Wie die Stadt Zürich das Energiesparen unattraktiver macht
Die Stadt Zürich setzt aufs Verursacherprinzip. Sie ist dabei so konsequent, dass sie 2025 die äusserst beliebten Sperrgutentsorgungscoupons strich. Selten löste ein so sperriger Begriff so viele Emotionen aus.
Die Stadt Zürich setzt auch auf Fernwärme. Heute erschliesst das grösste Fernwärmenetz der Schweiz ein Drittel der Stadt. Bis 2040 sollen es gar 60 Prozent sein. Doch ausgerechnet bei der Fernwärme würgt die Stadt das Verursacherprinzip ab. Dies mit dem neuen Fernwärmetarif 2027. Der Anreiz, beim Heizen zu sparen, wird zurückgeschraubt. Die Stadt und das EWZ sehen das anders – dass die Emotionen in der Zwinglistadt nicht erneut hochkochen, liegt an der Komplexität des Themas – und an der kniffligen Berechnung der Tarife.
Eine Fernwärmerechnung des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) besteht aus zwei Positionen: aus dem Leistungspreis (Bereitstellung des Services) und dem Arbeitspreis (tatsächlicher Verbrauch von Wärme). Hinter beiden Posten verbergen sich interessante Rechnungen – die fürs weitere Verständnis leider erklärt werden müssen:
Der Leistungspreis aktuell nach Tarif 2022 des Wärmeverbunds KVA und Holz
Der Leistungspreis umfasst drei Komponenten:
- A: eine Pauschale (900 Franken)
- B: eine abonnierte Höchstleistung (42 Franken pro kW)
- C: Den Faktor «Index der Wohnbaupreise» (2026 = 1,14).
Für Einfamilien- und kleinere Mehrfamilienhäuser entsteht aktuell so die Rechnung:
(900 Franken + 42 Franken pro abonnierte Leistung in kW) x 1,14 (Index 2026).
Spezielles Augenmerk verdient vor allem Punkt B – die «abonnierte Höchstleistung». Das ist die Leistung, die eine Immobilie maximal beziehen kann. Sie wird zwischen der Besitzerschaft und dem EWZ vertraglich festgesetzt und aktuell mit 42 Franken pro kW verrechnet. Dieser Wert wird nur während der kältesten Wintertage erreicht. Trotzdem ist er von Bedeutung, weil das EWZ wissen muss, zu welchen Leistungen seine Anlagen fähig sein müssen. Dies für den Fall, dass uns Väterchen Frost dereinst für Wochen mit Temperaturen von –10 Grad beglückt und Herr und Frau Zürcher ihre Wohnungen 24 Stunden unter Volllast beheizen.
ImmobilienbesitzerInnen, die hier zu knapp kalkulieren, laufen Gefahr, ein paar Tage im Jahr zu frösteln, die Wohnung weniger schnell warm zu kriegen, über weniger Warmwasser zu verfügen – oder dasselbe ihren MieterInnen zuzumuten. Wer zu viel abonniert, überschiesst ausser während extremer Kältephasen konstant – und bezahlt entsprechend zu viel.
Für unser Beispiel wählen wir ein Einfamilienhaus mit einem Abo über 15 kW. Wie viel ein Haus tatsächlich benötigt, hängt von diversen Faktoren wie der Isolation der Immobilie ab. 15 kW können zu viel, zu wenig oder ideal sein.
Der Leistungspreis für ein solches Haus beträgt aktuell entsprechend: (900 + 15 x 42) x 1,14 = 1744.20 Franken.
Der Arbeitspreis nach Tarif 2022 des Wärmeverbunds KVA und Holz
Zum Leistungspreis addieren sich die Kosten für die tatsächlich bezogene Energie – der Arbeitspreis. Auch dieser besteht aus drei Komponenten:
- A: den Kosten für die bezogene Wärme pro MWh (65 Franken pro Megawatt)
- B: einem komplizierten gewichteten Teuerungsfaktor aus vier verschiedenen Komponenten (Aktuell: 1,24)
- C: einem Rücklauftemperaturzuschlag.
Punkt C bestraft schlecht eingestellte Anlagen und fällt in unserem gut gewarteten Bünzli-Haus, das im Jahr 24'000 kW Fernwärmeleistung bezieht, nicht ins Gewicht.
Der Arbeitspreis dieses Hauses beträgt deshalb:
(24 x 65 Franken)x1,24 = 1934.40 Franken.
Unsere Häuschenbesitzer bezahlen aktuell 3678.60 Franken für die Fernwärme pro Jahr. Das ist einiges – aber durchaus realistisch.
Tarif 2027 des Wärmeverbunds KVA und Holz
Im Jahr 2027 werden die Tarife angepasst. Wie die Stadt schreibt, soll das «indexierte Preissystem durch ein kostenbasiertes Gebührenmodell» ersetzt werden, «das die tatsächlichen Kosten für den Ausbau und den Betrieb der thermischen Netze abbildet». Die vom EWZ dafür vorgeschlagenen Änderungen wurden vom Stadtrat abgesegnet. Neben verschiedenen kleineren Veränderungen fallen dabei vor allem zwei Anpassungen schwer ins Gewicht: Der Preis für die tatsächlich bezogene Wärme sinkt deutlich. Dafür stiegen die Kosten der pro kW abonnierten Leistung – und das nicht zu knapp.
Der neue Arbeitspreis: Heute kostet jede bezogene Megawattstunde 65 Franken (multipliziert mit dem Teuerungsindex). Ab 2027 fällt dieser Betrag um beinahe die Hälfte auf 35 Franken. Werden auch die Indizes berücksichtigt (sie starten 2027 bei 1), fallen die Kosten für eine Megawattstunde von 80.6 Franken auf 35.
