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Beat Dünki heute. bild: severin bigler / az

Er war der «meistgehasste Mensch der Schweiz»: So geht es Beat Dünki heute

Vor zwölf Jahren galt Beat Dünki als «meistgehasster Mensch der Schweiz». Vor sechs Jahren entschuldigte sich der «Blick» bei ihm. Inzwischen hat er sich ein neues Leben aufgebaut.

Andreas Maurer / Nordwestschweiz



Beat Dünki (64) verspätet sich. Aufgehalten wird er von einem Lebensmittelinspektor, der zu einer unangemeldeten Kontrolle aufgetaucht ist und eine Temperatursonde in einen Früchtequark bohrt. Dünki betreibt einen Laden, in dem fast das gesamte Sortiment das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Sein Team sammelt bei Bäckereien und Detailhändlern Nahrungsmittel ein, die sonst weggeworfen würden, und verkauft sie im «Backwaren Outlet» in Basel zu symbolischen Preisen weiter. Sind die Produkte aber tatsächlich noch geniessbar? Der Inspektor macht sich Notizen. Der Beamte bringt den Terminkalender durcheinander, aber Dünki nicht aus der Ruhe. Der füllige, fast zwei Meter grosse Mann hat schon Ärger in einer ganz anderen Dimension überstanden.

2006 geriet Dünki ins Zentrum einer europaweiten Skandalgeschichte. 2012 entschuldigte sich die Zeitung «Blick» bei ihm und zahlte ihm eine sechsstellige Entschädigungssumme. Es war das Startkapital für ein neues Leben. Dünki achtete in den vergangenen sechs Jahren darauf, nicht mehr mit seiner Vorgeschichte in Verbindung gebracht zu werden. So wurde es ruhig um ihn. Vielleicht fast zu ruhig? Wenn er Talkshows mit Medienopfern sieht, denkt er manchmal: «Eigentlich müsste ich dort sitzen.» Nun spricht er erstmals wieder über seinen Skandal und das Leben danach.

Spanische Polizeimethoden

Zum Mann, den der «Blick» mit Augenbalken zeigte, wurde Dünki als Inhaber der Agentur Time-Out. Im Auftrag des Zürcher Sozialdepartements vermittelte er Jugendliche mit Problemen an 30 Gastfamilien und Institutionen. 29 funktionierten problemlos, eine wurde zum Skandal. Es war ein Heim in einer spanischen Gemeinde namens Sant Llorenç de la Muga. Armin Schlegel, Geschäftspartner von Dünki, betreute dort fünf Jugendliche auf einem ehemaligen Bauernhof.

Dünki erinnert sich: «Wenn die Stadt einen Messerstecher unterbringen wollte, war ich oft der Einzige ohne Berührungsängste.» Im spanischen Camp herrschten raue Umgangssitten. Regelmässig drehten Jugendliche durch und gingen auf Kollegen los. In anderen Institutionen gäbe es dafür einen Raum, dessen Wände in beruhigenden Farbtönen gestrichen sind. Auf der Farm hatte es kein rosa Zimmer, aber eine Wildschweinfalle. Ein Käfig aus Metall, in dem Schlegel Jugendliche für kurze Zeit wegsperrte, wenn sie ausgeflippt waren.

«Sie haben uns wie Tiere eingesperrt und mit Eisenstangen geschlagen.»

So beschrieb der «Blick» das Camp.

Normalerweise hätte sich die spanische Polizei nicht für das Camp der Schweizer interessiert. Doch sie stand unter Zugzwang, da in der Nähe in einer Gastfamilie verwahrloste Kinder geschlagen worden waren. Es gab sogar Tote. Als die Polizei erfuhr, dass nebenan Jugendliche in eine Wildschweinfalle eingesperrt würden, witterte sie ihre Chance, ihren Ruf zu rehabilitieren. Sie organisierte ein Grossaufgebot und liess die Razzia von der spanischen Zeitung «El País» dokumentieren. In der Schweiz griff der «Blick» die Geschichte auf und bauschte sie mit der Erzählung eines Jugendlichen auf. Er soll gesagt haben: «Sie haben uns wie Tiere eingesperrt und mit Eisenstangen geschlagen.» Die Blattmacher lancierten eine Kampagne unter dem Schlagwort «Foltercamp».

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Beat Dünki ist heute Betreiber eines Backwaren-Outlets.  bild: severin bigler / az

Schlegel, der Campbetreuer, gab der irren Story ein perfektes Gesicht: Er trat mit Perücke und Sonnenbrille vor die Kameras und behauptete, er habe alles im Griff. Dünki verweigerte dem «Blick» die Auskunft, trat aber im «Club» des Schweizer Fernsehens auf und wies ebenfalls jegliche Schuld von sich.

Die eigentliche Eskalation folgte aber erst noch. Die «Weltwoche» enthüllte, dass Schlegel beim Zürcher Sozialamt doppelt kassiert hatte. Er gab sich als arbeitslos aus und erschlich Fürsorgegelder. Gleichzeitig erhielt er vom gleichen Amt Geld für die Betreuung der Jugendlichen. Dieser Missstand trug 2008 zum Rücktritt von Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne) bei. Auf Anfrage äussert sie sich zu Dünkis Rolle vor zwölf Jahren: «Er hat wohl die Professionalität seiner Agentur überschätzt.»

