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Blumen und ein Porträt zum Andenken der verstorbenen Sarah Everard in London.
Blumen und ein Porträt zum Andenken der verstorbenen Sarah Everard in London.
Bild: keystone

Die traurige Wahrheit hinter dieser simplen Text-Nachricht

Zahlreiche Personen diskutieren auf Social Media gerade unter dem Hashtag #Textmewhenyougethome über Männergewalt. Auslöser dafür ist ein mutmasslicher Mord an einer jungen Engländerin.
15.03.2021, 12:1916.03.2021, 14:17

Um 21 Uhr am Mittwoch, dem 3. März, verliess Sarah Everard das Haus ihrer Kollegin. Rund 50 Minuten sollte ihr Nachhauseweg durch Süd-London dauern, den sie zu Fuss zurücklegen wollte. Wie Zeugen später sagen sollten, traf Everard mehrere Massnahmen, um sicher nach Hause zu kommen. Sie zog bunte Kleider an, machte sich deutlich vor Mitternacht auf den Weg, sprach am Telefon mit ihrem Freund und wählte eine Route, die gut beleuchtet war.

Dennoch sollte sie es nie nach Hause schaffen.

Über eine Woche lang wurde fieberhaft nach Everard gesucht. Am 12. März dann die traurige Erkenntnis: Die 33-Jährige ist nicht mehr am Leben. Die Polizei bestätigte, dass es sich beim Fund einer Leiche in der Grafschaft Kent um die vermisste Sarah Everard handelt.

Im Zusammenhang mit dem Fund der Leiche wurde ein Polizist festgenommen. Gegen den 48-Jährigen wird wegen Entführung und Mord ermittelt.

Tod von Everand löst Welle aus

Everards Verschwinden und ihr tragischer Tod lösten auf Social Media viele Reaktionen aus. Frauen rund um den Globus teilten mit, welche Massnahmen sie treffen würden, um sicher nach Hause zu kommen. Viele schrieben, dass sie beim Verabschieden «schreib mir, wenn du zuhause bist», sagen würden.

Daraus entstand ein neuer Hashtag, der seither die Runde macht: #Textmewhenyougethome.

Einige Frauen meinten, dass für sie «schreib mir, wenn du zuhause bist» «Bye» oder «Tschüss» ersetzt hätte. Sie hätten sich bereits daran gewöhnt, dies immer zur Verabschiedung zu sagen. Einige fragten sich, ob Männer dies auch zueinander sagen würden, wenn sie nach Hause gingen.

Damit nicht genug: Einige Frauen sagten, sie würden den Schlüssel in ihrer Faust halten, um sich zu verteidigen. Andere meinten, sie würden während des ganzen Nachhausewegs so tun, als ob sie telefonierten. Auch das Begehen von beleuchteten Strassen und das Teilen des Live-Standorts gehören zu den Sicherheitsmassnahmen, die viele erwähnten.

Ein Post, der besonders viel Beachtung fand, stammt von der Influencerin Lucy Mountain. Sie legte auf Instagram dar, was «#Textmewhenyougethome» für viele Frauen wirklich bedeutet.

Die wörtliche Übersetzung:

Ich weiss nicht einmal, wie ich das formulieren soll, weil ich das Gefühl habe, dass meine Worte dem nicht gerecht werden können, was viele Frauen gerade fühlen.

Ich konnte nicht aufhören, an Sarah Everard zu denken und daran, dass eine Frau nicht nach Hause gehen durfte. Es ist unerträglich.

Ich habe diese Woche auch ein tiefes Gefühl der Verbundenheit zwischen mir und anderen Frauen gespürt. Ich hatte Gespräche darüber, dass wir unser ganzes Leben lang hyperbewusst auf unsere Sicherheit geachtet haben. Das tiefe Gefühl der Verbundenheit ist ein Gefühl der Angst. ⠀⠀

Wir haben alle unsere Live-Standorte geteilt.
Wir haben alle unsere Schuhe gewechselt.
Wir haben alle unsere Schlüssel zwischen unseren Fingern gehalten.
Wir haben alle Telefonanrufe getätigt, sowohl echte als auch gefälschte.
Wir haben alle unsere Haare in unsere Mäntel gesteckt.
Wir sind alle durch dunkle Strassen gerannt.
Wir haben alle über unsere Fluchtwege nachgedacht.

Das Heimtückische daran ist, dass sich diese Dinge nicht einmal wie «spezielle Sicherheitswerkzeuge» anfühlen. Es sind buchstäblich nur eingeprägte Verhaltensweisen und Handlungen, die wir uns aneignen mussten, seit wir kleine Mädchen waren. Denn «so ist es nun mal». ⠀⠀

«Schreib mir, wenn du zuhause bist xxx» ist eine Standardprozedur unter Frauen. Autopilot.