Der neue Leistungspreis: Heute kostet jedes abonnierte kW 42 Franken. Ab 2027 steigt dieser Preis auf 145 Franken. Das ist mehr als eine Verdreifachung.
Was bedeuten diese Änderungen für unser kleines Beispielhaus? Der Arbeitspreis sinkt von 1’934.40 auf 840 Franken. Gleichzeitig steigt der Leistungspreis von 1744.20 auf 3075 Franken. Statt 3678.60 bezahlt unsere Testfamilie neu 3’915 Franken – 6 Prozent (236.40 Franken) mehr – ein Netflix-Jahresabo. Fairerweise muss man sagen: Es liessen sich auch Beispiele finden, die mit dem neuen Tarif etwas günstiger fahren.
Der springende Punkt ist die Verlagerung der Kosten von variabel auf fix. Wer der Umwelt und dem Portemonnaie zuliebe den Thermostat herunterdreht, spart nur noch Taschengeld. Das zeigt das Beispiel unserer Häuschenbesitzer. Sie duschen kälter und weniger lang und heizen trotz Protesten der Schwiegermutter nicht mehr über 20 Grad. So reduziert sich ihr Verbrauch um 16,6 Prozent (von 24 MW auf 20 MW).
Unter dem alten Tarif hätte diese Askese eine Einsparung von 322.40 Franken (8,76 Prozent) bedeutet. Ab 2027 sind es noch 140 Franken (3,58 Prozent). Eine 16,6-prozentige Energiereduktion sorgt für Kosteneinsparungen von nicht einmal vier Prozent? Anreiz geht anders – zumal die Kosten der Fernwärme sowieso bereits ziemlich stolz sind.
Die Position der Stadt
Die Stadt, repräsentiert vom EWZ, erklärt auf Anfrage von watson ihre Schritte folgendermassen:
Was das EWZ verschweigt: Es bezahlt ERZ (Entsorgung und Recycling Zürich – ja, es ist kompliziert) für die Abwärme neu einen Pauschalbetrag. Dies geht aus dem Stadtratsbeschluss vom 26. November 2025 hervor. Damit werden variable Kosten in Fixkosten umgewandelt – die das EWZ nun auf die Kunden abwälzt. Weiter erklärt das EWZ:
Beide Argumente gelten nur für die kleine Minderheit der Einfamilienhausbesitzer. Sie wollen aus Eigennutz ihre Heizkosten senken. Für Mehrfamilienhausbesitzer gilt das nicht. Sie leiten die Fernwärmekosten an ihre Mieter weiter. Zusätzlicher Anreiz, ihre Immobilie zu renovieren, entsteht nicht. Das EWZ sieht das allerdings anders:
Zusätzlich muss man dem EWZ vorhalten, dass es aktuell keine Werkzeuge gibt, die «richtige abonnierte Leistung» zu eruieren. Nur bei ein paar Hundert von 3000 Fernwärme-Anschlüssen des Verbunds KVA und Holz werden die Verbrauchsdaten im Stundentakt gemessen – sodass aufschlussreiche Daten vorhanden wären. Bei allen anderen Anschlüssen erfolgt eine vierteljährliche Bestandesaufnahme. Infolge dieser Datengrundlage die «richtige abonnierte Leistung» zu bestimmen, ist im besten Fall Handgelenk mal Pi.
Dieses Argument leuchtet ein. Doch was das EWZ glättet, sind nur die Peaks – nicht den Gesamtverbrauch. Und das legt die grundlegende Problematik der Fernwärme zutage. Dem EWZ sind (zu Recht) die Extremausschläge ein Dorn im Auge. Um diese zu dämpfen, opfert es den Anreiz, die Gesamtenergiemenge zu drosseln.
Das Argument, freiwerdende Kapazität für neue Liegenschaften zu nutzen, gilt ausserdem nur, sofern der neue Tarif tatsächlich eine Sanierungslawine lostritt. Dies darf, weil dafür bei Mehrfamilienhäusern kein Anreiz besteht, angezweifelt werden. In der Gesamtheit wird sich zeigen, ob die grosse Masse der Mieter mehr ins Gewicht fällt, deren Sparanreize torpediert wurden.
Auf jeden Fall als Sieger hervorgehen wird das EWZ. Mit dem neuen Tarif gewinnt es Planungssicherheit. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht handelt es sich um einen cleveren Schachzug – der allerdings stark nach Beanspruchung der Monopolstellung müffelt. Gleichzeitig versichert sich das EWZ gegen warme Winter (die sich häufen werden). Dank der hohen Fixkosten bleiben die Einnahmen auch bei geringeren bezogenen Heizleistungen saftig.
Für Immobilienbesitzer wird sich schon bald die Frage stellen, wie «die richtige abonnierte Leistung» für sie aussieht – und wie diese evaluiert wird. Das EWZ muss im Minimum hier nachlegen. Eine grobe Milchbüechlirechnung im Stil «Totalverbrauch durch 1800 Betriebsstunden» kann's nicht sein.
Dass ein paar Spitzenstunden pro Jahr sich dermassen extrem auf die Kosten auswirken – und der tatsächliche Gesamtenergiekonsum nur noch marginal –, ist nur sehr schwer nachzuvollziehen. Ein paar kalte Tage im Winter entscheiden. Nicht zuletzt deshalb – und wegen der stolzen Preise – werden sich Immobilienbesitzer, vor allem Einfamilienhausbesitzer, fragen müssen, ob das Fernwärmesystem tatsächlich das beste ökologische Heizsystem in der Stadt Zürich für sie ist.
