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Fussball-WM: Schlechte Verlierer und die Schweizer Überheblichkeit

Switzerland's head coach Murat Yakin, left, speaks with Federal Councilor Martin Pfister, right, prior the World Cup quarter final match between Argentina and Switzerland at the Kansas City Stadi ...
Da war die Welt noch in Ordnung: Nationalcoach Murat Yakin und Sportminister Martin Pfister vor dem Viertelfinal gegen Argentinien.Bild: keystone
Analyse

Schlechte Verlierer und die Schweizer Überheblichkeit

Breel Embolos Schwalbe und das bittere Aus gegen Argentinien bewegen die Schweiz. Dabei kann man sich fragen, ob die Nati und ihr Potenzial im Vorfeld überschätzt wurden.
13.07.2026, 13:3113.07.2026, 13:31

Murat Yakin war auch Stunden nach dem Schlusspfiff angepisst. «Wir haben gegen Argentinien, gegen den Weltmeister, gegen fast 70'000 argentinische Fans, gegen den Schiedsrichter und gegen den VAR gespielt», schimpfte der Nationalcoach an der Abschluss-Medienkonferenz des Fussballverbands am Sonntag in Kansas City.

Die ersten Punkte lassen sich nicht bestreiten, und der portugiesische Schiedsrichter zeigte keine Glanzleistung. Die gelb-rote Karte für Breel Embolo in der vielleicht entscheidenden Szene aber war nach Ansicht fast aller Experten berechtigt. Für Yakin jedoch war es «eine Regel, die in einem WM-Viertelfinal nicht sein darf», sagte er nach Spielschluss dem SRF.

Video: watson/lucas zollinger

Sein Ärger lässt sich teilweise nachvollziehen, denn zu jenem Zeitpunkt hatte die Schweiz das Momentum nach Ansicht von Yakin auf ihrer Seite (auch darüber liesse sich streiten). Dennoch lassen seine Aussagen den Trainer als schlechten Verlierer aussehen, was selbst Verbandspräsident Peter Knäbel an der Medienkonferenz indirekt einräumte.

«Den Verstand verloren»

Denn die ominöse Regel existiert nun einmal, und die ganze Aufregung wäre nie passiert, wenn Embolo nicht die glorreiche Idee gehabt hätte, zum dümmstmöglichen Zeitpunkt im Niemandsland eine Flugeinlage hinzulegen. «Er muss in dem Moment wirklich den Verstand verloren haben», sagte Kommentatoren-Legende Marcel Reif dem «Tages-Anzeiger».

«Und es ist auch gut so, dass solche Schwalben geahndet werden. So etwas ist ein Betrugsversuch», betonte Reif, die klügste Stimme in der deutschsprachigen Fussballwelt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Und ohnehin ist die ketzerische Frage erlaubt, ob die Schweiz ohne Embolos Aussetzer das Spiel wirklich hätte gewinnen können.

Ohne Manzambi ideenlos

Die Argentinier haben nicht mehr die Klasse wie vor vier Jahren in Katar, und Lionel Messi scheint mit zunehmender Dauer zu spüren, dass er schon 39 ist. Aber Argentinien ist eine grosse Fussballnation, und diese zeichnen sich oft dadurch aus, ein vermeintlich verlorenes Spiel noch drehen zu können, wie sich im Achtelfinal gegen Ägypten gezeigt hat.

epa13106284 Breel Embolo (C bottom) of Switzerland is shown the red card by referee Joao Pedro Silva Pinheiro during the FIFA World Cup 2026 quarterfinals match Argentina vs Switzerland, in Kansas Cit ...
Schiedsrichter Joao Pinheiro zeigt Breel Embolo die Rote Karte.Bild: keystone

Die Schweiz wiederum hat zwar einen Steigerungslauf hingelegt, aber ihre Gegner waren bis zum Argentinien-Spiel von überschaubarem Niveau (gegen Kolumbien musste sie trotzdem ins Penaltyschiessen). Und ohne Johan Manzambi wirkte die Offensive ideenlos. Eine Portion Selbstkritik wäre angebracht, statt sich als schlechte Verlierer aufzuführen.

Hang zur Überheblichkeit

Das führt zu einem anderen heiklen Punkt. In der Schweiz gibt es häufig einen Hang zur Überheblichkeit. Das zeigte sich in einigen Medienberichten vor dem Viertelfinal, die andeuteten, dass die Qualifikation für den Halbfinal oder gar der Weltmeistertitel nur noch Formsache wäre. Nicht alles war ernst gemeint, aber irritierend war es trotzdem.

Man kann erneut Marcel Reif zitieren: «Wäre die Schweiz bei einem Weiterkommen Favorit auf den WM-Titel gewesen? Nein.» Dazu fehlte es an Qualität. Woher kommt dann diese Tendenz zur Selbstüberschätzung? Die Antwort findet sich unter anderem in der Geschichte: Die Schweiz wurde von vielen politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen verschont.

Beispiel Bankgeheimnis

Daraus habe sich «die problematische Mischung aus Überlegenheitsgefühl und latentem Minderwertigkeitskomplex» entwickelt, stellte der Politgeograf Michael Hermann vor zehn Jahren in seinem immer noch lesenswerten Buch «Was die Schweiz zusammenhält» fest. Man fühlt sich dem Rest der Welt sowohl unter- als auch überlegen.

