Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Das Dorf Erstfeld mit dem Nachtclub Taverne, Mitte, in der Abenddaemmerung, aufgenommen am Montag, 28. September 2015. Experten des Forensischen Instituts Zuerich untersuchen im Auftrag des Obergerichts Uri mit einem gerichtlichen Augenschein den Tatort mit Schussrekonstruktion im Fall des Erstfelder Barbetreibers Ignaz Walker, am Montag 28. September 2015 in Erstfeld. Walker ist des versuchten Mordes und der versuchten vorsaetzlichen Toetung angeklagt. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Der Tatort: Nachtclub «Taverne» in Erstfeld.
Bild: KEYSTONE

Der Fall «Ignaz Walker» – Auftragsmord oder Komplott? Übersicht über einen der spektakulärsten Kriminalfälle der Schweiz

Am Montag wird der Fall Walker neu aufgerollt. Hat der Cabaretbetreiber Ignaz Walker den Mord an seiner Ehefrau in Auftrag gegeben? Oder wurde er Opfer eines Komplotts?

Carmen Epp



Die Autorin

*Carmen Epp verfolgt den Fall Ignaz Walker seit 2012, zunächst als Journalistin beim «UrnerWochenblatt», seit Februar diesen Jahres als Freischaffende. Sie wird für watson über den Berufungsprozess berichten.

Der Erstfelder Cabaretbetreiber Ignaz Walker soll im November 2010 einen Killer beauftragt haben, seine damalige Ehefrau umzubringen – mit einer Waffe, mit der Walker selber im Januar 2010 auf einen Gast geschossen haben soll. Das Urner Landgericht verurteilte Walker 2012 für die beiden Taten zu zehn Jahren Haft, ein Jahr später erhöhte das Obergericht die Strafe auf 15 Jahre.

Nachdem das Bundesgericht das Urteil gegen Walker im Dezember 2014 aufhob, wird der Fall Walker ab heute, 19. Oktober, vor dem Urner Obergericht neu verhandelt.

Diese Personen spielen im Fall Walker eine Rolle:

Der Angeklagte

Fall Ignaz Walker

Ignaz Walker bei seiner Haftentlassung Ende Januar 2015. Im Hintergrund Linus Jaeggi, sein Verteidiger.
Bild: Carmen Epp

Ignaz Walker ist der Urner Justiz seit jeher ein Dorn im Auge. Als er 1999 die Bar seines Restaurants Fisch in Erstfeld zu einem Cabaret umfunktioniert, werden immer wieder Verfahren gegen ihn eröffnet, die meisten – über 30 – müssen jedoch wieder eingestellt werden. Zwischen 1997 und 2009 steht Walker 14 Mal vor Gericht. Aus lediglich drei Verfahren geht ein Schuldspruch mit bedingten Geldstrafen und Bussen hervor; einmal, weil er einer Frau aus dem Milieu den illegalen Aufenthalt in der Schweiz erleichtert hatte, zweimal, weil er handgreiflich wurde. 

Der Holländer

Johannes P., ein in Frankreich wohnhafter Holländer, gerät am 4. Januar 2010 in einen Streit mit Walker. Als dieser den stark betrunkenen Gast aus seinem Lokal weist, fällt vor der Taverne ein Schuss. Johannes P. ruft die Polizei und sagt, Walker habe auf ihn geschossen. Der Holländer hat zum Tatzeitpunkt 2,58 Promille Alkohol im Blut. Fünf Monate später wird Johannes P. wegen Halluzinationen psychiatrisch behandelt. Der Holländer wird nie vor Gericht befragt. Trotzdem vertrauen die Urner Richter seinen Aussagen als Hauptbelastungszeuge gegen Walker. 

Johannes P. wird beim Prozess am Montag als Zeuge vorgeladen werden. Das verlangte das Bundesgericht.

Fall Ignaz Walker

Schüsse vor der Taverne.
Bild: Screenshot SRF

Der Polizist

Michael M., einer von drei Kriminaltechnikern der Kantonspolizei Uri, findet ein entscheidendes Indiz für die Schuld von Walker: eine DNA-Spur auf einer Patronenhülse, die vor dem Cabaret Taverne gefunden wurde. Bereits anderthalb Monate später weiss Michael M., dass die DNA mit jener von Walker übereinstimmt. Doch der Kriminaltechniker behält den Fund für sich. Erst sieben Monate später wird der DNA-Hit aktenkundig. Dabei hätte Michael M. gar nicht erst gegen Walker ermitteln dürfen. Der Grund: Er war nach einer Pöbelei im Cabaret Taverne in ein Verfahren mit Walker verwickelt. Ein Gutachten des Forensischen Instituts Zürich ergab ausserdem, dass DNA auf einer verschossenen Hülse so gut wie gar nicht überleben kann.

