Der Gegenpapst Joseph Odermatt will nicht, dass seine Gläubigen schwimmen lernen
Bei der Analyse von sektenhaften Phänomenen beschleicht einem oft das Gefühl, dass manche Sektenführer und ihre Anhänger geistig umnachtet seien. Vor allem dann, wenn ihr religiöses Konzept von abstrusen Ideen, Fantasien und Sehnsüchten geprägt ist und die Führer von Allmachtsvorstellungen geleitet werden. Biegen sie ihr religiöses Weltbild mit der Brechstange zurecht, nimmt das Unheil seinen Lauf.
Solche Entwicklungen sind nicht nur bei klassischen Sekten wie Scientology zu beobachten, sondern auch im Umfeld der monotheistischen Religionen wie dem Christentum, Judentum und dem Islam.
Der Nidwaldner Josef Odermatt als Papst
Ein Beispiel dafür sind die Palmarianer, die vor einer Woche in die Schlagzeilen gerieten. Die in Spanien ansässige Gemeinschaft hat sich von der katholischen Kirche abgespaltet, ihr aktueller Papst ist Petrus III., mit bürgerlichem Namen Joseph Odermatt.
Richtig, der Gegenpapst ist ein waschechter Nidwaldner aus Stans. Er betrachtet sich als Oberhaupt der wahren katholischen Kirche. Bei seinem Machtanspruch stört es ihn nicht, dass die «Mutterkirche» 1,4 Milliarden Gläubige zählt, seine Splittergruppe nach eigenen Schätzungen nur etwa 10'000.
Zur Abspaltung kam es nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das von 1962 bis 1965 dauerte. Der spanische Katholik Clemente Domínguez y Gómez betrachtete die sanfte Öffnung der katholischen Kirche als Verrat am Geist der reinen Lehre. Er liess sich auf fragwürdige Weise zum Priester weihen und gründete einen eigenen Orden, den er als Gegenkirche verstand.
Am 6. August 1978, dem Todestag von Papst Paul VI., wählten ihn seine «Kardinäle» zu ihrem palmarianischen Papst. Der Sprung ins geistige Mittelalter war dann nur noch eine Formsache.
Die Palmarianer betrachten heute die Päpste in Rom als Ketzer. Sie sind überzeugt, dass sie die wahre katholische Kirche repräsentieren und der Papststuhl nun in ihrem Zentrum im spanischen Ort Palmar de Troya steht.
Womit wir bei den aktuellen Schlagzeilen angekommen sind. Gesorgt dafür hat das Bundesgericht in Lausanne. Es musste darüber urteilen, ob ein heute zehnjähriger Urner Schüler Dispens für den Schwimmunterricht bekommt.
Rigide Kleidervorschriften
Seine palmarianischen Eltern erklärten, ihre Religion verbiete es ihnen, in der Öffentlichkeit ein Badekleid zu tragen. Tatsächlich sind die Kleidervorschriften bei der palmarianischen Kirche ähnlich rigide wie bei den Islamisten. Sie betrachten den Besuch einer Badeanstalt als Affront gegen Gott. Der ganze Körper muss bedeckt sein, Frauen tragen lange Röcke und einen Schleier.
Das Bundesgericht entschied gegen die Eltern des Primarschülers, der nun den Schwimmunterricht besuchen muss. Es gewichtete Schwimmkenntnisse höher als die religiösen Gebote. Und somit auch als die Angst vor der vermeintlichen göttlichen Strafe.
Einschneidender als die Kleidervorschriften sind die religiösen Dogmen und die politische Haltung der Gegenkirche. Die Marienverehrung nimmt bei den Palmarianern ein kurioses Ausmass an. Der Gründer Clemente Domínguez y Gómez behauptete, ihm sei im spanischen Ort Palmar de Troya 1968 bei göttlichen Visionen die Mutter Gottes erschienen.
Die himmlischen Botschaften bestätigten seine Sehnsüchte, eine Gegenkirche mit ihm als geistlichem Führer zu gründen. Später erlebte er weitere religiöse Phänomene. Er erklärte, Wunder und Stigmatisationen erlebt zu haben. Pech für ihn war aber, dass das aus den vermeintlichen Wunden austretende Blut nicht seine Blutgruppe aufwies.
Bei einer seiner Visionen erhielt Gómez angeblich die Botschaft, der «richtige» Papst Paul VI. sei von einer verschwörerischen Gruppe von Kardinälen eingesperrt und unter Einfluss von Drogen gehalten worden.
Schliesslich wies der palmarianische Papst Maria einen göttlichen Rang zu. Weiter behauptete Gómez, bei der Eucharistie sei nicht nur Jesus Christus anwesend, sondern auch Maria.
Priester vermählen sich mit Maria
Kurios ist auch der Glaube, dass sich die angehenden Priester bei der Weihe mit Maria vermählen würden. Der Gegenpapst erklärte ausserdem, dass bei der bevorstehenden Apokalypse nicht nur der Antichrist eine zentrale Rolle spiele, sondern auch die satanische Gegenspielerin von Maria, die die Palmarianer Antimaria nennen.
Als der Gegenpapst die Bibel nach seinem Gusto überarbeitete, überspannte er den Bogen. Viele Gläubige goutierten die Modifikationen nicht und kehrten der palmarianischen Kirche den Rücken.
Politisch gehören die Palmarianer zum rechtsradikalen Lager. Sie verehrten beispielsweise den spanischen Diktator Franco als Heiligen. Auffällig ist weiter die konsequente Abkehr von der modernen Welt. Radio, Fernsehen und Zeitungen sind verpönt.
Phasenweise war es den Gläubigen nicht erlaubt, Kontakt mit «Ungläubigen» aufzunehmen. Moderne Errungenschaften sind für sie des Teufels. Selbst von den Menschenrechten wollen sie nichts wissen. Ihr einziger Kompass ist Gottes Wort in ihrer Bibel.
Religionen werden von Menschen gemacht
Fazit: Religionen werden von Menschen gemacht, Glaubensgemeinschaften von Menschen gegründet. Meist von machthungrigen Männern. Nichts eignet sich so gut für geistige Verwirrungen und Missbräuche wie der religiöse Glaube. Deshalb tut man gut daran, besonders in Glaubensfragen Vernunft und Verstand zu schärfen.
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