Dünki erzählt, sein soziales Netz habe sich in dieser Zeit halbiert. Viele Leute wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dafür riefen ihn Journalisten aus ganz Europa an. Schon morgens um 4 Uhr habe es geklingelt: «Parlez-vous français?» Als sich Dünki bei der «NZZ» meldete, habe er den Redaktor gefragt: «Wissen Sie, wer ich bin?» Die Antwort: «Der meistgehasste Mensch der Schweiz.»

«Ich will es nicht beschönigen, aber der Junge war eine Stunde dort drin. Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man ihn nicht weggesperrt hätte.»

Beat Dünki

Heute sagt Dünki über das angebliche Foltercamp: «Ich will es nicht beschönigen, aber der Junge war eine Stunde dort drin. Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man ihn nicht weggesperrt hätte.»

Dünki verlor seine Firma, doch das Camp existierte auch ohne ihn weiter. Aktuell ist dort ein Jugendlicher untergebracht. Der Betreiber ist derselbe wie damals: Armin Schlegel. Er steht auf seiner Farm und sagt in sein Handy: «Dünki hat sich korrekt verhalten. Es war vor allem ein Exzess der spanischen Polizei.»

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So entschuldigte sich der «Blick».  bild: az

Dünki prozessierte sechs Jahre gegen den «Blick», bis dieser auf der Frontseite eine Entschuldigung abdruckte und die sechsstellige Summe überwies. Für Schweizer Verhältnisse ist diese Grössenordnung aussergewöhnlich. Deutlich mehr erhielt wohl nur Ex-Botschafter Thomas Borer. Mit deutlich weniger musste sich Jürg Maurer zufriedengeben, der zu Unrecht als «frechster Pensionskassenverwalter der Schweiz» betitelt worden war.

Nach der Entschuldigung kippte Dünkis Geschichte ins Gegenteil: Der Bösewicht wurde zum Helden stilisiert. Als die «NZZ» 2012 über die boulevardeske Kehrtwende berichtete, schrieb sie, inzwischen sei von den Vorwürfen «nichts mehr übrig». Richtig ist: Die Vorwürfe waren übertrieben, aber ein Teil entsprach der Wahrheit. Sogar Dünki wunderte sich über die Artikel dieser Zeit, doch diesmal beklagte er sich nicht.

Rückblickend kann man auch feststellen: Die «Blick»-Geschichte hätte noch viel brutaler sein können. Dünki sagt: «Das Blatt hat nicht viel über mich herausgefunden.» Dabei hätte eine Abfrage in der Schweizer Mediendatenbank genügt, um auf die Geschichte mit dem Strafverfahren zu stossen. Die Anzeige datiert von 2001, doch Dünki hat einen Satz noch immer präsent: «Die Lehrperson hat den Schüler auf den Schoss genommen und dessen Glied abgefasst.» Die seltsame Juristensprache bedeutete: Eltern warfen ihm vor, als Privatlehrer einen Schüler sexuell missbraucht zu haben. Das Verfahren zeigte, dass der Verdacht falsch war, es wurde eingestellt, Dünki erhielt eine Entschädigung. Doch er litt weiterhin darunter. Deshalb erzählte er die Geschichte 2003 der «NZZ am Sonntag», um für eine Selbsthilfegruppe zu werben. Sie richtete sich an Menschen, die zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wurden.

Im Visier des Subversivenjägers

Turbulent war Dünkis Leben schon in den 70er-Jahren. Damals war man in der linken Szene jemand, wenn man vom selbst ernannten Subversivenjäger Ernst Cincera illegal fichiert worden war. Berto, wie ihn alle nennen, kann auch aus diesen Akten einen Satz auswendig aufsagen: «Dünki baut ein System auf, das ihn von herkömmlichen Gesellschaftsstrukturen unabhängig macht.» Das habe der Realität entsprochen, sagt er und lacht. In den 80er-Jahren gründete er in Zürich die erste Grossfamilie mit nicht leiblichen Kindern.

Dünki ist auch heute teilweise unabhängig von herkömmlichen Strukturen. Für die Arbeit im «Backwaren Outlet» bezieht er wie die anderen Mitglieder des Gründungsteams keinen Lohn. Nur die Verkäuferinnen und Verkäufer werden bezahlt. Sie sind Teil einer Art Grossfamilie: Der Arbeitgeber übernimmt manchmal Zahnarzt- oder Anwaltsrechnungen, wenn diese die Angestellten in Not bringen.

Dünki wehrt sich gegen die Darstellung, der «Blick» habe das Nachhaltigkeitsprojekt ermöglicht. Die Zahlung sei eine von vielen Geldquellen. Nach vierzig Tagen sei der Betrieb bereits selbsttragend gewesen. Nun expandiert er und eröffnet einen zweiten Laden. Dünki wirbt: «Wir sind die einzige Organisation gegen Food Waste, die der menschlichen Nahrungsebene nichts entzieht.» Die Ware, die keine Käufer findet, wird abends zuerst an Arme und später an Passanten verteilt. Dünki erklärt seine Mission: «Ich will etwas zurückgeben. Ich hatte so viel Glück – trotz allem.»

Die Welt aus Sicht eines Vogels

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Die Welt aus Sicht eines Vogels
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