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Das Problem hinter dem «Frauenratgeber» der Kapo St. Gallen

Ausschnitte aus dem Ratgeber für «Frauen, die alleine unterwegs sind», verfasst von der Kantonspolizei St. Gallen, haben am Wochenende auf Twitter für Empörung gesorgt. Was dahinter steckt und wieso die Opferhilfe solche Ratgeber problematisch findet.



Das steckt dahinter:

Erstmals geteilt wurden Ausschnitte aus dem Kapo-Ratgeber auf dem Instagram-Kanal von «love.me.gender». So beispielsweise auch diese Passage:

«Es liegt auf der Hand, dass Sie ein leichteres Opfer sind, wenn Sie nicht bei klarem Verstand sind.»

Die Ausschnitte wurden mit dem Femizid an Sarah Everard in Kontext gesetzt, um die Problematik der Aussagen zu verdeutlichen. Bei der Ermordung von Sarah Everard handelt es sich um den Fall einer jungen Engländerin, welche nachts auf dem Nachhauseweg vermutlich gekidnappt und ermordet wurde.

Vor diesem Hintergrund habe dieser Ratgeber umso mehr für Frustration gesorgt, sagt die grünliberale Politikerin Carla Reinhard, welche den Beitrag schliesslich auf Twitter teilte und eine Welle der Empörung auslöste:

Gegenüber watson sagt sie:

«Besonders die herablassenden Formulierungen und die implizierte Schuldumkehr haben mich (und viele andere Frauen) erschreckt. Wir telefonieren auf dem Nachhauseweg, um nicht belästigt zu werden, wechseln die Strassenseite, tragen keine Kopfhörer und verschicken SMS, wenn wir sicher daheim angekommen sind. Das ist die Realität, in der wir leben.»

Der Beitrag der Kantonspolizei St. Gallen war gemäss eigener Aussagen gut gemeint. Dennoch lässt die Umsetzung zu wünschen übrig, findet Reinhard:

«Nicht alles, was gut gemeint ist, wird gut umgesetzt.»

Das steht im Ratgeber:

Eingeleitet wird der Ratgeber mit folgenden Worten:

Als Frau ist einem nicht immer wohl, wenn man, vor allem nachts oder in den frühen Morgenstunden, alleine unterwegs ist. Gänzlich vermeiden lässt sich dies leider nicht immer. In diesem Ratgeber erhalten Sie deshalb Tipps, wie Sie sich vor Übergriffen schützen können.

Darauf folgen Tipps, wie Frauen sexuelle Übergriffe vermeiden können. Beispielsweise indem sie nicht zu viel Alkohol trinken:

«Es liegt auf der Hand, dass Sie ein leichteres Opfer sind, wenn Sie nicht bei klarem Verstand sind. Trinken Sie deshalb Alkohol nur in Massen, so, dass Sie noch klar denken können. Lassen Sie Ihr Getränk nie aus den Augen und nehmen Sie keine Drinks von Fremden an.»

Auch selbstbewusstes Auftreten sei wichtig. Denn vor allem unsichere Frauen werden Opfer von Belästigungen, glaubt die Kapo SG zu wissen:

Treten Sie stets selbstbewusst auf. Frauen, die Selbstbewusstsein ausstrahlen, werden weniger belästigt als verschreckte Frauen, die unsicher nach Hause huschen.

Das ist das Problem:

Mit solchen Verhaltens-Tipps werde den betroffenen Frauen die Verantwortung für solche Übergriffe übergeben, sagt Monica Reinhart von der Opferhilfe St. Gallen auf Nachfrage. Solche Übergriffe würden nicht durch Alkoholkonsum oder durch Kleidung provoziert. Kurzum:

«Man kann sich nicht mit ‹richtigem› Verhalten vor sexualisierter Gewalt schützen.»

Der Ratgeber ziele zudem vor allem auf das eine Szenario ab, bei dem die Frau im öffentlichen Raum von einem Fremdtäter belästigt wird. Doch am meisten trete sexualisierte Gewalt im Umfeld der betroffenen Frau auf, wobei das Vertrauensverhältnis vom Täter ausgenutzt wird.

