittee hat sich konstituiert.

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Die «NZZ am Sonntag» berichtete über Uneinigkeit unter den Politikern, die Ihre Initiative unterstützen wollen: Die einen wollen beim Import von koscherem Fleisch eine Ausnahme, andere wollen kein Schächtfleisch importieren lassen. Hat man sich da geinigt?
Bei unserer Initiative geht es ums Prinzip, nicht um Einzelfälle. Das lässt sich am Beispiel Pelz hervorragend aufzeigen. Im Zentrum steht das Tierwohl.

Wird es Ausnahmen für koscheres Fleisch geben oder nicht?
Die Initiative ist keine Religionsinitiative, sondern eine Tierschutz-Initiative. Und der Bericht des Bundesrates zeigt, wie notwendig diese ist, wenn man den Tierschutz effektiv ernst nimmt.

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