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Syrien nach Assads Sturz: Glättli und Schmid streiten sich in SRF Arena

SRF-Arena zur Asylpolitik nach dem Sturz des Assad-Regimes. Balthasar Glättli von den Grünen und Pascal Schmid von der SVP stritten sich dabei stetig. Mittendrin kam der Syrer Husam Kelzi kaum zu Wort ...
Zwischen den Gefechten von SVP-Nationalrat Pascal Schmid (links) und Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli (rechts) kam der Syrer Husam Kelzi kaum zu Wort.Bild: srf arena
Review

«Das ist unmenschlich!»: Schwere Vorwürfe in der Syrien-«Arena» – und mittendrin ein Syrer

Diktator Baschar al-Assad ist gestürzt. Und jetzt? Syrer zurückschaffen, findet die SVP. Unmenschlich, finden die anderen. Für die Politiker in der SRF-«Arena» ist die Diskussion ein Polit-Theater von vielen. Für Syrer Husam Kelzi wird über seine Zukunft entschieden. Eine quälende Sendung.
14.12.2024, 06:0514.12.2024, 12:50
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Verfolgung, Unterdrückung, Überwachung, Folter, Mord. So sah das Leben für Syrerinnen und Syrer unter Diktator Baschar al-Assad aus. 24 Jahre lang. Rechnet man hinzu, dass davor sein Vater Hafiz al-Assad über Syrien herrschte, ergibt sich eine Schreckensherrschaft von 57 Jahren.

Doch vergangenes Wochenende ging es plötzlich Schlag auf Schlag: Verbündeten Rebellengruppen gelang es, das Regime zu stürzen. Assad flüchtete nach Russland.

Während sich die Bilder von Menschen, die auf den Strassen Aleppos und Damaskus’ feierten, wie ein Lauffeuer um den Globus verbreiteten, begann sich die ganze Welt Fragen zu stellen: Wer sind diese Rebellengruppen? Welches Ziel verfolgen sie? Ist dies das Ende einer Schreckensherrschaft? Oder der Beginn einer neuen?

Nur in der kleinen Schweiz stellte sich einer offenbar eine ganz andere Frage: Der SVP-Präsident und Schwyzer Nationalrat Marcel Dettling. Nur wenige Stunden nach Assads Sturz sagte er zum Blick: «Wenn Syrer in der Schweiz über das Ende von Assad jubeln, sollen sie gleich alle retour, aber subito!»

Nationalrat und Parteipraesident Marcel Dettling, SVP-SZ, spricht waehrend einer Medienkonferenz von der SVP Schweiz unter dem Titel "Finanzloch: Der Bund vernichtet Milliarden Franken Steuergeld ...
Hat eine klare Haltung bei einer unklaren Ausgangslage: SVP-Präsident Marcel Dettling.Bild: keystone

Diese Aussage setzte das Thema, über das in dieser «Arena» folgende Personen diskutierten:

  • Damian Müller, FDP-Ständerat (LU)
  • Corina Gredig, GLP-Fraktionspräsidentin und Nationalrätin (ZH)
  • Pascal Schmid, SVP-Nationalrat (TG)
  • Balthasar Glättli, Grüne-Nationalrat (ZH)

Ausserdem im Studio:

  • Husam Kelzi, Mathematiklehrer und Vorstandsmitglied Verein Syrien-Schweiz

An diesem Abend findet Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli zunächst scharfe Worte für SVP-Präsident Marcel Dettlings Äusserung im «Blick». Es habe ihn beelendet, nur sechs Stunden nach dem Sturz von Syriens Diktator zu hören, dass das Einzige, was der AfD, dem BSW und der SVP unisono einfalle, sei: Die müssen subito zurück. Glättli findet:

«Das ist unmenschlich!»
Balthasar Glättli, Grüne

Dann findet er auch scharfe Worte gegen den anwesenden SVP-Nationalrat Pascal Schmid: «Sie rufen nach der Feuerwehr und stiften selber einen Brand!» Dies, weil Schmid einen bevorstehenden Bürgerkrieg in der Schweiz heraufbeschwörte, wenn die Schweiz «weiter Assad-Anhänger ins Land holen» wolle. Glättli entgegnet gereizt:

«Sie versuchen, mit völlig herbeifantasierten Szenarien Angst zu machen!»
Balthasar Glättli, Grüne

Glättli und Schmid geraten aneinander

Video: watson/arena

Schmid will das nicht auf sich sitzen lassen. Weder den Vorwurf der Unmenschlichkeit noch jenen der Brandstiftung. Und kontert:

«Die Grünen sind Brandbeschleuniger! Mitsamt der Linken!»
Pascal Schmid, SVP

Er wisse schon, was Glättli wolle: Dass einfach alle in die Schweiz kommen könnten. Aber: «Wenn jeder, der in die Schweiz kommt und ein Asylgesuch stellt, einfach sein Leben lang hier bleiben kann, auch wenn der Fluchtgrund weg ist, trägt unsere Bevölkerung dieses System nicht mehr mit.»

Schmid: «Die Grünen sind Brandbeschleuniger!»

Video: srf/arena

Es ist unangenehm, diese Diskussion zu verfolgen, während die Kamera immer wieder auf den Spezialgast des Abends schneidet: Husam Kelzi. Dabei ist er der einzige Grund, warum Zuschauende nach dieser «Arena» den Fernseher mit dem Gefühl abschalten können, einen bereichernden Input erhalten zu haben.

