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Italienische Löhne in der Schweiz? Lohndumping auf Schienen kehrt zurück

Italienische Löhne in der Schweiz? Lohndumping auf Schienen kehrt zurück

2014 stoppte ein Gericht Dumpinglöhne bei Lokführern auf den Transitachsen. Jetzt taucht das Phänomen in mutierter Form auf der Gotthard-Achse wieder auf, und ein Nationalrat stellt kritische Fragen an den Bundesrat.
31.12.2025, 05:1831.12.2025, 05:18
Henry Habegger / ch media

«Skandalöse Löhne!» titelte 2014 die Eisenbahngewerkschaft SEV in ihrer Mitgliederzeitung. Das ausländisch beherrschte Güterbahnunternehmen Crossrail wolle in Brig italienische Lokomotivführer zu Dumpinglöhnen anstellen. Die Grenzgänger sollten 3350 Franken pro Monat verdienen, was rund ein Viertel über dem Lohn in Italien liege, aber 2000 Franken unter dem Gehalt, das Lokführer in der Schweiz erzielten, so der SEV damals.

Der Rangierbahnhof Limmattal in Spreitenbach, am Freitag, 28. Oktober 2016. Per 11. Dezember 2016 schafft SBB Cargo einen Taktfahrplan fuer den Gueterverkehr und setzt den groessten Fahrplanwechsel in ...
Kommt es zu Lohndumping im Bahn-Güterverkehr? Güterwagen in Spreitenbach. (Archivbild)Bild: KEYSTONE

Um die Erosion der Lokführerlöhne zu verhindern, reichte der Eisenbahnerverband Beschwerde gegen einen Entscheid des Bundesamts für Verkehr ein – und bekam Recht. Das Bundesverwaltungsgericht schob dem Lohndumping ein Jahr später den Riegel. Es befand: In der Schweiz stationierte Lokomotivführerinnen und Lokomotivführer, die im grenzüberschreitenden Bahnverkehr tätig sind, müssen Löhne erhalten, die in der Schweiz üblich sind.

Zehn Jahre später taucht das Lohndumping wieder auf, diesmal in mutierter Form. «Lohndumping auf der Gotthardstrecke?» lautet der Titel einer Interpellation, die der Luzerner SP-Nationalrat und Gewerkschafter David Roth eingereicht hat. Er schreibt:

«Aus dem Kanton Tessin erreichen uns zunehmend Meldungen, wonach die wichtigsten Eisenbahnunternehmen – insbesondere SBB Cargo International und die Deutsche Bahn – Lokführerinnen und Lokführer mit Schweizer Arbeitsverträgen durch solche mit italienischen Arbeitsverträgen ersetzen.»

Die italienischen Tochtergesellschaften dieser Unternehmen würden «Lokpersonal für die Schweizer Zulassung» ausbilden, «damit diese Züge von der italienischen Grenze bis nach Arth-Goldau führen können».

David Roth, SP-LU, spricht ueber Home Office, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 23. September 2025 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Will Antworten vom Bundesrat: David Roth, SP-Vizepräsident und Nationalrat.Bild: keystone

Roth nennt ein konkretes Beispiel: Ab Januar 2026 habe die Schweizer Filiale der Deutschen Bahn von SBB Cargo die Zugbeförderung zwischen der deutschen und der italienischen Grenze übernommen. SBB Cargo habe dafür bisher 18 Lokführerinnen und Lokführer beschäftigt. Die Schweizer DB-Filiale habe jedoch «lediglich vier neue Lokführer eingestellt». Gestützt auf Informationen aus dem Tessin schliesst Roth:

«Ein grosser Teil der Arbeit scheint an die italienische Filiale der Deutschen Bahn vergeben worden zu sein.»

Viel tiefere Löhne in Italien

Eine schnelle Internetrecherche zeigt: In Italien verdienen Lokführer häufig zwischen 30'000 und 40'000 Euro brutto pro Jahr. In der Schweiz liegt der Durchschnittslohn von Lokführern mehr als doppelt so hoch.

Vom Bundesrat will Gewerkschafter Roth nun unter anderem wissen, ob auch in anderen Landesteilen Lokpersonal mit Schweizer Arbeitsverträgen durch Personal mit ausländischen Verträgen ersetzt wird – und was der Bundesrat gegen dieses Lohndumping unternimmt. Angesprochen sind Wirtschaftsminister Guy Parmelin und Verkehrsminister Albert Rösti, beide SVP.

Zumindest ansatzweise scheint das Phänomen auch in anderen Bahnbereichen zu bestehen. Er kenne ein ähnliches Beispiel aus dem Personenverkehr, sagt ein Lokführer:

«Auf dem Eurocity Stuttgart–Zürich fahren die DB-Lokführer mit deutlich tieferem Lohnniveau die ganze Strecke bis nach Zürich.»

Womit die SBB zweifellos Geld sparten. Denn umgekehrt führen die teureren Schweizer Lokführer auf der Strecke Zürich–Stuttgart nur bis Singen in Deutschland, also kurz nach der Grenze. Ab Singen übernehmen bis Stuttgart wieder die DB-Lokführer. (aargauerzeitung.ch)

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94 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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nobody888
31.12.2025 06:19registriert März 2024
Alle Unternehmen, welche Arbeit an Firmen mit Dumpinglöhnen vergeben gehören öffentlich publiziert.
Es ist eine Schande.
Aber schau mal die ausländischen LKW's auf unseren Strassen - diese Fahrer arbeiten ja auch für ein Butterbrot.
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Verbesserer
31.12.2025 07:05registriert Mai 2020
Müssen Arbeiter und Angestellte für Dumpinglöhne arbeiten? Sie haben keine Wahl, denn sie haben Verpflichtungen gegenüber Familie und Gesellschaft die sie erfüllen müssen. Das wird immer öfter in vielen Berufen von den Arbeitgebern ausgenutzt und von gewissen Politikern unterstützt. Das wird sich später rächen, die Menschen werden krank und das wiederum belastet alle. Zudem geht Kaufkraft verloren und die Wirtschaft schwächen, was wiederum zu Massnahmen führt die Angestellten weiter unter Druck zu setzen. Wo sind die Leute die diesem Treiben ein Ende setzten?
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banda69
31.12.2025 06:47registriert Januar 2020
"Der Markt regelt es. Wir sind für Selbstverantwortung. Alles Andere wäre zuviel Bürokratie."

Haben sie gesagt. Die von der SVP.
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