Weil unklar ist, wie Walkers Erbgut auf die Hülse gelangt ist, darf die DNA-Spur im Berufungsprozess vor dem Urner Obergericht nicht mehr als Beweismittel verwendet werden. So wollen es die Richter aus Lausanne. 

Die Ex-Frau

Bild

Ex-Frau Nataliya K.
Bild: Blick

Nataliya K. aus der Ukraine arbeitete zunächst als Tänzerin im Cabaret Taverne. 2005 heiratet sie Ignaz Walker – eine Ehe, die von Problemen geprägt ist. Nach der Trennung 2008 will sie sich nicht scheiden lassen; ihr Bleiberecht in der Schweiz würde damit in Gefahr geraten. Am 11. November 2010 reicht Ignaz Walker die Scheidungsklage ein. Einen Tag später wird Nataliya K. auf ihrem Heimweg in Erstfeld durch drei Schüsse verletzt. Gleich in ihrer ersten Einvernahme sagt Nataliya K. aus, dass nur ihr Ehemann für diese Tat infrage komme. Er habe zwar nicht selber geschossen, aber jemanden beauftragt. Die Version, die sie kurz darauf auch dem «Blick» schildert, wird denn auch zu jener der Urner Ermittler. Diese sind überzeugt, dass Walker einen Auftragskiller auf seine Ehefrau angesetzt haben muss – in eine andere Richtung wird gar nicht erst ermittelt.

Der Neue

Fall Ignaz Walker

Aus dem handschriftlichen Einvernahmeprotokoll
Bild: Aus den Akten

Claudio V., der neue Lebensgefährte von Nataliya K., stösst ins selbe Horn. Bereits bei seinem Notruf bei der Polizei – seine Freundin lag verletzt in seinem Hauseingang – bringt er Ignaz Walker ins Spiel. Walker habe Nataliya K. mehrfach mit dem Tod gedroht und kenne genug Leute, die er als Auftragskiller engagieren könne, sagt Claudio V. in seiner ersten Einvernahme. Am Schluss seines handschriftlichen Einvernahmeprotokolls steht: «Er soll endlich hinter Gitter kommen!!!»

Der Auftragsschütze

Fall Ignaz Walker

Interview im Gefängnis: Sasa Sindelic erzählt im Januar 2010 in der «Rundschau» eine neue Tatversion.
Bild: screenshot  srf-rundschau

Sasa Sindelic, ein in der Schweiz aufgewachsener Serbe, wird im Dezember 2010 in Wolfenschiessen (NW) festgenommen. Im Keller seiner Freundin finden die Ermittler mehrere Waffen, darunter jene, mit der auf Nataliya K. und Johannes P. geschossen worden war. Für die Urner Richter ein entscheidendes Indiz: Weil beim Schuss auf den Holländer die gleiche Waffe verwendet wurde, muss Walker auch den Mord an Nataliya K. in Auftrag gegeben haben. Sindelic bestreitet, auf die Ukrainerin geschossen zu haben, wird vom Urner Landgericht jedoch schuldig gesprochen und sitzt seit Dezember 2010 seine achtjährige Haftstrafe ab.

Im Januar 2010 schildert der rechtskräftig verurteilte Auftragsschütze in der «Rundschau» des SRF eine neue Tatversion. Ignaz Walker habe mit den Schüssen auf Nataliya K. nichts zu tun; es habe sich um ein Komplott von ihm, Nataliya K. und Claudio V. gehandelt – das Ziel: Walker hinter Gitter zu bringen.

Fall Ignaz Walker

Die Tatwaffe, die bei Sindelics Freundin im Keller gefunden wurde.
Bild: Aus den Akten

Tatsächlich wanderte Walker hinter Gitter – 4 Jahre, 7 Monate und 22 Tage in Untersuchungshaft. Seit 22. September ist er wieder auf freiem Fuss. 

Neben Johannes P., Ignaz Walker, Nataliya K. und Sasa Sindelic werden weitere Personen vor dem Obergericht befragt:

Die Oberstaatsanwältin

Esther Omlin, Oberstaatsanwältin von Obwalden, hat in den ersten Monaten die Untersuchungen gegen Sasa Sindelic geleitet, weil dieser bereits ein anderes Vergehen in Obwalden begangen hatte. Heute hat sie mit dem Fall nichts mehr zu tun; Uri hatte ihn im April 2011 wieder an sich gerissen. Gegenüber der «Rundschau» liess sie jedoch verlauten, sie hätte damals immer grössere Zweifel gehabt, dass Walker Sindelic den Auftrag gegeben habe. Diese Zweifel soll sie nun vor Obergericht ausführen.

Der Forensiker

Martin Lory, Schusswaffenexperte am Forensischen Institut (FOR) in Zürich, war nach der neuen Version von Sasa Sindelic beauftragt worden, ein Gutachten zu erstellen. Darin solle die Frage geklärt werden, welche der Versionen anhand des Spurenbildes am Tatort plausibler sei. Statt eines Gutachtens führte das FOR Ende September eine Schussrekonstruktion am Tatort durch.

