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Mehrere tausend Personen nehmen an einer Demonstration zu Black Lives Matter teil in Basel, am Samstag, 6. Juni 2020. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Mehrere tausend Personen nahmen am Samstag an einer Demonstration zu Black Lives Matter teil in Basel. Viele trugen eine Maske. Bild: keystone

Interview

«Ich selbst bin immer noch beunruhigt» – Epidemiologin warnt vor Corona-Gelassenheit

Seit letztem Samstag sind Clubs, Kinos und Zoos wieder offen. Auch versammelten sich tausende Menschen zu Black-Lives-Matter-Demonstrationen. Kann das gut gehen? Epidemiologin Olivia Keiser erklärt, auf was man nun achten muss.



Frau Keiser, in unserem letzten Interview Mitte Mai haben Sie gesagt, dass Ihnen die Bilder einer Partymeile in Basel Sorgen bereiten.
Olivia Keiser: Das stimmt. Viele Leute haben sich dort nicht an die offiziellen Empfehlungen gehalten.

Mittlerweile sind weitere Massnahmen gelockert worden. Am Wochenende haben zahlreiche Day-Dance-Partys und Demos stattgefunden. Haben Sie diese Veranstaltungen immer noch mit Sorge beobachtet?
Ja, ich selbst bin immer noch beunruhigt, wenn bei solchen Veranstaltungen die Distanz nicht eingehalten werden kann und es zu einem engen Kontakt zwischen vielen Personen kommt. Dies besonders bei Veranstaltungen, die in geschlossenen Räumen stattfinden.

Bars und Clubs müssen um 24 Uhr schliessen. In den Party-Hotspots der Schweiz strömen die Massen dann alle gleichzeitig auf die Strassen. Wie sinnvoll ist eine solche Sperrstunde?
Grundsätzlich ist die Ansteckungsgefahr im Freien deutlich geringer als in geschlossenen Räumen. Mir ist es also lieber, wenn sich die Menschen um Mitternacht draussen treffen, als wenn sie mit steigendem Alkoholpegel und damit einhergehender Unvorsicht in den Bars und Clubs verweilen.

Menschenmassen hin oder her: Die Fallzahlen bleiben tief. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung der Infektionszahlen?
Es ist beruhigend, zu sehen, dass die Fallzahlen weiterhin tief geblieben sind seit den Lockerungen. Allerdings müssen wir weiterhin sehr achtsam bleiben, um einen erneuten stärkeren Anstieg der Fälle zu verhindern.

«Die mildernde Wirkung der höheren Temperaturen ist bescheiden und wird nicht ausreichen, um die Epidemie einzudämmen.»

Ein Mittel dafür wären Masken im ÖV. In den Zügen oder Bussen trägt jedoch fast niemand eine Maske. Ist das nicht DER Infektionsherd?
Im ÖV ist es wichtig, dass die Distanz eingehalten – und falls dies nicht möglich ist, eine Maske getragen wird. Tatsächlich wird in der Schweiz viel mehr auf Eigenverantwortung gesetzt als in anderen Ländern, wo das Tragen von Masken, zum Beispiel beim Einkaufen oder auch im ÖV, obligatorisch ist. Ich hoffe, dass da noch ein Umdenken stattfinden wird, da es ja nicht nur darum geht, sich selbst, sondern auch andere Personen zu schützen. Als mögliche Infektionsherde kommen natürlich verschiedene Orte in Frage und man kann zur Zeit nicht sagen, wo sich die meisten Personen anstecken.

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Olivia Keiser ist Epidemiologie-Professorin an der Universität Genf und Mitglied der wissenschaftlichen Task Force des Bundesrates. bild: zvg

Das wäre Aufgabe des Contact Tracings. Funktioniert das?
Das ist leider schwierig zu sagen, da es meines Wissens nach keine öffentlichen Daten zum Contact Tracing gibt.

Was für eine Rolle spielt das wärmere Wetter?
Zur Frage der Saisonalität gibt es ein Policy Brief von der Nationalen Wissenschaftlichen Taskforce. Dafür wurden 16 Studien miteinander verglichen. Die Studien waren sich weitgehend einig, dass saisonale und klimatische Faktoren bei der Übertragung von SARS-CoV-2 eine Rolle spielen. Die mildernde Wirkung der höheren Temperaturen ist jedoch bescheiden und wird nicht ausreichen, um die Epidemie einzudämmen.

«Wir müssen besser dokumentieren, wo sich die Leute anstecken.»

Dafür spricht auch, dass der R-Wert wieder praktisch bei 1 liegt ...
Solange die Fallzahlen konstant tief bleiben und die nötigen Tests durchgeführt werden, ist ein R-Wert um 1 nicht beunruhigend. Dank der tiefen Fallzahlen ist auch die Unsicherheit um die Schätzung von R grösser geworden. Was meines Erachtens besser dokumentiert werden müsste, ist, wo sich die Leute anstecken, und wie viele der Neuinfektionen von einem bekannten oder unbekannten Fall abstammen. Zudem ist es auch wichtig zu wissen, wie viele Tests wo durchgeführt worden sind.

Mit den sich öffnenden Grenzen dürfte auch das Contact Tracing schwieriger werden. Besteht das Risiko, dass wir uns quer durch Europa wieder anstecken?
Es gibt natürlich immer die Gefahr von neuen Ausbrüchen – innerhalb der Schweiz, aber auch durch importierte Fälle aus dem Ausland. Zum Glück sind jedoch auch in den Nachbarländern die Fallzahlen deutlich gesunken. Die Leute sind überall viel vorsichtiger geworden und man ist nun auch viel besser vorbereitet, auf einen erneuten Ausbruch schnell zu reagieren. Diesbezüglich macht es sicher Sinn, dass nun auch die Grenzen wieder geöffnet werden.

Im letzten Interview sagten Sie, dass solange es keine effiziente Impfung gibt, wir weiterhin ein Problem haben werden. Heisst das auch, dass die Schutzmassnahmen bis dahin gelten werden?
Die Schutzmassnahmen müssen laufend der aktuellen Situation und allenfalls auch dem Verhalten der Bevölkerung angepasst werden. Wenn sich die Leute an die Hygiene- und Distanzempfehlungen halten, bin ich optimistisch, dass ein grosser Ausbruch auch ohne strengere Massnahmen verhindert werden kann.

Müssen wir also weiterhin darauf verzichten, unsere Grosseltern in den Arm zu nehmen?
Ein Besuch bei den Grosseltern, unter Einhaltung der Hygieneregeln, sollte kein Problem sein. Allerdings ist trotz der tiefen Fallzahlen das Virus natürlich nicht verschwunden, und das Risiko im Falle einer Infektion bleibt unverändert. Ich denke deshalb, dass es schlussendlich in der Eigenverantwortung von Familien und Grosseltern liegen sollte, wie sie sich verhalten.

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