Bundespraesident Hans-Rudolf Merz spricht waehrend der Fruehlingssession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 18. Maerz 2009 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Finanzminister Hans-Rudolf Merz hielt das Bankgeheimnis für unangreifbar.Bild: KEYSTONE

Das ging wiederholt ins Auge, besonders wenn die Schweiz überheblich wurde. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist das Bankgeheimnis, von dem vor allem ausländische Steuerflüchtlinge profitierten. Obwohl der Druck von Ländern wie Deutschland und den USA immer grösser wurde, glaubte die Schweizer Politik, sie könne das Problem aussitzen.

An die US-Justiz ausgeliefert

«An diesem Bankgeheimnis werdet ihr euch die Zähne ausbeissen», proklamierte der damalige Finanzminister Hans-Rudolf Merz (FDP) 2008 im Nationalrat. Nur ein Jahr später flog dem Bundesrat die helvetische Arroganz um die Ohren. Er musste per Notrecht die Namen von 250 amerikanischen UBS-Kunden der US-Justiz ans Messer liefern.

Mit der Übernahme des automatischen Informationsaustauschs war das Bankgeheimnis für ausländische Kunden endgültig Geschichte. Der Hang zur Überheblichkeit aber ist nicht verschwunden, das zeigt sich etwa in der Debatte über die Bilateralen III mit der Europäischen Union («Unsere Demokratie ist imfall wertvoller als eure!»).

Bloss keine Erwartungshaltung!

Der Fussball wirkt im Vergleich harmlos, denn letztlich ist er «nur» ein Spiel. Aber gerade hier litt die Schweiz lange unter einem Minderwertigkeitskomplex, der nun in eine Tendenz zum Grössenwahn gekippt ist. Mit drei Viertelfinal-Qualifikationen bei grossen Turnieren war sie in den letzten fünf Jahren erfolgreich wie nie in der jüngeren Geschichte.

München, Deutschland 17. April 2024: Fussball, Herren, Champions League, Saison 2023/2024, Viertelfinale Rückspiel, FC Bayern München - FC Arsenal, Allianz Arena Marcel Reif, Sportmoderator, Kopf, Obe ...
Marcel Reif warnt die Schweiz vor Selbstüberschätzung.Bild: IMAGO/Ulrich Wagner

Man kann argumentieren, dass sie zweimal Pech im Penaltyschiessen hatte (2021 gegen Spanien und 2024 gegen England), oder sich wie am Sonntag als schlechter VAR-Verlierer aufspielen. Und ja, mit etwas Glück und Können liegt vielleicht einmal mehr drin. Aber man sollte die Relationen wahren. Marcel Reif brachte es im Tages-Anzeiger auf den Punkt:

«Die Schweiz hat mit dem Viertelfinal fürs Erste ein Maximum herausgeholt. Es ist nicht verboten, dass es noch mehr wird. Aber bitte nicht daraus eine Erwartungshaltung machen! Das ist Unfug. Die Schweiz wird von ihren Möglichkeiten her immer unterlegen sein und immer hundert Prozent geben müssen. Sie muss immer als Mannschaft funktionieren. Das Individuelle überlassen wir einmal den Mbappé und Messis.»
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Wie 2022 immer noch die Weltbesten? Sicher ist: Argentinien steht im Halbfinal. Es beendet mit einem 3:1 n.V. die Träume der Schweiz.

quelle: keystone / ashley landis
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Die beliebtesten Kommentare
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besserwisser#99
13.07.2026 13:44registriert September 2019
Ich bin mit vielem im Bericht einig.
Aber: die Schweiz hatte das Momentum spätestens nach dem 1:1 definitiv auf ihrer Seite. Ich wüsste nicht, was es für Argumente dagegen gibt. Und auch die Aussage von Reif teile ich nicht. Die Schweiz war auch davor das ganze Spiel alles andere als Unterlegen. Somit hatte er damit nicht recht.

Und Schwalben sind im Fussball so unnötig, wie der Vergleich mit dem Bankgeheimnis in einem Sport Beitrag.
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Hierbabuena
13.07.2026 13:38registriert Dezember 2014
Da muss ich wirklich lachen. Seit wann leidet die Schweiz im Mannschaftssportarten an Selbstüberschätzung? Das wäre ja etwas ganz neues...
Und zur Schwalbe: Ich bin nicht oft im Team Ex-Schiri Meier. In diesem Fall aber schon.
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Rizzibäsä
13.07.2026 13:47registriert Juli 2014
"Und ohnehin ist die ketzerische Frage erlaubt, ob die Schweiz ohne Embolos Aussetzer das Spiel wirklich hätte gewinnen können." - Auch wenn die Frage als "ketzerisch" selbstdeklariert wird, bleibt die Antwort völlig unzweifelhaft: JA! Hätte sie können, lag absolut im Bereich des Realistischen.
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Wir scheitern im Fussball und im Hockey aus dem gleichen Grund
Die Schweiz kann im Fussball den WM-Halbfinal nicht erreichen und im Eishockey den WM-Final nicht gewinnen. So verschieden Fussball und Eishockey auch sein mögen – die Ursache des Scheiterns auf hohem Niveau ist die gleiche.
Die Unterschiede zwischen den Titelkämpfen im Fussball und im Eishockey sind enorm. 206 Länder versuchten, einen der 48 Plätze bei der WM 2026 zu erreichen (Kanada, Mexiko und die USA waren gesetzt). Es ist ein grosser Erfolg, dass sich die Schweiz seit 2006 sechsmal hintereinander qualifiziert hat. Italien hat die Qualifikation schon zum dritten Mal verpasst und grosse Fussballnationen wie Polen, Dänemark, Ungarn oder Chile waren 2026 nicht dabei.
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