Ich wünschte, mehr Männer würden verstehen, dass wir nachts nicht alleine mit Kopfhörern laufen können.

Dass jedes Mal, wenn wir in ein Uber steigen, der Gedanke mitschwingt, das könnte es sein.

Dass man jedes Mal, wenn man sagt «die sind nur freundlich», Teil des Problems ist.

Dass, wenn immer wir an Gruppen von Männern vorbeigehen, unser Herz ein bisschen schneller schlägt.

Dass wir jedes Mal, wenn wir bei sexueller Belästigung auf der Strasse zurückschreien, ein weiteres Mal unsere Sicherheit aufs Spiel setzen. ⠀

Hört auf, Frauen zu belästigen.
Hört auf, Frauen als Opfer zu beschuldigen.
Und hört auf, Frauen mit der Last der Handlungen anderer Männer zu belasten.

Eine Frau hätte nach Hause gehen dürfen.

Der Post von Lucy Mountain traf einen Nerv. Über 2,5 Millionen Menschen likten den Beitrag bis Montagmorgen. Für viel Aufsehen sorgte auch ein Auftritt des Autoren Chris Hemmings bei BBC. Dieser sprach sich vehement dafür aus, dass es sich hier um ein Problem der «Männergewalt» handle. Es gehe nicht darum, wie sich Frauen anders zu verhalten hätten. «Die Frauen sind die Opfer», sagte Hemmings. Es liege an den Männern, jetzt eine Veränderung herbeizuführen.

Die Social-Media-Welle schwappt auf die Strasse hinüber

Die Solidarität und die Anteilnahme mit Everards traurigem Schicksal ist mittlerweile nicht mehr nur auf Social Media begrenzt.

In zahlreichen Städten wurden Gedenkstätten für die Verstorbene errichtet. Selbst Herzogin Kate (39) hatte es sich nicht nehmen lassen, am Samstag Blumen an dem improvisierten Gedenkort für Everard niederzulegen.

Beim Blumenlegen alleine blieb es aber nicht: Am Samstagabend trafen sich Hunderte Menschen im Londoner Clapham Park zur Mahnwache. Ein offizieller Aufruf zu der Mahnwache von der Initiative «Reclaim these Streets» (etwa: Erobert diese Strassen zurück) war von den Organisatorinnen zwar zurückgenommen worden, nachdem Gespräche mit der Polizei über eine Durchführung unter Beachtung der Corona-Massnahmen gescheitert waren. Doch davon liessen sich viele nicht abhalten.

Bei der Mahnwache kam es zu wüsten Szenen: Auf Videos von dem Polizeieinsatz am Samstagabend war zu sehen, wie Polizisten mehrere Frauen gewaltsam abführten. Eine Frau wurde auf den Boden gedrückt. «Die Beamten vor Ort waren mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert», rechtfertigte eine Scotland-Yard-Sprecherin den Einsatz später, bei dem es vier Festnahmen gegeben hatte. Die Menschen hätten am Abend eng zusammengestanden, dabei sei das Risiko von Übertragungen des Coronavirus sehr hoch gewesen.

Das harte Vorgehen der Polizei am Samstagabend löste wiederum neue Proteste aus. Am Sonntag versammelten sich in London wiederum hunderte Personen, um gegen die Gewalt an Frauen und das Vorgehen der Polizei zu demonstrieren.

Frauen demonstrieren in London gegen das Vorgehen der Polizei am Sonntag, 14. März.
Frauen demonstrieren in London gegen das Vorgehen der Polizei am Sonntag, 14. März.
Bild: keystone

Bei der Bewegung «Reclaim these Streets» gingen unterdessen bis Sonntagfrüh knapp 500'000 Pfund an Spenden ein. Ursprünglich sollten damit Strafen bezahlt werden, mit denen die Veranstalterinnen hätten rechnen müssen, wenn sie die Mahnwache wie geplant durchgeführt hätten.

Jamie Klingler, eine der Organisatorinnen von «Reclaim these Streets», sagte der britischen Nachrichtenagentur PA, es fühle sich an, wie im Zentrum einer Flutwelle zu stehen, bei der die halbe Bevölkerung (an die Männer gerichtet) sage: «Das ist euer Problem, ihr müsst es in den Griff bekommen, und zwar jetzt, wir werden es nicht länger hinnehmen.» (cma/sda/dpa)

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