Berner Schule macht nur 2 Wochen Sommerferien – mit erstaunlichem Echo
Die Sommerferien stehen vor der Türe. Buben und Mädchen freuen sich aufs Pfadilager. Aufs tägliche Baden im See. Auf die Familienferien in Italien. Bis im Laufe der langen Sommerpause die Sehnsucht nach den Gspändli zurückkehrt – und hier und da die Frage ertönt: «Wann beginnt die Schule endlich wieder?»
In der Berner Gemeinde Belp ist das bald anders. Ab August startet die erste Klasse, die pro Jahr nur noch 6 statt 13 fixe Ferienwochen hat. Zwei Wochen liegen im Sommer und Herbst und je eine Woche im Winter und Frühling. Zusätzlich können die Familien dank Jokertagen bis zu zwei weitere Wochen flexibel beziehen. Dafür werden die Kinder jeweils an vier statt fünf Tagen unterrichtet, und zwar im durchgehenden Tagesschulbetrieb von 8 bis 16.30 Uhr. Nur der Mittwochnachmittag ist frei.
Als Belp das Modell vor einem halben Jahr ankündigte, schlug es im ganzen Land hohe Wellen (watson berichtete). Im Aargau verlangte die FDP gar ähnliche Pilotprojekte. Doch was ist seither in der Berner Gemeinde passiert – stösst die sogenannte Jahresschule bei Eltern und Lehrern auf Interesse?
Zwischen Euphorie und Zweifel
Als Dominique Julen erstmals vom Angebot hörte, dachte er: «Das ist für uns ein Befreiungsschlag.» Weil er aus dem Wallis stammt und seine Frau aus Deutschland, ist es logistisch komplizierter, die Kinder von den Grosseltern betreuen zu lassen. «Meine Eltern wohnen drei Stunden entfernt, die Eltern meiner Frau sogar sieben», erzählt Julen, der in der Geschäftsleitung einer Immobilienfirma arbeitet. Seine Frau ist in der Finanzbranche tätig.
Ihr ältester Sohn kommt im August in den Kindergarten. «Gerade die vielen Ferien wären für uns schwer abzudecken und mit viel Organisationsaufwand verbunden», sagt der Vater dreier Kinder.
Nach der anfänglichen Euphorie wurden Julen und seiner Frau auch Nachteile des neuen Modells bewusst: Die Pilotklasse liegt weiter von ihrem Daheim in Belp entfernt als der reguläre Kindergarten, zudem werden Kinder bis zur zweiten Klasse gemeinsam unterrichtet und das vertraute Umfeld der Kita fiele weg. «Natürlich fragten wir uns, ob das unseren Sohn überfordern könnte», sagt der 41-Jährige. Handkehrum biete sich seinem 4-jährigen Kind die Chance, von den älteren Gspändli in der Klasse und vom innovativen Schulsystem zu profitieren.
Zudem ändere sich für ihn bei den Ferien kaum etwas. Schon bisher habe ihr Sohn nur dann «frei» gehabt, wenn auch die Eltern Ferien beziehen und ihn aus der Kita nehmen konnten – meist fünf Wochen pro Jahr. Für die Familie überwogen letztlich die Vorteile des Belper Modells. «Läuft die Probezeit nicht wie erhofft, können wir immer noch ins traditionelle Schulmodell wechseln», sagt Julen.
Mehr Zeit für Familienausflüge
Für Diana Schmid und ihren Mann stand dagegen sofort fest, dass sie ihren Sohn für die Jahresschule anmelden. Ausschlaggebend war einerseits der pädagogische Ansatz des freieren und praxisnahen Lernens. «Uns gefällt, dass die Kinder beim Gärtnern oder Kochen ganz nebenbei lernen, etwa beim Berechnen der Zutaten fürs Zmittag», sagt Schmid.
Andererseits habe die Familie beim älteren Sohn erlebt, «wie schwierig es ist, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bringen». Wegen der langen Ferien, aber auch wegen der Mittagspausen: Bisweilen eile ein Elternteil zum Kochen nach Hause, obwohl das Kind doch nur 45 Minuten zu Hause sein könne.
Schmid arbeitet 60 Prozent als Projektleiterin bei der Post, ihr Mann 80 Prozent als Softwareentwickler. «Für Eltern wie uns ist die Jahresschule eine Mega-Erleichterung», sagt die 41-Jährige, die in Belp in der GLP und im Elternrat aktiv ist. Immer wieder höre sie auch in ihrem Umfeld den Vorwurf, man nehme dem eigenen Kind die Ferien weg. «Für unseren Sohn in der ersten Klasse ist das Modell optimal», sage sie dann. «Von Montag bis Donnerstag ist er mit seinen Freunden zusammen, und uns bleibt dank des freien Freitags mehr Zeit als Familie.»
Warum Eltern von der Anmeldung absahen
Die Familien Schmid und Julen stehen exemplarisch für die Anmeldungen an der Jahresschule. «Beide Elternteile arbeiten und liessen ihre Kinder häufig schon in der Kita betreuen», fasst Daniela Schädeli das typische Profil zusammen. Die Leiterin der Abteilung Familie und Bildung der Gemeinde Belp gibt auf Anfrage erste Zahlen bekannt: Bei der Hälfte der Familien arbeiten beide Eltern zwischen 66 und 100 Prozent. Bei der anderen Hälfte ist ein Elternteil hochprozentig angestellt, der andere in einem Pensum zwischen 35 und 65 Prozent. Zwei Drittel der Familien haben bereits ein Schuljahr im traditionellen Modell erlebt.
Insgesamt sind für die Jahresschule 21 Kinder angemeldet. Mindestens 18 waren nötig, damit das Pilotprojekt zustande kommt. Einen Ansturm gab es also nicht. Zumal in Belp weiterhin elf Kindergärten und sechs erste Klassen mit 13 Wochen Ferien unterrichtet werden.
An den Informationsveranstaltungen hatten sich laut Schädeli zunächst noch rund 40 Personen für das neue Angebot interessiert. Dass nicht alle Eltern ihr Kind anmeldeten, liege vor allem an den unterschiedlichen Betreuungsbedürfnissen. «Manche wollten nicht, dass ihr Kind an drei Nachmittagen betreut wird. Andere wünschten sich einen früheren Schulschluss.» Alle seien aber an weniger Schulferien interessiert gewesen.
Die Personalsuche als Knacknuss
In der Jahresschule engagiert sich ein fünfköpfiges Team: zwei Lehrpersonen, zwei Betreuungspersonen und eine Fachperson für Integrative Förderung (IF). Während sich die Besetzung der IF-Stelle schwierig gestaltete, gingen für die übrigen Posten diverse Blindbewerbungen ein, wie Schädeli sagt. Offensichtlich half das mediale Echo.
Trotz anfänglichem Interesse wechselte allerdings niemand aus dem bestehenden Schulteam in Belp ins Pilotprojekt. «Lehrpersonen arbeiten schon heute einen grossen Teil der 13 Ferienwochen. Vor allem der Verlust der Flexibilität dürfte für viele dennoch ein Hinderungsgrund sein», sagt Schädeli. Die Suche nach dem passenden Personal bezeichnet sie deshalb als die «grösste Knacknuss». In Belp wird das Modell nun während mindestens drei Jahren getestet und wissenschaftlich evaluiert. (schweizheute.ch)