Kelzi ist Syrer und Vorstandsmitglied des Vereins Syrien-Schweiz. Seit acht Jahren lebt er in der Schweiz. Er besitzt den Ausländerausweis B, wohnt im Kanton Bern und arbeitet als Mathematiklehrer in Biel.

Kelzi kann sich eine Rückkehr nach Syrien nicht vorstellen. Ganz egal, wie sich die Lage entwickelt. Er sagt:

«Ich kann mein Leben nicht noch ein drittes Mal von Grund auf aufbauen.»
Husam Kelzi, Verein Syrien-Schweiz

Er habe Französisch gelernt, Deutsch gelernt, sei dabei, nun «Berndütsch» zu lernen. Seine Kinder seien hier aufgewachsen, kannten Syrien nicht, sagten selbst, ihre Muttersprache sei Deutsch. Er sei gut integriert. «Und ich bin nicht der Einzige», betont Kelzi.

Kelzi: «Ich bin nicht der Einzige, der gut integriert ist»

Video: srf/arena

Pascal Schmid scheint diese Biografie nicht zu berühren. Aus seiner Sicht ist mit dem Sturz Assads der Grund, weshalb Menschen aus Syrien in die Schweiz flüchten, weggefallen. «Damit fällt auch der Schutz und das Asyl weg», findet Schmid. Schliesslich habe er beobachten können, wie Syrerinnen und Syrer über den Sturz Assads jubelten. Jubel, bei dem man nicht wisse, aus welcher Ecke er komme. Schmid findet:

«Dann sollen die doch zurückgehen.»
Pascal Schmid, SVP

Schmid: «Dann sollen die doch zurückgehen»

Video: srf/arena

Glättli kontert mit einem halben Zungenbrecher: «Eigentlich ist doch klar: Wenn es unsicher ist, ob die Lage sicher ist, dann ist sicher, dass die Lage unsicher ist.» In einer solchen Situation darüber nachzudenken, wie man möglichst schnell Menschen zurückschicken könne, sei falsch. «Und es ist auch falsch, dass das SEM jetzt keine Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern mehr behandelt.»

Das SEM, das Staatssekretariat für Migration unter SP-Bundesrat Beat Jans, hat diese Woche nämlich mitgeteilt, vorerst nicht über Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern zu entscheiden. Man will abwarten, die Lage in Syrien beobachten.

Ein richtiger Entscheid, finden alle geladenen Gäste, bis auf Glättli und Kelzi. Letzterer stellt klar: «Das Regime Assad ist nicht der einzige Grund, warum Menschen aus Syrien flüchten.» Es gebe viele, sehr individuelle Gründe, die deshalb weiterhin individuell geprüft werden sollten, sagt er.

Weiter kann Kelzi erklären, welche weitreichenden Konsequenzen der SEM-Entscheid auf syrische Geflüchtete hat:

«Die Leute, die auf einen Asylentscheid warten, verlieren Zeit, und ihre Zukunft bleibt länger unklar.»
Husam Kelzi, Verein Syrien-Schweiz

Wer schon mit Geflüchteten in Asylheimen gesprochen hat, weiss, dass dieses Abwarten, diese stetige Unsicherheit über die eigene Zukunft die Geflüchteten psychisch sehr belasten kann. Husam Kelzi kann diese Tatsache nicht in Worte fassen – und doch zeigt sein betroffener Blick, dass er in Gedanken an die eigenen Erfahrungen mit unserem Asylwesen zurückdenkt. An die langen eineinhalb Jahre, in denen er darauf hoffte und wartete, bis feststand, dass er in der Schweiz bleiben darf.

Kelzi: «Habe mehr als 1,5 Jahre auf Entscheid gewartet»

Video: srf/arena

Trotzdem scheinen Kelzis Argumente viele der Anwesenden kaltzulassen. Und so verabschiedet sich Moderator Mario Grossniklaus auch bald von Husam Kelzi und fährt fort. Um das nächste Thema abzuhaken: Status S der Ukrainerinnen und Ukrainer.

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282 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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SCL - Maulwurf
14.12.2024 07:12registriert März 2021
Für jeden normal Denkenden ist doch klar, dass zuerst die Entwicklung in Syrien zu prüfen ist, bevor man nun einfach Menschen zurück schickt. Dettling will sich mit seiner dummen Äusserung lediglich profilieren. Sollte sich Syrien tatsächlich in Richtung einer Demokratie entwickeln, die sich für das Volk konstituiert, dann steht einer Rückkehr nichts mehr im Wege. Schlussendlich muss das Land aufgebaut werden.
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Roman Loosli
14.12.2024 06:57registriert März 2015
Immer wenn die SVP was von sich gibt, wähnt man sich in 1943 und es läuft einem kalt den Rücken runter.
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Schlaf
14.12.2024 07:38registriert Oktober 2019
Gewissen Exponenten aus der SVP sollte man eine Reise nach Syrien unter den Weihnachtsbaum legen, um sich vor Ort ein Bild machen zu können.

Vielleicht ist es so möglich, dass diese Menschen unter Umständen, wieder etwas Empathie erlangen könnten.
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