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Ein Bobby bedeckt Michael O'Briens Schambereich mit seinem Hut.
Ein Bobby bedeckt Michael O'Briens Schambereich mit seinem Hut.
Bild: Getty

Die Geschichte des ersten Flitzers beim Sport (und was er heute darüber denkt)

Was bleibt vom Champions-League-Final in Erinnerung? Liverpools Sieg und der Handspenalty nach 20 Sekunden. Aber weil das Spiel so ereignislos war, bestimmt auch ein blondes Model im Badeanzug die Schlagzeilen. Der Ur-Vater aller Flitzer bedauert längst, was er losgetreten hat.
03.06.2019, 13:4517.12.2019, 14:39

Langes blondes Haar, eng geschnittener Badeanzug: So lernte die Welt am Samstagabend Kinsey Wolanski kennen. Das Model machte Werbung für die Internetseite ihres Freundes.

Das war 1974 noch ganz anders. Aus diesem Jahr ist die erste Aktion eines Flitzers bei einem Sportanlass überliefert. Und Michael O'Brien war tatsächlich noch ein echter Flitzer. Er rannte nicht für ein Anliegen, war kein Vehikel eines Sponsors, sondern gewann nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, eine Wette.

«Offensichtlich nicht viel.»
O'Brien auf die Frage, was er sich bei seiner Einlage gedacht habe

Es ist ein Rugby-Länderspiel, England spielt im Londoner Twickenham gegen Frankreich. O'Brien, ein 25 Jahre alter Buchhalter aus Australien, sitzt mit einigen Kumpels auf der Tribüne, hat schon ein paar Bier intus. «Es war ein Engländer, der mich herausgefordert hat», verriet der erste (bekannte) Flitzer der Geschichte, als er nach drei Jahrzehnten erstmals öffentlich darüber sprach. «Meine australischen Freunde sagten ihm, er solle nicht mit mir wetten, weil ich es wirklich machen würde. Und so kam es dann auch.» In der Halbzeitpause zieht Michael O'Brien blank und rennt über den Platz.

Um 10 Pfund geht es, heute entspricht das etwa 140 Franken. O'Brien gewinnt das Geld. Auch deshalb, weil die Polizisten zu ihm nett sind. «Ich sagte ihnen sofort, dass es sich um eine Wette handelt und ich es bis zum Zaun schaffen müsse. Also führten sie mich dahin und liessen mich ihn berühren.» Den Wettgewinn ist Michael O'Brien bald wieder los: Die Busse, die er später kassiert, ist gleich hoch.

«Ich bin überzeugt davon, dass er mich um einen Kuss bat», scherzte Polizist Perry (links). Die Antwort O'Briens: «Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.»
«Ich bin überzeugt davon, dass er mich um einen Kuss bat», scherzte Polizist Perry (links). Die Antwort O'Briens: «Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.»
Bild: Getty

Heute kaum vorstellbar, aber damals Tatsache: Das Rugby-Länderspiel wird nicht im Fernsehen übertragen. So wird die Welt erst auf den Flitzer aufmerksam, weil Fotograf Ian Bradshaw im richtigen Moment abdrückt. Nämlich just dann, als ein Polizist seinen Bobby-Helm über die Schamgegend des jungen Mannes hält. Nur so kann das Bild am nächsten Tag gross in der Zeitung gedruckt werden.

«Es war ein ausserordentlich kalter Tag und Michael hatte nichts, worauf er hätte stolz sein können.»
Polizist Bruce Perry über jenen Teil des Flitzers, den er mit dem Helm verdeckte

Für Michael O'Brien ein entscheidender Moment in der Geschichte des Flitzens. «Wäre Ian Bradshaw damals nicht zur Stelle gewesen, hätten bloss die 48'000 Zuschauer im Stadion davon erfahren.» Die meisten anderen Fotografen hatten sich in der Halbzeitpause in die Katakomben verzogen, um sich an diesem kalten Nachmittag aufzuwärmen.

Dass er am 20. April 1974 nackt über das Spielfeld gerannt ist, bereut er nicht. Dass er damit einen Trend initiiert hat, der bis heute anhält, bedauert er jedoch sehr. «Ich fühle mich schuldig. Leute, die mitten in einem Spiel stören oder auf Pferde- oder Autorennbahnen rennen, das ist doch einfach nur pure Dummheit.» Sein Ratschlag an jeden, der sich überlegt, ebenfalls im Stadion zu flitzen, fällt entsprechend kurz aus: «Mach es nicht!»

Den Helm schenkte der Polizist dem Flitzer, als es 2006 bei einer australischen TV-Sendung zum Wiedersehen kam.
Den Helm schenkte der Polizist dem Flitzer, als es 2006 bei einer australischen TV-Sendung zum Wiedersehen kam.
Bild: Getty

Kinsey Wolanski, die Flitzerin vom Champions-League-Final 2019 in Madrid, wurde vom Feld abgeführt und direkt in eine Arrestzelle gesperrt. Es heisst, sie sei erst nach einigen Stunden wieder freigelassen worden.

Vor 45 Jahren nahm man den Zwischenfall wesentlich lockerer. Michael O'Brien, der Flitzer aus der Halbzeitpause, sah die zweite Hälfte schon wieder von der Tribüne aus. «Sie nahmen mich mit, ich zog mich wieder an, auf dem Polizeiposten füllte ich einige Formulare aus und rechtzeitig, als die Spieler aufs Feld zurückkehrten, sass ich wieder auf dem gleichen Platz wie vorher.»

Ein Bild, das um die Welt ging
Weil Ian Bradshaw genau den Moment erwischte, als der Polizistenhelm das Gemächt von Michael O'Brien verdeckte, konnte das jugendfreie Bild veröffentlicht werden. Das «Life Magazine» wählte es zum Foto des Jahres, das «People Magazine» gar zum Foto des Jahrzehnts und Fotograf Bradshaw gewann damit den renommierten World Press Photo Award. «Ich mag das Foto, es machte mich bekannt», sagt Bradshaw rückblickend. «Aber ich musste gar nicht viel dafür tun. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, hatte das richtige Objektiv an der Kamera und einen Film drin.»
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