Schlechte Verlierer und die Schweizer Überheblichkeit
Murat Yakin war auch Stunden nach dem Schlusspfiff angepisst. «Wir haben gegen Argentinien, gegen den Weltmeister, gegen fast 70'000 argentinische Fans, gegen den Schiedsrichter und gegen den VAR gespielt», schimpfte der Nationalcoach an der Abschluss-Medienkonferenz des Fussballverbands am Sonntag in Kansas City.
Die ersten Punkte lassen sich nicht bestreiten, und der portugiesische Schiedsrichter zeigte keine Glanzleistung. Die gelb-rote Karte für Breel Embolo in der vielleicht entscheidenden Szene aber war nach Ansicht fast aller Experten berechtigt. Für Yakin jedoch war es «eine Regel, die in einem WM-Viertelfinal nicht sein darf», sagte er nach Spielschluss dem SRF.
Sein Ärger lässt sich teilweise nachvollziehen, denn zu jenem Zeitpunkt hatte die Schweiz das Momentum nach Ansicht von Yakin auf ihrer Seite (auch darüber liesse sich streiten). Dennoch lassen seine Aussagen den Trainer als schlechten Verlierer aussehen, was selbst Verbandspräsident Peter Knäbel an der Medienkonferenz indirekt einräumte.
«Den Verstand verloren»
Denn die ominöse Regel existiert nun einmal, und die ganze Aufregung wäre nie passiert, wenn Embolo nicht die glorreiche Idee gehabt hätte, zum dümmstmöglichen Zeitpunkt im Niemandsland eine Flugeinlage hinzulegen. «Er muss in dem Moment wirklich den Verstand verloren haben», sagte Kommentatoren-Legende Marcel Reif dem «Tages-Anzeiger».
«Und es ist auch gut so, dass solche Schwalben geahndet werden. So etwas ist ein Betrugsversuch», betonte Reif, die klügste Stimme in der deutschsprachigen Fussballwelt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Und ohnehin ist die ketzerische Frage erlaubt, ob die Schweiz ohne Embolos Aussetzer das Spiel wirklich hätte gewinnen können.
Ohne Manzambi ideenlos
Die Argentinier haben nicht mehr die Klasse wie vor vier Jahren in Katar, und Lionel Messi scheint mit zunehmender Dauer zu spüren, dass er schon 39 ist. Aber Argentinien ist eine grosse Fussballnation, und diese zeichnen sich oft dadurch aus, ein vermeintlich verlorenes Spiel noch drehen zu können, wie sich im Achtelfinal gegen Ägypten gezeigt hat.
Die Schweiz wiederum hat zwar einen Steigerungslauf hingelegt, aber ihre Gegner waren bis zum Argentinien-Spiel von überschaubarem Niveau (gegen Kolumbien musste sie trotzdem ins Penaltyschiessen). Und ohne Johan Manzambi wirkte die Offensive ideenlos. Eine Portion Selbstkritik wäre angebracht, statt sich als schlechte Verlierer aufzuführen.
Hang zur Überheblichkeit
Das führt zu einem anderen heiklen Punkt. In der Schweiz gibt es häufig einen Hang zur Überheblichkeit. Das zeigte sich in einigen Medienberichten vor dem Viertelfinal, die andeuteten, dass die Qualifikation für den Halbfinal oder gar der Weltmeistertitel nur noch Formsache wäre. Nicht alles war ernst gemeint, aber irritierend war es trotzdem.
Man kann erneut Marcel Reif zitieren: «Wäre die Schweiz bei einem Weiterkommen Favorit auf den WM-Titel gewesen? Nein.» Dazu fehlte es an Qualität. Woher kommt dann diese Tendenz zur Selbstüberschätzung? Die Antwort findet sich unter anderem in der Geschichte: Die Schweiz wurde von vielen politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen verschont.
Beispiel Bankgeheimnis
Daraus habe sich «die problematische Mischung aus Überlegenheitsgefühl und latentem Minderwertigkeitskomplex» entwickelt, stellte der Politgeograf Michael Hermann vor zehn Jahren in seinem immer noch lesenswerten Buch «Was die Schweiz zusammenhält» fest. Man fühlt sich dem Rest der Welt sowohl unter- als auch überlegen.
Das ging wiederholt ins Auge, besonders wenn die Schweiz überheblich wurde. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist das Bankgeheimnis, von dem vor allem ausländische Steuerflüchtlinge profitierten. Obwohl der Druck von Ländern wie Deutschland und den USA immer grösser wurde, glaubte die Schweizer Politik, sie könne das Problem aussitzen.
An die US-Justiz ausgeliefert
«An diesem Bankgeheimnis werdet ihr euch die Zähne ausbeissen», proklamierte der damalige Finanzminister Hans-Rudolf Merz (FDP) 2008 im Nationalrat. Nur ein Jahr später flog dem Bundesrat die helvetische Arroganz um die Ohren. Er musste per Notrecht die Namen von 250 amerikanischen UBS-Kunden der US-Justiz ans Messer liefern.
Mit der Übernahme des automatischen Informationsaustauschs war das Bankgeheimnis für ausländische Kunden endgültig Geschichte. Der Hang zur Überheblichkeit aber ist nicht verschwunden, das zeigt sich etwa in der Debatte über die Bilateralen III mit der Europäischen Union («Unsere Demokratie ist imfall wertvoller als eure!»).
Bloss keine Erwartungshaltung!
Der Fussball wirkt im Vergleich harmlos, denn letztlich ist er «nur» ein Spiel. Aber gerade hier litt die Schweiz lange unter einem Minderwertigkeitskomplex, der nun in eine Tendenz zum Grössenwahn gekippt ist. Mit drei Viertelfinal-Qualifikationen bei grossen Turnieren war sie in den letzten fünf Jahren erfolgreich wie nie in der jüngeren Geschichte.
Man kann argumentieren, dass sie zweimal Pech im Penaltyschiessen hatte (2021 gegen Spanien und 2024 gegen England), oder sich wie am Sonntag als schlechter VAR-Verlierer aufspielen. Und ja, mit etwas Glück und Können liegt vielleicht einmal mehr drin. Aber man sollte die Relationen wahren. Marcel Reif brachte es im Tages-Anzeiger auf den Punkt:
