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Feierlaune in der Steinenvorstadt in Basel: Kurz vor Mitternacht bildeten sich im Ausgehviertel zahlreiche Menschentrauben.
Feierlaune in der Steinenvorstadt in Basel: Kurz vor Mitternacht bildeten sich im Ausgehviertel zahlreiche Menschentrauben.
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Interview

«Diese Bilder machen mir Sorgen» – Das sagt die Epidemiologin zu den Szenen in Basel

Die Schweiz ist Shutdown-müde. Am Wochenende strömten viele Menschen in die wiedergeöffneten Bars und Restaurants. Einige hielten sich dabei nicht an die Distanzregeln, wie Bilder aus Basel zeigen. Der Epidemiologin Olivia Keiser macht ein solches Verhalten Sorgen.
19.05.2020, 05:5620.05.2020, 12:49

Frau Keiser, es war das erste Wochenende mit offenen Bars und Restaurants. Am Samstagabend kursierten bereits Bilder aus Basel im Netz, die ziemlich viele Menschen auf einem Haufen zeigen.
Olivia Keiser: Diese Bilder machen mir schon Sorgen. Da scheinen sich viele Leute nicht an die offiziellen Empfehlungen zu halten.

Könnte eine solche Szene wie in Basel dazu führen, dass die Fallzahlen wieder in die Höhe schnellen?
Das ist durchaus denkbar. Aber der Zufall kann auch eine Rolle spielen. Wenn zum Beispiel eine infektiöse Person viele Personen trifft, die ihrerseits das Virus weitergeben. Wir müssen versuchen, noch besser zu verstehen, wo sich die Leute anstecken und welche Bevölkerungsgruppen am meisten betroffen sind. Dazu ist auch das Contact Tracing sehr wichtig.

«Die Folgen eines solchen Verhaltens werden wir erst in zwei bis drei Wochen sehen, wenn Symptome auftreten und die Leute sich testen lassen.»
Olivia Keiser ist Epidemiologie-Professorin an der Universität Genf und Mitglied der wissenschaftlichen Task Force des Bundesrates.
Olivia Keiser ist Epidemiologie-Professorin an der Universität Genf und Mitglied der wissenschaftlichen Task Force des Bundesrates.
bild: zvg

Die Pandemie ist also noch lange nicht vorbei.
Wir haben zu Beginn der Epidemie gesehen, dass grosse Veranstaltungen und Ansammlungen von Personen zu vielen Neuinfektionen geführt haben. Dies natürlich vor allem wenn die Distanzempfehlungen nicht eingehalten werden und die Leute keine Masken tragen. Die erste Seroprävalenz-Studie der Schweiz zeigt zudem, dass weiterhin nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung die Infektion schon einmal durchgemacht hat. Diesbezüglich sind wir also nicht besser gerüstet als zu Beginn der Epidemie. Es ist wohl nur ein kleiner Teil der Bevölkerung für eine gewisse Zeit vor einer Neuinfektion geschützt. Die Folgen eines solchen Verhaltens werden wir erst in zwei bis drei Wochen sehen, wenn Symptome auftreten und die Leute sich testen lassen.

Nicht nur Bars und Restaurants waren gut gefüllt, auch die Innenstädte waren am Wochenende gut besucht. Die Leute strömten in die Läden.
Auch hier spielt es eine Rolle, ob die Kundschaft und die Ladenbesitzenden die Regeln einhalten. Bei schlecht belüfteten Innenräumen kann es zusätzlich Probleme geben. Eine systematische Literaturanalyse von Kollegen aus Grossbritannien hat gezeigt, dass viele grössere Transmissionsketten in Innenräumen stattgefunden haben.

Wie sieht es mit der Ansteckungsgefahr im Freien aus?
Zur Übertragung im Freien gibt es kaum Daten. Dort ist es auch viel schwieriger, die Übertragungsketten zu verfolgen. Neue Studien werden uns hoffentlich helfen, die Übertragungsdynamiken an verschiedenen Orten noch besser zu verstehen.

Neben Bars und Restaurants kommen sich die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln auch sehr nahe. Wie hoch ist da die Gefahr einer Ansteckung?
Da ist die Gefahr gleich hoch wie in anderen Innenräumen. Meines Erachtens ist es sehr wichtig, Masken zu tragen, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden können. Das wird ja auch offiziell so empfohlen.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

In einem ersten Interview sagten Sie, dass wenn jede Person im Durchschnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, die Epidemie über die Zeit zum Erliegen kommt. Wie lange müsste denn der R0-Wert unter 1 liegen?
Der alleinige Fokus auf den R0-Wert ist etwas irreführend. Solange es keine effiziente Impfung gibt, die breit zugänglich ist, haben wir weiterhin ein Problem. Dies auch weil neue Fälle importiert werden können und auch Fälle in der Schweiz verpasst werden können. Auch wenn der Reproduktionswert kleiner als eins ist, heisst das nicht, dass die Epidemie einfach automatisch verschwindet. Der R0-Wert ist ein kontinuierlicher Wert und das Ziel sollte es sein, ihn so tief wie möglich zu halten, indem man sich an die empfohlenen Massnahmen hält. Selbst wenn dann eine gewisse Zeit keine Fälle mehr auftreten, kann es jederzeit wieder zu einem neuen Anstieg der Fallzahlen kommen.

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