Experten des Forensischen Instituts Zuerich untersuchen im Auftrag des Obergerichts Uri mit einem gerichtlichen Augenschein den Tatort mit Schussrekonstruktion im Fall des Erstfelder Barbetreibers Ignaz Walker, am Montag 28. September 2015 in Erstfeld. Walker ist des versuchten Mordes und der versuchten vorsaetzlichen Toetung angeklagt. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Experten des Forensischen Instituts Zürich untersuchen im Auftrag des Obergerichts Uri den Tatort mit Schussrekonstruktion.
Bild: KEYSTONE

Mit der Originalwaffe und scharfer Munition wurden drei Versionen durchgespielt: jene der Staatsanwaltschaft, welche sich auf die Aussagen von Nataliya K. stützt, jene der Verteidigung, die von einem Komplott ausgeht, und eine neue Version von Nataliya K., die sich von ihren bisher gemachten Aussagen deutlich unterscheidet. Vor dem Urner Obergericht wird Martin Lory nun die Ergebnisse präsentieren und eine Einschätzung geben darüber, was plausibler ist: ein tatsächlicher Mordauftrag mit der Absicht, Nataliya K. zu töten, oder ein Komplott, bei dem nur ihre Handtasche hätte getroffen werden sollen.

Die Ausgangslage

Man darf gespannt sein auf den Berufungsprozess vor dem Urner Obergericht. Für den ersten Fall, den Schuss vor der Taverne im Januar 2010, verbleibt als Indiz gegen Ignaz Walker nur noch die Aussage von Johannes P. Gelingt es der Staatsanwaltschaft nicht, die Richter zu überzeugen, dass Walker mit der Blow Mini auf den Holländer geschossen hat, dürfte es schwierig werden, den Zusammenhang zum Schuss auf Nataliya K. herzustellen. Dies, zumal sich in den Akten einige Indizien finden, die für die Komplott-Version sprechen.

Das könnte dich auch interessieren:

Neuer Kampfjet: Parlament entscheidet im Überschall-Tempo

Link zum Artikel

Wo stand die erste Manor-Filiale der Schweiz? Und wo McDonald's? Die grosse Übersicht

Link zum Artikel

Thomas Cooks Pleite und die «grösste Rückführungsaktion seit dem WWII» – 6 Antworten

Link zum Artikel

«Schwarzer Tag»: Manor schliesst Standort Zürich Bahnhofstrasse Ende Januar 2020

Link zum Artikel

Schweizer verschwindet auf LSD-Trip im Disneyland – und landet hart wieder in der Realität

Link zum Artikel

Roger Köppel sprengt die Zürcher Ständerats-«Arena» – zumindest fast

Link zum Artikel

Diese 9 Food Trucks aus New York wünschen wir uns in der Schweiz (weil absolut 🤤)

Link zum Artikel

Federer/Nadal necken sich wie ein altes Ehepaar und McEnroe will «ihre Karrieren beenden»

Link zum Artikel

«Kein Brexit ohne Parlament!» John Bercow sagt Johnson in Zürich den Kampf an

Link zum Artikel

St. Galler Polizist schiesst sich aus Versehen in den Oberschenkel

Link zum Artikel

Die lange Reise der Schiedsrichter-Pfeife an die Rugby-WM nach Japan

Link zum Artikel

Eins vor Tod will ich Sex und (eventuell) eine Ohrfeige

Link zum Artikel

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • freie-person1 02.11.2015 20:32
    Highlight Highlight Verarschung pur von den Behörden! Wer das ganze ein wenig mit verfolgte und den Kanton Uri kennt, weiss das seit Jahren ein falsches Spiel gespielt wird von den Behörden! Ob die Herren noch ruhig schlafen können?! Ich und viele andere könnten es nicht mit diesem gewissen!
  • Tschosch 22.10.2015 08:04
    Highlight Highlight Gut zusammengefasst.
    Angenehm zu lesen.
    Danke watson – einmal mehr.

Neue Studie zeigt: 33'000 Suizidversuche innert eines Jahres in der Schweiz

Die Studienautoren sind selber erstaunt, wie viele Befragte über Suizidversuche berichten. Am höchsten sind die Zahlen bei Menschen mit geringer Bildung und bei Alleinstehenden.

Je höher die Bildung, desto seltener versuchen Menschen, sich das Leben zu nehmen. Das hat sich in einer Befragung von fast 20 000 in der Schweiz wohnenden Menschen deutlich gezeigt. In den zwölf Monaten vor der Befragung hatte im Schnitt jede tausendste Person mit einem Hochschul- oder Fachhochschulabschluss einen Suizidversuch gemacht. Bei denjenigen, die nur die obligatorische Schule abgeschlossen haben, waren es dreizehn von tausend.

Erstaunt sind die Autoren darob nicht. «Wenn wir …

Artikel lesen
Link zum Artikel