Häufig gerät das Opfer während eines Übergriffes in eine sogenannte Schockstarre, welche es ihm verunmöglicht, sich zu bewegen, zu schreien, ja, sich zu wehren. Diese Schockstarre mache auch vor selbstbewussten Frauen nicht halt, so Reinhart. Ganz grundsätzlich hätten sexuelle Übergriffe nichts mit dem Selbstbewusstsein der Frau zu tun, wie das der Ratgeber suggeriert.

Das sagt die Kapo SG:

Einen Tag nach dem Auftauchen des Ratgebers auf Twitter meldete sich die Kantonspolizei St. Gallen zu Wort:

Sie entschuldigt sich für die problematische Darstellung und sieht ein, dass der Ratgeber eine Überarbeitung benötigt habe:

In einer Stellungnahme gegenüber watson schreibt die Kapo zudem:

«Die Kantonspolizei St.Gallen wollte mit diesem Ratgeber nur Gutes tun. Wir haben zu wenig darauf geachtet, dass wir mit diesen Tipps bei den Frauen Gefühle verletzen könnten. Wir entschuldigen uns dafür. Wir haben reagiert und diesen Ratgeber vom Netz genommen. Dieser ist schon mehrere Jahre auf unserer Webseite und entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen an eine ausgewogene Formulierung mit Täter- und Opfersicht.»

Sämtliche präventiven Ratgeber auf der Homepage würden dahingehend überprüft werden, schreiben sie weiter.

Das muss getan werden:

Dass mehr gegen sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen getan werden muss, scheint angesichts der Bemühungen der Kapo SG klar zu sein. Allerdings verfolge man den falschen Ansatz, wenn man nur den Frauen die Verantwortung dafür übergibt, findet die Politikerin Reinhard:

«Es kann nicht sein, dass die Verantwortung für unseren Schutz alleine auf unseren Schultern lastet.»

Wie eine Studie im Jahr 2019 ergeben hat, wurde ungefähr jede fünfte Frau in der Schweiz schon einmal zu sexuellen Handlungen gezwungen – auf die gesamte weibliche Bevölkerung der Schweiz hochgerechnet entspricht dies 430'000 Frauen. Reinhart verweist auf diese Studie und greift einen Punkt auf, der offenbar häufig vergessen geht:

«430'000 Frauen hatten schon einmal Sex gegen ihren Willen. Umgekehrt bedeutet dies, dass es 430'000 Täter gegeben hat.»

Daraus ergibt sich gemäss Reinhart vor allem Handlungsbedarf in der Gewaltprävention. Man müsse sehr früh mit Bildung und Sensibilisierung ansetzen und aufzeigen, wie man mit Bedürfnissen umgeht, wenn sie vom Gegenüber abgelehnt werden. Und das gehe alle etwas an, so Reinhart:

«Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.»

Aus diesem Grund sei es auch schwierig, den Frauen nützliche Verhaltens-Tipps mitzugeben, sagt Reinhart. Wichtig sei vor allem, dass die Frauen ihrer Wahrnehmung trauen. Wenn sie den Eindruck hätten, sich in eine gefährliche Situation zu begeben, so sollen sie auf dieses Gefühl hören. Diese Wahrnehmung müsse man grundsätzlich stärken – das gilt insbesondere auch für den Fall, dass es bereits zu einem Übergriff gekommen ist:

«Wenn eine Frau das Gefühl hat, dass ihre Grenzen überschritten wurden, dann soll sie sich Unterstützung suchen.»

Monica Reinhart

Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt
Sexuelle Übergriffe können in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden. Hilfe im Verdachtsfall oder bei erlebter sexueller Gewalt bieten etwa die kantonalen Opferhilfestellen oder die «Frauenberatung sexuelle Gewalt». Für Jugendliche oder in der Kindheit sexuell ausgebeutete Erwachsene gibt es die Stelle «Castagna».

Dies ist keine Selbstverständlichkeit. Indem den Frauen immer wieder Mitschuld gegeben werde – sei es durch ihre Bekleidung, durch Alkoholkonsum oder durch alleiniges Unterwegssein – trauten sich diese nach einem Übergriff nicht mehr Unterstützung zu holen.

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Realität vieler Frauen – sexuelle Belästigung und Altagssexismus

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