Schweiz
Gesundheit

Daniel Koch unter Beschuss – Epidemiologen kritisieren «Mister Corona»

Daniel Koch oder "Mister Corona" wurde zum Gesicht der Krisenbew
Bis vor kurzem Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» des Bundesamts für Gesundheit (BAG): Daniel Koch.Bild: sda

Dicke Post für Koch – Epidemiologen kritisieren «Mister Corona»

07.06.2020, 20:4808.06.2020, 12:18

Seit Ende Mai steht Daniel Koch nicht mehr an der Spitze der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» des Bundesamts für Gesundheit (BAG), sondern geniesst seine Pension. Der 65-Jährige war seit Beginn der Corona-Pandemie enorm präsent in den Medien; er wurde zum «Mr. Corona».

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Nun hat Koch dicke Post bekommen: Führende Epidemiologen der Schweiz kritisieren den ehemaligen Mitarbeiter des BAG hart. Auf Twitter veröffentlichte der ETH-Professor Marcel Salathé einen Brief, den er bereits am 25. Februar dieses Jahres an Bundesrat Alain Berset geschickt hatte. Das Schreiben unterzeichnet hatten auch Christian Althaus von der Universität Bern und Emma Hodcroft sowie Richard Neher von der Universität Basel.

In dem Brief bekunden die Wissenschaftler ihr Erstaunen darüber, dass Koch an der Medienkonferenz vom 24. Februar die Sterblichkeit von Covid-19 mit jener der saisonalen Grippe verglichen habe, und fordern das BAG dazu auf, die Gefahrenlage im Hinblick auf die drohenden Corona-Pandemie richtig zu interpretieren.

Althaus behauptet auf Twitter, dass auch Koch diesen Brief erhalten habe. Er habe Koch überdies bereits im Januar kontaktiert und vor einer globalen Ausbreitung des Virus gewarnt – was dieser bestreitet. Althaus fordert zudem von der Geschäftsprüfungskommission des Parlaments, dass «diese Vorkommnisse» aufgearbeitet werden.

Da die Warnungen folgenlos blieben, habe er sich an die Öffentlichkeit gewandt, sagt Althaus in der «NZZ am Sonntag». Die Zeitung zeichnet in ihrer aktuellen Ausgabe den Ablauf der Pandemie nach. Sie schreibt, die Epidemiologen seien mit ihren Warnungen beim BAG auf taube Ohren gestossen.

Laut dem Artikel ist Salathé der Meinung, ein entschiedenes Handeln hätte den Lockdown verhindern können. Die Wahl zwischen einem Kollaps des Gesundheitswesens und einem Lockdown mit schädlichen wirtschaftlichen Folgen wäre dann nicht nötig gewesen.

Koch sagte der «NZZ am Sonntag» hingegen, die Modelle von Althaus und dessen Kollegen hätten nicht ausreichende Grundlagen für eine seriöse Voraussage und basierten auf unausgereiften Algorithmen. Für die praktische Umsetzung taugten die theoretischen Ansätze der forschenden Wissenschaft nicht: «Wir haben 30 Jahre Erfahrung mit Grippekurven. Wir wissen recht gut, welche Voraussagen man bei Epidemien machen kann.» Koch habe daher, so schreibt die «NZZ am Sonntag», lieber auf sein altbewährtes Netzwerk zurückgegriffen, unter anderen den Genfer Infektiologen Didier Pittet.

Obwohl sich das Virus im Februar wie in dem von Althaus im Januar berechneten Modell auch in der Schweiz ausbreitete, bleibt Koch laut der «NZZ am Sonntag» bei seiner Meinung, es sei «nichts eingetroffen, was Althaus gesagt hat.»

Der Streit zwischen Mr. Corona und den Epidemiologen dürfte nach diesem Artikel und den auf Twitter veröffentlichten Vorwürfen in den nächsten Tagen weitergehen. (dhr)

In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels wurde Daniel Koch fälschlich als Ex-Chef des BAG bezeichnet. Er war jedoch Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» in diesem Bundesamt.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
12 Sätze, die garantiert niemand während der Quarantäne gesagt hat
1 / 14
12 Sätze, die garantiert niemand während der Quarantäne gesagt hat
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Tschüss «Mister Coronavirus»
Video: watson
Staats- und wirtschaftspolitische Aspekte der EU-Verträge im Fokus
Mehrere Mitte- und FDP-Mitglieder im Ständerat plädieren für ein Ja zum EU-Vertragspaket. Die Pluspunkte für die Wirtschaft überwögen die staatspolitischen Bedenken. Die SVP spricht dagegen von einem «Knebelvertrag».
Zur Story