Verfolgung, Unterdrückung, Überwachung, Folter, Mord. So sah das Leben für Syrerinnen und Syrer unter Diktator Baschar al-Assad aus. 24 Jahre lang. Rechnet man hinzu, dass davor sein Vater Hafiz al-Assad über Syrien herrschte, ergibt sich eine Schreckensherrschaft von 57 Jahren.
Doch vergangenes Wochenende ging es plötzlich Schlag auf Schlag: Verbündeten Rebellengruppen gelang es, das Regime zu stürzen. Assad flüchtete nach Russland.
Während sich die Bilder von Menschen, die auf den Strassen Aleppos und Damaskus’ feierten, wie ein Lauffeuer um den Globus verbreiteten, begann sich die ganze Welt Fragen zu stellen: Wer sind diese Rebellengruppen? Welches Ziel verfolgen sie? Ist dies das Ende einer Schreckensherrschaft? Oder der Beginn einer neuen?
Nur in der kleinen Schweiz stellte sich einer offenbar eine ganz andere Frage: Der SVP-Präsident und Schwyzer Nationalrat Marcel Dettling. Nur wenige Stunden nach Assads Sturz sagte er zum Blick: «Wenn Syrer in der Schweiz über das Ende von Assad jubeln, sollen sie gleich alle retour, aber subito!»
Diese Aussage setzte das Thema, über das in dieser «Arena» folgende Personen diskutierten:
Ausserdem im Studio:
An diesem Abend findet Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli zunächst scharfe Worte für SVP-Präsident Marcel Dettlings Äusserung im «Blick». Es habe ihn beelendet, nur sechs Stunden nach dem Sturz von Syriens Diktator zu hören, dass das Einzige, was der AfD, dem BSW und der SVP unisono einfalle, sei: Die müssen subito zurück. Glättli findet:
Dann findet er auch scharfe Worte gegen den anwesenden SVP-Nationalrat Pascal Schmid: «Sie rufen nach der Feuerwehr und stiften selber einen Brand!» Dies, weil Schmid einen bevorstehenden Bürgerkrieg in der Schweiz heraufbeschwörte, wenn die Schweiz «weiter Assad-Anhänger ins Land holen» wolle. Glättli entgegnet gereizt:
Schmid will das nicht auf sich sitzen lassen. Weder den Vorwurf der Unmenschlichkeit noch jenen der Brandstiftung. Und kontert:
Er wisse schon, was Glättli wolle: Dass einfach alle in die Schweiz kommen könnten. Aber: «Wenn jeder, der in die Schweiz kommt und ein Asylgesuch stellt, einfach sein Leben lang hier bleiben kann, auch wenn der Fluchtgrund weg ist, trägt unsere Bevölkerung dieses System nicht mehr mit.»
Es ist unangenehm, diese Diskussion zu verfolgen, während die Kamera immer wieder auf den Spezialgast des Abends schneidet: Husam Kelzi. Dabei ist er der einzige Grund, warum Zuschauende nach dieser «Arena» den Fernseher mit dem Gefühl abschalten können, einen bereichernden Input erhalten zu haben.
Kelzi ist Syrer und Vorstandsmitglied des Vereins Syrien-Schweiz. Seit acht Jahren lebt er in der Schweiz. Er besitzt den Ausländerausweis B, wohnt im Kanton Bern und arbeitet als Mathematiklehrer in Biel.
Kelzi kann sich eine Rückkehr nach Syrien nicht vorstellen. Ganz egal, wie sich die Lage entwickelt. Er sagt:
Er habe Französisch gelernt, Deutsch gelernt, sei dabei, nun «Berndütsch» zu lernen. Seine Kinder seien hier aufgewachsen, kannten Syrien nicht, sagten selbst, ihre Muttersprache sei Deutsch. Er sei gut integriert. «Und ich bin nicht der Einzige», betont Kelzi.
Pascal Schmid scheint diese Biografie nicht zu berühren. Aus seiner Sicht ist mit dem Sturz Assads der Grund, weshalb Menschen aus Syrien in die Schweiz flüchten, weggefallen. «Damit fällt auch der Schutz und das Asyl weg», findet Schmid. Schliesslich habe er beobachten können, wie Syrerinnen und Syrer über den Sturz Assads jubelten. Jubel, bei dem man nicht wisse, aus welcher Ecke er komme. Schmid findet:
Glättli kontert mit einem halben Zungenbrecher: «Eigentlich ist doch klar: Wenn es unsicher ist, ob die Lage sicher ist, dann ist sicher, dass die Lage unsicher ist.» In einer solchen Situation darüber nachzudenken, wie man möglichst schnell Menschen zurückschicken könne, sei falsch. «Und es ist auch falsch, dass das SEM jetzt keine Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern mehr behandelt.»
Das SEM, das Staatssekretariat für Migration unter SP-Bundesrat Beat Jans, hat diese Woche nämlich mitgeteilt, vorerst nicht über Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern zu entscheiden. Man will abwarten, die Lage in Syrien beobachten.
Ein richtiger Entscheid, finden alle geladenen Gäste, bis auf Glättli und Kelzi. Letzterer stellt klar: «Das Regime Assad ist nicht der einzige Grund, warum Menschen aus Syrien flüchten.» Es gebe viele, sehr individuelle Gründe, die deshalb weiterhin individuell geprüft werden sollten, sagt er.
Weiter kann Kelzi erklären, welche weitreichenden Konsequenzen der SEM-Entscheid auf syrische Geflüchtete hat:
Wer schon mit Geflüchteten in Asylheimen gesprochen hat, weiss, dass dieses Abwarten, diese stetige Unsicherheit über die eigene Zukunft die Geflüchteten psychisch sehr belasten kann. Husam Kelzi kann diese Tatsache nicht in Worte fassen – und doch zeigt sein betroffener Blick, dass er in Gedanken an die eigenen Erfahrungen mit unserem Asylwesen zurückdenkt. An die langen eineinhalb Jahre, in denen er darauf hoffte und wartete, bis feststand, dass er in der Schweiz bleiben darf.
Trotzdem scheinen Kelzis Argumente viele der Anwesenden kaltzulassen. Und so verabschiedet sich Moderator Mario Grossniklaus auch bald von Husam Kelzi und fährt fort. Um das nächste Thema abzuhaken: Status S der Ukrainerinnen und Ukrainer.
Vielleicht ist es so möglich, dass diese Menschen unter Umständen, wieder etwas Empathie erlangen könnten.